Bernd Posselt (CSU) ist Präsident der Paneuropa-Union Deutschland und war von 1994 bis 2014 Mitglied des EU-Parlaments. 1989 führte er, als dessen engster Mitarbeiter, für Otto von Habsburg in Budapest die Gespräche über die Grenzöffnung beim Paneuropa-Picknick.
Das Paneuropäische Picknick hat gewirkt wie ein Brandbeschleuniger…
Otto von Habsburg hatte schon 1979 bei einem Interview mit Ihrer Zeitung prognostiziert: In zehn Jahren wird der Eiserne Vorhang verschwinden. Dann werde ein Faden reißen und die Masche zu laufen beginnen. Genau dieser Faden ist am 19. August 1989 an der ungarisch-österreichischen Grenze gerissen.
Sie haben den Faden absichtlich reißen lassen.
Ja. Ursprünglich hatten wir gemeinsam mit der Oppositionsbewegung „Demokratisches Forum“ das Picknick an der ungarisch-rumänischen Grenze geplant, als Protest gegen die Politik von Rumäniens Staatspräsident Nicolae Ceausescu. Aber als dann der Eiserne Vorhang in Ungarn nicht erneuert wurde, hat die Idee eine neue Richtung bekommen. Die Lager rings um Budapest waren voll mit tausenden DDR-Bürgern. Wir haben in den Lagern bewusst über das Picknick informiert. Uns war klar, dass diese Menschen nicht bloß zum Gulasch essen kommen werden, sondern in den Westen stürmen.
Niemand wusste, ob geschossen wird…
Es war ein gewaltiges Risiko. Im ungarischen Regime war die Sache umstritten und wir wussten nicht, wer sich durchsetzt. Wir wussten auch nicht, wie reagieren Russland, Ost-Berlin und die Tschechoslowakei. Aber wir haben eine Chance gesehen und dank der Klugheit maßgeblicher Leute in der Regierung ist das Ganze friedlich vor sich gegangen. Dazu kommt die Besonnenheit der Grenzpolizei, die ja keine Handlungsanweisungen hatte und es jahrzehntelang gewohnt war, zu schießen.
Die ungarische Regierung wusste also Bescheid.
Das Demokratische Forum in Ungarn war mit Minister Imre Pozsgay befreundet und der hat das sehr mutig vorangetrieben. Pozsgay gebühren riesige Verdienste. Dass bei dem Picknick nicht nur Österreicher und Ungarn feiern, sondern DDR-Bürger das Tor stürmen werden, das hat man ganz genau gewusst. Die Reformkräfte in der ungarischen Regierung haben das zwar nicht unterstützt, aber vorsichtig geduldet. Sie haben es als Testballon gesehen: Wie wird Moskau reagieren? Und als Gorbatschow mit einem Achselzucken reagiert hat, wussten die Ungarn, jetzt können sie anfangen zu verhandeln, um die Grenze ganz zu öffnen.
Sie selbst waren nicht beim Picknick.
Otto von Habsburg wurde durch seine Tochter Walburga, Pozsgay durch einen seiner Staatssekretäre und ich durch den Paneuropa-Geschäftsführer Hans Kijas vertreten, weil wir den Auftrag hatten, das Ganze nicht eskalieren zu lassen. Ich habe in Südungarn eine Rede gehalten aus Anlass des Nationalfeiertags. Ich stand auf dem Platz, beobachtet vom KGB – und dann kam ein Victory-Zeichen von einem Informanten. Da sind mit tonnenweise Steine vom Herzen gefallen. Ich hatte ganz große Angst, dass die Sache schiefgeht. Die Situation war brandheiß.
Welche Rolle spielte damals Otto von Habsburg?
Eine ganz zentrale. Er hat die Öffnung des Ostblocks intensiv betrieben und war maßgeblich daran beteiligt, dass 1988 im EU-Parlament ein Ausschuss gebildet wurde für die Kontakte mit Ungarn. Otto von Habsburg war der Vorsitzende. Später wurde ein Kinofilm über ihn gedreht. Der Film war in Ungarn ein Kassenschlager. Otto von Habsburg war die mit Abstand populärste Person in Ungarn.
Hätten Sie das Picknick gewagt, wäre in Russland nicht Michail Gorbatschow an der Macht gewesen?
Jein. In der Sowjetunion waren ja ganz fragile Machtverhältnisse. Niemand wusste, ob Gorbatschow sich halten kann. Der Druck auf ihn war gewaltig. Es gab einen Vertrag zwischen allen Ostblockstaaten, dass sie die Grenze zu bewachen haben. Ungarn hat diesen Vertrag verletzt.
Ungarn hat viel riskiert.
Die Ungarn waren Helden. Viele fürchteten, dass es so wird wie beim Volksaufstand 1956, als sie sich die Freiheit erkämpft hatten. Dann sind die Sowjets einmarschiert und niemand hat ihnen geholfen. Die Situation war nach dem Picknick nicht anders. Kohl und alle anderen haben den Ungarn klar gesagt: Wenn es hart auf hart kommt, können wir euch nicht helfen. Im Nachhinein ist alles gutgegangen. Aber es hätte auch in einem Blutbad an der Grenze enden können und für Ungarn in weiteren Jahrzehnten der Unfreiheit.
Interview: Wolfgang Hauskrecht