Willkommen im Schaufenster

von Redaktion

Die Bundesliga wird sich heute zum Auftakt in der Allianz Arena wieder mit Lasershow und Lobeshymnen feiern. Doch die Fassade bröckelt. Immer mehr Stars wandern ins Ausland ab und selbst dem FC Bayern gelingt es nicht mehr, die großen Namen nach Deutschland zu locken. Schafft es die höchste deutsche Spielklasse, sich neu zu erfinden?

VON DANIEL MÜKSCH

München – Um die Faszination des Fußballs einzufangen, lohnt ein Blick in die Gedankenwelt von César Menotti: „Fußball ist ein Spiel der Freiheit, der Visionen und Gefühle. Fußball macht mich glücklich. Wenn ich auf ein Fußballfeld komme, und dort liegt ein Ball, dann will ich mit ihm spielen. Das Stadion ist ein Ort der Kreativität.“

Nur wenige Menschen beschreiben ihre Liebe zu dem Spiel so würdevoll wie die argentinische Trainerlegende. Beim Blick auf die neue Bundesliga-Saison dürfte dem 80-Jährigen in Buenos Aires um den deutschen Fußball jedoch ein wenig mulmig werden. Die von Menotti so verehrte Kreativität hat derzeit in der höchsten deutschen Spielklasse einen schweren Stand. Beziehungsweise sie wird exportiert – vorzugsweise nach England in die Premier League. Aber auch nach Spanien, Italien, Frankreich.

Diesen Sommer musste sich besonders Eintracht Frankfurt den Marktmechanismen des modernen Fußball-Geschäfts unterwerfen: Mit Luka Jovic und Sebastian Haller verließen zwei Akteure den Verein, die in der letzten Saison zusammen 47 Tore erzielten. Jovic wechselte für knapp 70 Millionen Euro zu Real Madrid, Haller für 50 Millionen zu West Ham United in die Premier League.

Das Beispiel Frankfurt zeigt, welche Rolle die Bundesliga einerseits schon immer einnimmt, und wo die Liga andererseits in den letzten Jahren an Kraft verloren hat. Der Transfer von Jovic zu Real Madrid zählt zur Kategorie: hat es schon immer gegeben. Nur sehr wenige Vereine in Europa warten mit dieser Mischung aus Prestige, Mythos und Geld auf.

Sorgen muss der Liga vielmehr der zweite Frankfurter Transfer bereiten – der Abgang des Franzosen Haller zu West Ham. Dieser Deal zeigt: Spieler verlassen die Liga inzwischen schon nach nur einer guten Spielzeit. Die deutsche Eliteliga ist zum Durchlauferhitzer für europäische Kicker-Karrieren mutiert. Vereine aus dem unteren Mittelfeld der Premier League agieren bei Verhandlungen mit dem FC Bayern und Borussia Dortmund auf Augenhöhe. Der Münchner Königstransfer, Lucas Hernández, wird den Rekordmeister sportlich nach vorne bringen. Für das große Spektakel steht er nicht. Früher schaffte es der FC Bayern, große Namen in mittelschweren Krisen zu verpflichten. Siehe Franck Ribéry oder Arjen Robben. Demnach wäre Gareth Bale von Real Madrid der logische Bayern-Deal gewesen. Doch der Waliser winkte ab. Er wäre eher nach China gewechselt, als in der Bundesliga auf Torejagd zu gehen.

Für den FC Bayern bedeutet das: Real spielt bei Transfers in einer anderen Liga. Die neuen Konkurrenten heißen West Ham United und Co. Was umso erstaunlicher ist, betrachtet man deren Leistungsbilanz: West Ham wurde letzte Saison Liga-Zehnter und spielt dieses Jahr nicht einmal international.

Für die deutschen Vereine resultiert daraus der permanente Zwang, sich neu erfinden zu müssen. Noch vor wenigen Jahren konnte die Bundesliga überragende Offensiv-Akteure zumindest für einige Jahre halten. Ein Diego verzauberte Bremen derart mit seinen Tricks und Toren, dass seine Klasse auch jenseits der Weser nicht verborgen blieb. Dennoch wechselte der Brasilianer erst nach drei Bundesliga-Jahren zu Juventus Turin.

Hinter der neuen Wanderlust verbirgt sich ein verändertes Berufsethos, glaubt Spielerberater Patrick Falk. „Heute werden Wappen auf Logos geküsst, und am nächsten Tag ein Vertrag mit einem anderen Verein unterschrieben “, sagt der Ex-Profi, Falk war selbst eines der größten Talente Europas. Sogar der FC Barcelona soll bei ihm vorstellig geworden sein, was der heute 39-Jährige nicht bestreitet. Bei der U-20-WM 1999 in Nigeria wurde er zum besten Mittelfeldspieler gekürt. „Heute ist eine solche Auszeichnung mindestens 40 Millionen Euro wert. Damals habe ich sechs Visitenkarten von Beratern bekommen. Angerufen habe ich keinen. Für mich gab es nur meinen Heimatverein – Eintracht Frankfurt“, erinnert sich der Hesse, der heute selber junge Talente nach oben begleitet.

Bei der jungen Generation erkennt Falk gravierende Unterschiede zu seiner Zeit: „Persönliche Verbundenheit mit einem Verein oder regionale Verwurzelung zählen nicht mehr. Die Bundesliga ist nur noch Schaufenster“, glaubt er. Ein Schaufenster, dessen Auslage immer öfters neu dekoriert werden muss.

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