Der Tag, an dem sich der Vorhang hob

von Redaktion

1989 war das Jahr der Wende. Binnen kürzester Zeit kollabierte der alte Ostblock, fiel die Berliner Mauer. Oft vergessen wird dabei ein Picknick. Am 19. August 1989 öffnete sich ein kleines Grenztor von Ungarn nach Österreich. 661 DDR-Bürger flohen. Diesen Riss im Eisernen Vorhang konnten die Regime nicht mehr flicken.

VON MARTINA HERZOG UND WOLFGANG HAUSKRECHT

St. Margareten/Sopron – Mit einem Hammer schlägt Johann Göltl das verrostete Schloss auf. Seit Jahrzehnten war das Grenztor geschlossen. Der damalige Chefinspektor des Zolls ist arglos. Er rechnet mit einigen Österreichern und Ungarn, die nahe der Grenze an einem gemeinsamen Picknick der Paneuropa-Union teilnehmen sollen. Darum geht es offiziell an diesem Nachmittag. Auch der ungarische Oberstleutnant Arpad Bella ahnt nichts. „Statt der Delegationen kamen die Flüchtlinge“, erinnert sich der heute 73-jährige Bella. Über die Wiesen und die Straße rennend, stürmen hunderte DDR-Bürger auf den Spalt im Tor zu. Die fünf ungarischen Grenzwächter schießen auf Weisung Bellas nicht. „Ich hatte Angst um meine Männer und die DDR-Bürger“, sagt er heute.

Binnen kürzester Zeit drängen sich an jenem 19. August vor 30 Jahren 661 DDR-Bürger durch das Grenztor. Auf österreichischem Boden fallen sie sich in die Arme. „Sie riefen: Freiheit, Freiheit“, erinnert sich Göltl. Diese Massenflucht wirkt wie ein Brandbeschleuniger auf den sich schon länger anbahnenden Zusammenbruch der DDR.

Ungarns kommunistische Regierung ist damals sehr reformorientiert, hat einzigartige Freiheiten eingeführt. Die Reisefreiheit für ungarische Bürger gilt seit 1988, unabhängige Zeitungen werden zugelassen und seit Frühjahr 1989 die maroden Grenzanlagen zu Österreich Stück für Stück abgebaut. Das spricht sich schnell herum. Immer mehr DDR-Bürger spielen mit dem Gedanken, einen „Ungarn-Urlaub“ zur Flucht in den Westen zu nutzen. Zu Tausenden kommen sie im Sommer 1989 nach Ungarn, belagern die BRD-Botschaft, sitzen in Flüchtlingslagern. Etliche finden über verschlungene Pfade den Weg in den Westen, andere warten auf eine gute Gelegenheit.

Die kommt am 19. August 1989 mit dem „Paneuropäischen Picknick“. Organisiert hat das Picknick der spätere EU-Abgeordnete Bernd Posselt (CSU), gemeinsam mit demokratischen Kräften in Ungarn und im Auftrag von Otto von Habsburg, einem überzeugten Europäer und Gegner des kommunistischen Systems. Der ungarischen Regierung, sagt Posselt heute, war bewusst, was an der Grenze passieren sollte. Aber das Risiko sei dennoch gewaltig gewesen. „Es hätte auch in einem Blutbad an der Grenze enden können.“ (s. Interview)

Posselt und seine Mitstreiter informieren aktiv über das Picknick. Malteser und Johanniter verteilen Flugblätter in den Flüchtlingslagern von Budapest, für das Volksfest an der Grenze. Den meisten DDR-Bürgern muss man nicht lange erklären, was das bedeutet. Hunderte machen sich in ihren Trabis und Wartburgs auf den Weg zum Grenzort Sopron. Keiner weiß, was ihn dort erwartet: Freiheit, Verhaftung – oder vielleicht sogar eine Kugel.

Um 15 Uhr soll das Picknick beginnen. Aber anstatt einer gemütlichen Vesperrunde kommen hunderte DDR-Bürger auf die Grenzer zu. Sie sehen aus wie Fußgänger, haben alles zurückgelassen. Sie tragen keine Picknickkörbe, sondern ihre Kinder. Für die fünf bewaffneten ungarischen Grenzer ist es ein Moment, auf den sie nicht vorbereitet sind. Sollen sie schießen? Der Schießbefehl ist damals schon aufgehoben, aber in Gefahrensituationen darf die Waffe genutzt werden.

Arpad Bella entscheidet, dass es keine Gefahrensituation ist. Die Kugeln bleiben im Lauf. Die Menschen drängen durch das kleine Tor Richtung Österreich, vor allem junge Familien. In Wellen kommen immer neue Flüchtlinge. Die „Tagesschau“ wird am Abend von „der größten Massenflucht seit dem Bau der Berliner Mauer“ sprechen. Nach zwei Stunden ist das Schlupfloch in die Freiheit wieder zu. Zwei Lastwagen mit bewaffneten ungarischen Soldaten sichern das Gelände. Man will Russland nicht zu lange provozieren.

Dann geschieht noch etwas Besonderes. Eine Mutter hat bei der Flucht ihr Kind verloren – sie in Freiheit in Österreich, das Kind noch auf ungarischer Seite. Die Mutter ist verzweifelt, fleht Göltl an, ihren Achtjährigen zu holen. Der österreichische Zoll-Chefinspektor schmuggelt das Kind über die Grenze. „Das ist ein Moment, der der Nachwelt in Erinnerung bleiben wird“, sagt Posselt.

In den Tagen darauf senkt sich der Eiserne Vorhang noch einmal herab. An der ungarischen Grenze fallen ein letztes Mal Schüsse, zwei DDR-Flüchtlinge sterben. Am 10. September öffnet Ungarn dann auf eigene Faust die Grenzen. Zwei Monate später fällt in Berlin die Mauer.

Artikel 4 von 4