München – Da wäre zum Beispiel die Gänsebratenspitze. Über Jahrzehnte gehörte sie zu Weihnachten wie Lametta zum Baum. Ältere Mitarbeiter von Energieversorgern kennen noch das ganz besondere Feiertagsphänomen aus der Zeit, als der Gänsebraten Inbegriff des gehobenen Genusses war. Wenn in deutschen Haushalten am Vormittag des 25. Dezember der Ofen angeschaltet wurde, der Stromverbrauch steil anstieg und gegen Mittag jäh wieder abfiel, waren die örtlichen Versorger alarmiert. Jetzt durfte nichts schiefgehen.
Der Energiemarkt hat seine eigenen Regeln, und nicht immer sind sie leicht zu verstehen. Gut, dass zu Weihnachten in der Küche viel los ist, lässt sich noch nachvollziehen. Aber es gibt andere Termine, an denen die Märkte tatsächlich verrücktspielen. Der Ostermontag war dieses Jahr so ein Termin. Und der Pfingstmontag. An beiden Tagen herrschte in Deutschland strahlender Sonnenschein, aber auch ein strammer Wind. Die Photovoltaik-Anlagen und Windräder im Lande produzierten Energie in rauen Mengen, die aber in diesem Moment gar nicht benötigt wurden, weil ja Feiertag war. An der Strombörse sank deshalb der Preis, bis er bei Null Cent ankam. Dann sank er weiter.
Negativpreis nennt man es, wenn geschenkt noch zu teuer ist. Dass Strom nicht nur nichts kostet, sondern der Käufer noch mit einem Bonus gelockt wird, kommt nur an wenigen Tagen im Jahr vor. Der Verbraucher bekommt davon in der Regel nichts mit, auch nicht auf der Stromrechnung. Es ist ein kurzfristiger Effekt in einem Geschäft, das langfristig angelegt ist. Einen Teil ihres Bedarfs decken Energieversorger nämlich weit im Voraus. Ein, zwei Jahre, bevor der Strom in den Haushalten ankommt, greifen die ersten Verträge. Effekte wie Sonnenscheindauer und Windstärke spielen da noch keine Rolle, die kommen erst ins Spiel, wenn von einem Tag auf den anderen Energie benötigt wird. Oder sofort.
„Einer der fundamentalen Unterschiede zu anderen Märkten ist: Strom ist nicht speicherbar“, sagt Michael Grandel, Leiter des tagesaktuellen Energiehandels bei E.ON. „Zu viel ist schlecht, zu wenig ist schlecht. Orangensaft wird produziert, verpackt, gekühlt und gelagert. Bei Strom kann man das nicht.“ Zumindest nur sehr eingeschränkt (s. Text rechts). Erzeugung und Konsum verlaufen zeitgleich, letztlich gilt dasselbe Prinzip wie im Sommerschlussverkauf: Alles muss raus. Ist das Angebot größer als die Nachfrage, wird ins Ausland exportiert oder die Börse reagiert mit fallenden Kursen – manchmal bis ins Bodenlose. Die Megawattstunde Strom, für die normalerweise 80, 90 Euro fällig sind, gibt es dann gratis und einen Bonus obendrauf. Ostermontag lag der Bonus bei knapp 70 Euro. Für die Energieerzeuger ist das billiger, als bei sogenannten „Grüne-Strom-Spitzen“ ein Kraftwerk runter- und später wieder hochzufahren.
Manches in der Branche ist plan- und vorhersehbar, der Konsum ebenso wie die verfügbare Energie aus dem Gaskraftwerk. „Die Erneuerbaren aber machen es spannend“, sagt Grandel. Der Wind lässt sich nicht vorschreiben, wie stark er zu wehen hat, die Sonne scheint nicht nach Plan. Die Launen der Natur beeinflussen ständig den Preis.
Laut Umweltbundesamt betrug der Anteil der erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch vergangenes Jahr 37,8 Prozent – Tendenz steigend. Dass der Ökostrom in Deutschland so eine große Rolle spielt, liegt auch an der attraktiven Förderung. Aktuell bekommt ein Hausbesitzer für jede Kilowattstunde Solarenergie, die er einspeist, etwas mehr als zehn Cent. Wer sich vor zehn Jahren eine Anlage aufs Dach gesetzt hat, bekommt 43 Cent und das auf 20 Jahre garantiert, wer seit 2000 dabei ist, sogar 58 Cent. Der Preis, den die privaten Produzenten ihrerseits für eine Kilowattstunde zahlen müssen, liegt ungefähr bei 30 Cent. Die üppige Förderung hat aus den Deutschen ein Volk von Ökostromerzeugern gemacht, und da sind noch nicht die Windräder berücksichtigt. Wenn die Sonne scheint und eine Brise weht, hat das aber nicht unmittelbar Einfluss auf die Preise. „Das sind zwei Welten“, sagt Detlef Fischer, Geschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft. „Sein Strompreis, den der Verbraucher auf der Rechnung sieht, hat mit dem, was im Handel verlangt wird, null zu tun.“
Der Preis an den Börsen setzt sich zusammen aus Faktoren wie Beschaffung, Vertrieb, Netzentgelt, Mehrwertsteuer, sonstigen Abgaben und der EEG-Umlage (aktuell 6,4 Cent), mit der die Differenz zwischen dem realen Preis und der staatlichen Einspeisevergütung ausgeglichen wird. Wenn der Preis wetterbedingt in den Keller rauscht, spielt das bei der jährlichen Zählerablesung nicht mal eine kleine Rolle.
Bei den Versorgern sieht das anders aus. Für sie bedeuten die Launen der Natur eine Herausforderung, die auch Chancen birgt. Jetzt zu erfahren, wie nachher das Wetter wird, kann ein Wettbewerbsvorteil sein. Weil die Preise nicht zuletzt davon abhängen, wann Solar- und Windenergie wie kräftig fließen. Energieunternehmen beschäftigen deshalb Meteorologen. Tina Buchmann ist seit dem extrem heißen Sommer 2018 bei E.ON. Sonne lässt sich ganz gut kalkulieren, Wind ist tückischer. „Wenn sich ein Hochdruckgebiet durchschiebt, kann ich auch mal freinehmen“, sagt Buchmann und lacht: „Eigentlich ein Superjob.“ Aber es gibt auch Wetterlagen, die Wochenend-Dienste einfordern.
Die Wege im Haus sind kurz. Buchmann sitzt direkt neben Michael Grandel, der ihre Prognosen für den tagesaktuellen Energieeinkauf benötigt. Für seine Arbeit hat „das Wetter fundamentalen Einfluss. Wenn wir uns um fünf Stunden vertun, wann der Wind kommt, dann fehlt die Energie, und wir müssen sie teuer einkaufen.“
In Zukunft wird man vielleicht auch als normaler Kunde den Blick zum Himmel werfen und sich fragen, ob jetzt nicht der optimale Zeitpunkt wäre, die Waschmaschine einzuschalten. Intelligente Stromzähler (smart meter) können Preisänderungen empfangen und an den Verbraucher weiterleiten. In Österreich gibt es bereits den ersten Anbieter, der seine Strompreise stündlich anpasst und kommuniziert. Die Technologie setzt auf Flexibilität, denn im Alltag gibt es noch ganz andere Phänomene. Michael Grandel sieht das auf seinen Bildschirmen, wenn im Fernsehen große Fußballspiele übertragen werden und die Halbzeitpause beginnt. Dann steigt neben dem Wasserbedarf (Toilettenspülung) auch der Stromverbrauch: „Da geht der Kühlschrank auf und zu.“
Noch kann sich Detlef Fischer, der Chef vom Energiewirtschaftsverband, mit der Aussicht, seinen persönlichen Stromverbrauch jederzeit optimieren zu können, nicht recht anfreunden: „Da fühle ich mich gegängelt.“ Er ahnt aber, dass das Angebot aus Österreich vielen Verbrauchern gefallen könnte. „Das ist eine Geschmacksfrage.“ Wie alles im Leben, bis hin zum Gänsebraten.