In der Unterwelt des Parlaments

von Redaktion

Der Landtag wird zur Großbaustelle. In den nächsten Jahren wird das ehrwürdige Maximilianeum aufwendig umgebaut. Ein Rundgang in Bayerns Machtzentrum führt durch Geheimgänge tief unter dem Plenarsaal und zu Abgeordneten, die leider einen kleinen Dachschaden haben.

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

München – Der Abstieg in die Katakomben und Kerker beginnt hinter einer dicken Eisentüre in Kellergeschoss U2. Ein Labyrinth aus engen Gängen, in der Ferne ein Rumpeln und Zischen. Rechts, zweimal links und immer wieder tief runter, Gittertreppen, Holzstiegen, Steinstufen. Das Fauchen wird lauter, ums Eck eine jahrzehntealte Lüftungsanlage. Lose Bretter decken ein metertiefes Loch im Boden ab, im Halbdunkel schematisch zu erkennen. Im letzten Moment den Kopf einziehen, ein Ziegel-Rundbogen. Warme Schwaden wabern durch den Seitengang zur Sprinkleranlage, ums Eck schon wieder ein kalter Luftzug. Irgendwas fällt dumpf um. „Die Kellergeister“, sagt der Haustechniker trocken.

Tief unter dem Landtag, dem Mittelpunkt der Erde gefühlt näher als dem Machtzentrum der bayerischen Politik, tut sich eine Kellerwelt auf. Man würde sie nicht vermuten unter diesem Prachtbau. Das Maximilianeum am Isarhochufer ist nach 1857 auf schier endlos vielen Kavernen, also von Menschenhand geschaffenen unterirdischen Hohlräumen, gebaut worden. Viele sind verschüttet, manche noch zugänglich durch ein Netz an Gängen. Ilse Aigner, die Hausherrin und Landtagspräsidentin, macht sich mit unserer Zeitung auf den Weg in den Untergrund. „Da vorne ist der Kerker“, ruft sie fröhlich und bückt sich unter einem Durchschlupf in der meterdicken Ziegelwand hindurch.

Man kann sich gut vorstellen, dass es im Leben einer Landtagspräsidentin Gestalten gibt, die sie sich in den Kerker wünschen würde. Aber wenn schon, dann nicht in diesen. Hinten links im allerletzten Raum klafft nämlich ein dunkles Loch in der Wand: ein Fluchttunnel. Die Röhre, man kann sie teils aufrecht und teils kriechend erkunden, führt 500 Meter unterirdisch vom Landtagsbau parallel zur Isar südlich zum Müllerschen Volksbad. Ein Geheimgang, warum auch immer. „Das glaubt man gar nicht, was hier unten alles ist“, sagt Aigner, ihre Worte hallen in einer Kaverne. „Beim ersten Besuch dachte ich mir: Hier finde ich nie wieder raus.“

Abgründe, Stolperfallen und Sackgassen sind für die Politik 25 Meter über dem Kerker nichts Neues. Jetzt hat das Parlament aber beschlossen, seine Unterwelt genauer zu durchleuchten. Für mindestens 65 Millionen Euro wird jetzt der Landtagskeller erneuert und ausgebaut, eine unterirdische Großbaustelle auf 5660 Quadratmetern. Rund sieben Jahre lang wird hier geschaufelt und gebohrt.

Ziel: Die gesamte Haustechnik des Parlaments, bis zu 50 Jahre alt, wird erneuert, effizienter und energiesparender. Das streng denkmalgeschützte Ensemble des Maximilianeums hat sogar 160 Jahre auf dem Buckel, geplant von König Maximilian II. als Studienstiftung und Gemäldegalerie, fertiggestellt dann unter Ludwig II., Bayerns sagenumwobenem Märchenkönig.

Über die Jahrzehnte ist der Landtag gewachsen, in der Mitarbeiterzahl und mit wenigen architektonisch einigermaßen vorsichtigen Anbauten. Eines begleitet das Maximilianeum aber seit Jahrzehnten: Platznot. Viele Abgeordnete haben nur angemietete Büros in der Umgebung in Haidhausen. Die Sitzungssäle sind knapp. Abstellflächen fehlen. Wenn der Ministerpräsident an Plenartagen einen Besprechungsraum braucht, muss sich Markus Söders Entourage den Flur vor dem Zimmer mit dem Stuhllager des Maximilianeums teilen.

Die Lösung der Platznot liegt im Kürzel MSK, so steht es auf den Bauunterlagen: „Maximilianeum Sanierung Kellergeschoss“. Die Haustechnik und die vielen unterstützenden Dienste des Gebäudebetriebs, Werkstätten, Archive, Druckereien, werden so weit wie möglich auf drei Ebenen in freigeschaufelte Kavernen verlagert. Im Erdgeschoss sollen neue Zugänge entstehen. Langfristiger Plan ist ein komplett neues Besucherzentrum auf der prunkvollen Westseite des Maximilianeums. Vielleicht bis 2023 sollen ganz neue Sicherheitsschleusen, Garderoben und sogar ein Landtagsshop entstehen. Die Freifläche im Westen wird zeitweise hässlich umgepflügt und zur Baustellenzufahrt.

Es ist ein Großprojekt, eines mit politischen Fallstricken. Im Landtag wollen sie einerseits jeden Eindruck von Maßlosigkeit beim Millionenbau verhindern. Die Abgeordneten-Affäre, die 2013 publik wurde hat zwar mit dem Landtagsamt kaum zu tun, sondern basierte auf Gier und Mitnahme-Mentalität von Parlamentariern – hinterließ aber Spuren im öffentlichen Meinungsbild. Gleichzeitig will sich der Landtag weiter öffnen, mehr Besuchern Platz bieten. Kaum ein Landesparlament holt mehr Gäste zu sich als das bayerische, 100 000 Besucher pro Jahr laufen oben meist staunend durch die Säle und Flure.

Der Rundgang durch die Katakomben geht weiter. „Kopf einziehen“, ruft Aigner noch mal. Wieder ein paar Stiegen rauf, vorbei am Ersatzteillager für die Friese und Simse der Westfassade. Noch eine Metalltür, dahinter der Gang, in dem ein Arbeiter vor 20 Jahren mal eine Bleikassette fand – den verschollen geglaubten Grundstein des Maximilianeums, eine Kiste voll Golddukaten, Porzellan und einem uralten Eisenbahnmodell.

Aigner läuft weiter, ihr ist etwas eingefallen, was sie unbedingt noch zeigen möchte – und es könnte kaum weiter weg sein: die Dachluke. Also raus aus dem Untergrund, ein paar Meter über die roten Teppiche des Landtags, rein in den Lift, so weit wie möglich nach oben, und als der Lift endet, noch ein paar Stiegen rauf. Auch hier ein Gewirr an Wegen – und plötzlich zu Füßen eine Landschaft aus Glas: die Zwischendecke des Plenarsaals, 2005 errichtet, 570 Quadratmeter groß. „Nicht betreten, Bruchgefahr“, mahnt ein Schild.

Einmal durch die Ritzen lugen: Von hier oben sieht der Plenarsaal, die Herzkammer des Landtags, so klein aus, ein „Mäusekino“, wie Seehofer es so gerne veralberte. Nur: ganz dicht sind sie hier nicht. Auf der Zwischendecke stehen mehrere Eimer. Es regnet rein im Maximilianeum, eines der Lecks liegt sogar genau über dem Rednerpult. So ein kleiner Regenguss würde erfahrene Redner sicher mehr aus dem Konzept bringen als die Zwischenrufe der Grünen. Auch diese Löcher müssen demnächst gestopft werden, man weiß noch nicht, wie aufwendig.

Eine Holzstiege noch, neun Stufen, dann durch eine Luke. Und plötzlich Wind, Weite und eine riesige flatternde Fahne – Aigner steht auf dem Dach des Maximilianeums, direkt neben der Bayernfahne. Eben noch schlich sie durch den Kerker, nun hat sie München zu ihren Füßen und die Alpen als Kulisse. „Schon Wahnsinn, oder?“, seufzt sie. „Was für ein tolles Gebäude.“

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