Napoleon – Schöpfer des bayerischen Königreichs

von Redaktion

Vor 250 Jahren, am 15. August 1769, wurde Napoleon Bonaparte geboren. Zweieinhalb Jahrzehnte führte der Kaiser der Franzosen Kriege gegen seine europäischen Machtrivalen. Mit Napoleons Hilfe stieg Bayern zum Königreich auf, gewann große Gebiete dazu. Als Napoleons Stern sank, wechselte Bayern rechtzeitig die Seiten.

VON THOMAS SCHULER*

München – Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland! Dieses Vaterland bzw. der heutige Freistaat Bayern bildet mit 70 550 Quadratkilometern das geografisch größte Bundesland Deutschlands und verdankt diese Größe historisch Napoleon. Dabei hätte um das Jahr 1800 nicht viel gefehlt und Bayern wäre zu einer österreichischen Provinz geworden. Dann gäbe es wohl keine CSU, keinen 1. FC Bayern München, kein Oktoberfest. Und auch mit der Mundart wäre so verfahren worden, wie es im altbayerischen Innviertel geschah. Das Innviertel war 1779 von Österreich annektiert worden, und eine der ersten Maßnahmen der neuen Herren aus Wien war, Lehrer an sämtliche Schulen zu schicken, um den österreichischen Dialekt zu lehren.

Wie aber kam es, dass die Weichen für eine genau gegenteilige Entwicklung gestellt wurden, Bayern zum Königreich aufstieg und eine in seiner Geschichte nie gesehene Blüte erlebte?

Betrachtet man die politische Rolle Bayerns 1789, dem Jahr der Französischen Revolution, so war diese Entwicklung kaum vorhersehbar. Das von den Wittelsbachern regierte Kurfürstentum war einer von hunderten Staaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der 1793 im Rahmen des Reichskrieges Soldaten gegen Frankreich stellen musste. 5105 Bayern zogen zur Wiederherstellung der vorrevolutionären Ordnung in Frankreich mit in den Krieg. Nachdem in Frankreich eine Niederlage auf die andere folgte, verlagerte sich der Kriegsschauplatz in deutsche Lande – und französische Revolutionstruppen plünderten ab 1796 die bayerischen Städte und Dörfer aus.

Nach einer wiederholten Besetzung Münchens stellten die Franzosen fest, dass es keine vernünftigen Karten des Landes gab, woraufhin sie begannen, Bayern vermessen zu lassen. Diese Arbeiten wurden nach dem Abzug der Franzosen fortgesetzt. So wurde Bayern wenige Jahrzehnte später zu einem der bestvermessenen Länder Europas. Fast zeitgleich begann am 20. Februar 1799 die bayerische Erfolgsgeschichte. Eine fürstliche Kutsche rollte durch das Karlstor in die Residenzstadt München, in der nach dem Tod des ungeliebten Carl Theodor der neue Landesherr Maximilian IV. Joseph und sein kongenialer Minister Maximilian Graf von Montgelas saßen. Diese beiden Männer bewahrten Bayern nicht nur davor, von Österreich einverleibt zu werden, sondern katapultierten Bayern von einem in rückständigen Strukturen verhafteten Staat in die Neuzeit.

Zunächst aber hatte die neue Regierung den Krieg als Verbündeter Österreichs gegen Frankreich geerbt. Der Krieg ging in der Schlacht von Hohenlinden am 3. Dezember 1800 vernichtend verloren. Die unterlegenen Habsburger hätten nichts lieber getan, als sich im Rahmen der Friedensverhandlungen das kleine Nachbarland Bayern vollständig einzuverleiben. Angesichts dieser Bedrohung entschieden sich Maximilian IV. Joseph und Montgelas zu einer außenpolitischen Kehrtwende hin zu Frankreich. Napoleon versprach Bayern zwei Dinge: Schutz vor den Annexionsbestrebungen Österreichs und territoriale Vergrößerung.

In die Realität umgesetzt wurde dies zunächst infolge des Friedensvertrags von Lunéville zwischen Frankreich und dem Alten Reich. Der Kontrakt von 1801 sah vor, dass das linke Rheinufer an Frankreich fiel und diejenigen deutschen Fürsten, denen dadurch Gebiete verloren gingen, auf dem rechten Rheinufer entschädigt werden sollten. Einer der Begünstigten war Bayern, das zahlreiche Freie Reichsstädte und bis dahin selbstständige kirchliche Gebiete erhielt.

Als Österreich dann 1805 in Bayern einmarschierte, trat der Bündnisfall ein, da sich der Kurfürst im Geheimvertrag von Bogenhausen auch militärisch mit Napoleon verbündet hatte. Der französische Feldherr warf die Eindringlinge innerhalb von zwei Wochen aus dem Land und besiegte die Österreicher und Russen in der Entscheidungsschlacht von Austerlitz.

Infolge des Friedensvertrages von Preßburg bekam Bayern neben Lindau und der Markgrafschaft Vorderösterreich (Günzburg) ganz Tirol samt Südtirol, das dem geschlagenen Österreich entrissen wurde. Ab dem 1. Januar 1806 reichte das Reich der Wittelsbacher im Süden bis zum Gardasee. Nicht alle Neu- oder Beutebayern waren mit dieser aufgezwungenen Veränderung einverstanden. So eröffnete der Pfarrer von Günzburg seine Neujahrspredigt mit den Worten: „Der liebe Gott hat uns für unsere Sünden bestraft – wir sind bayerisch geworden!“ Weit zukunftsweisender aber war: Das Kurfürstentum Bayern wurde zum Königreich erhoben.

Allerdings hatte dieses Königreich einen Preis: die schöne Augusta Amalia von Bayern. Die 17-jährige Prinzessin sollte, so Napoleons klare Bedingung, seinem Stiefsohn Eugène de Beauharnais zur Frau gegeben werden. Eigentlich war Augusta zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Erbgroßherzog von Baden verlobt. Napoleon ließ die Verlobung kurzerhand auflösen. Als Napoleon in München eintraf, um der Hochzeit beizuwohnen, fragte er Augustas Erzieherin: „Hat die Prinzessin mit dem Prinzen von Baden geschlafen?“ Als die betagte Hofdame daraufhin in Ohnmacht fiel, interpretierte Napoleon diese Reaktion erleichtert als „Nein“. Die Trauung fand am 14. Januar 1806 im Grünen Salon der Münchner Residenz statt, und obwohl sich das Brautpaar zuvor nie gesehen hatte, entwickelte sich daraus eine Liebesbeziehung, aus der sieben Kinder hervorgingen.

Vor allem innenpolitisch wurden im neuen Bayern in den Folgejahren viele Veränderungen ins Werk gesetzt. Eine besonders wichtige entsprang dem Schatten Napoleons. Denn Frankreichs Kaiser hätte liebend gerne seinen Code Civil, das französische Zivil-Gesetzbuch, in Bayern eingeführt. Montgelas wollte das verhindern und ließ in aller Eile eine Konstitution (1808) erarbeiten, die als Vorläufer der bayerischen Verfassung von 1818 gilt.

Auch das Beamtentum sowie das Strafrecht wurden reformiert. Neben der Folter verschwanden aus dem Mittelalter stammende Straftatbestände wie Hexerei, Ketzerei und menschenunwürdige Strafen, die nach altbayerischem Recht möglich waren. Bis dahin hatte der Strafkatalog das Abhacken von Händen, Abschneiden der Ohren, Vierteilen, Pfählen, Rädern, Ertränken, das Zwicken mit glühenden Zangen und lebendig begraben werden enthalten – wobei diese Praktiken zuletzt kaum Anwendung fanden. Allerdings war die letzte öffentliche Vierteilung in München noch 1805 vollzogen worden. Als das neue Strafrecht 1813 schließlich eingeführt wurde, war es das modernste Europas.

In den Kriegen von 1806/07 und 1809 stand Bayern wieder an der Seite Napoleons, wodurch dem Land erneut beträchtliche Vergrößerungen zuteilwurden. Der Russlandfeldzug von 1812 brachte schließlich den Anfang vom Ende Napoleons. Nachdem in den Schneefeldern Russlands auch mehr als 30 000 tote Bayern lagen und es Anfang 1813 im Königreich so gut wie keine Familie gab, die nicht einen Angehörigen verloren hatte, drehte sich die Stimmung im Volk gegen den Kaiser der Franzosen.

Im Vertrag von Ried wechselte Max Joseph die Seiten – noch vor der Völkerschlacht von Leipzig, wo Napoleon eine schwere Niederlage erlitt, die ihn zum Rückzug zwang. Knapp zwei Wochen nach Leipzig wollte der bayerische General Carl Philipp von Wrede der stark dezimierten Grande Armée den Rückweg nach Frankreich abschneiden. Bei der Schlacht von Hanau erlitt das bayerisch-österreichische Heer aber eine blutige Niederlage und Wrede wurde schwer verwundet.

Obwohl die Ärzte die Gewehrkugel nicht entfernen konnten, führte der wider Erwarten rasch genesene Wrede, mit der französischen Kugel im Bauch, einige Wochen später die Bayern an der Seite der Alliierten nach Paris, das am 31. März 1814 besetzt wurde. Die Kugel wurde nach dem natürlichen Tod Wredes 1838 entfernt und 1945 von amerikanischen Truppen aus Schloss Ellingen gestohlen.

Als auf dem Wiener Kongress Europa neu geordnet wurde, gelang es Bayern unter der diplomatischen Führung Wredes, das meiste von dem, was es unter Napoleon erhalten hatte, zu behalten. Gleichwohl Salzburg und Tirol wieder an Österreich abgetreten werden mussten, erhielt das Land mit drei Ausnahmen die Grenzen, die es bis heute innehat.

Zum Andenken an den Sieg über Napoleon ließ König Ludwig I. nach 1825 die Befreiungshalle bei Kelheim und in München den Obelisken auf dem Karolinenplatz, die Feldherrnhalle und das Siegestor errichten. Dass sich bei den unter Napoleon gewonnenen Gebieten mehrere Zentren der späteren Industrialisierung befanden, trug wesentlich zum wirtschaftlichen Aufstieg Bayerns vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei. Die bayerische Erfolgsgeschichte, die ihre Wurzeln also in der napoleonischen Zeit hat, ließ Bayerns früheren Ministerpräsidenten Horst Seehofer, erfüllt von biblischem Selbstbewusstsein, sagen, Bayern sei die „Vorstufe zum Paradies“, was eine große deutsche Zeitung dann unter der Überschrift „Napoleon, Strauß, Seehofer“ aufgriff.

Artikel 2 von 4