Hilfe aus Oberammergau für Afrikas Blaues Gold

von Redaktion

Florian Wagner aus Oberammergau hat mit seinen 52 Jahren schon vieles erlebt. Das jüngste Projekt aber hat ihn verändert. Vom Helikopter aus dokumentierte der Fotograf die Wasserreservoire Afrikas und stellte fest: das Blaue Gold schwindet. Nun will er helfen, Afrikas Wasser zu retten. Heute Abend spricht er darüber bei Markus Lanz im ZDF.

VON MANUELA SCHAUER

Oberammergau – Florian Wagner blickt auf den Lake Kariba unter ihm. Auf die Ranger, die er von so hoch oben gar nicht erkennen kann. Ebenso wenig die Waffen, die sie auf seinen Helikopter richten. Die Ranger schützen die Wildnis am größten künstlich angelegten Stausee der Welt vor Wilderern, die ihre Beute von Hubschraubern aus erlegen. Beinahe hätten sie auch auf Wagner und sein Team geschossen. Das begreift der Oberammergauer erst später, nach der Landung. Die drei hatten Glück.

Der 52-Jährige aus Oberammergau (Landkreis Garmisch-Partenkirchen) wird auf der Reise noch viele aufregende Erlebnisse haben. Im Mai 2018 reist Wagner mit seiner Lebensgefährtin Regina Singelnstein und der südafrikanischen Fliegerlegende Slade Healy von Johannesburg nach Namibia, Angola, Botswana, über Sambia und Simbabwe bis nach Malawi, Tansania, Ruanda und Mosambik. Zehn Länder, 18 500 Kilometer, 100 Stunden im Heli. Ausgerüstet mit einer über 20 000 Euro teuren Kamera. Damit schießt er in 66 Tagen 33 000 Aufnahmen für sein Projekt „African Waters 360°“.

Mit dem Projekt will Wagner ein Bewusstsein für den verantwortungsvollen Umgang mit Wasser, der wichtigsten Ressource Afrikas, schaffen. Ohne sie gibt es kein Leben. Weder für Mensch noch für Tier. Doch die Gefahren für das Blaue Gold werden mehr.

Auf die Idee für das Fotoprojekt stößt Florian Wagner per Zufall. Bei einer Ausstellung in Johannesburg wird er von einem Sammler angesprochen. Ihn begeistert Wagners Kapstadt-Bild, gefertigt mit einer Spezialtechnik. Aus der Vogelperspektive dokumentiert Wagner Flüsse, Seen und Landschaften in 360-Grad-Panoramabildern, fügt dafür über ein Dutzend vertikaler Fotos perfekt zusammen. „Das macht sonst keiner“, sagt der Profi, der für Magazine wie den „Stern“, „Focus“, „National Geographic“ und den „Playboy“ arbeitet. Solche Fotos müsste man mal von Afrika machen, sagt der Sammler zu ihm. Wie praktisch, dass der Mann einen Hubschrauber besitzt.

14 Monate dauern die Vorbereitungen. 16 Stunden, sieben Tage die Woche organisiert er den Trip. Auf dem PC fertigt er eine Excel-Tabelle an. In Spalten trägt er Koordinaten von Orten und Tankstellen ein, kalkuliert Entfernungen und Flugzeiten, rechnet die Sprit-Menge durch. Nicht überall auf dem Kontinent bekommt man Kerosin. In Wolwedans in Namibia wird es schon sechs Wochen vor seiner Ankunft mit dem Traktor angeliefert. Der Fotograf besorgt Visa, Pässe, Genehmigungen, bucht Lodges und kümmert sich um Sponsoren. Neben dem Kamerahersteller Leica, für den er als Markenbotschafter tätig ist, holt er den amerikanischen Festplattenhersteller OWC ins Boot. Ohne deren Gelder kann er die Foto-Safari in der Luft nicht stemmen. Alles muss reibungslos verlaufen. Maximal 100 Tage kann die Crew unterwegs sein. „Dann muss der Heli zum TÜV.“

Im Januar springt der Sammler ab. Sein Hubschrauber ist defekt. Wagner treibt einen anderen auf, macht den afrikanischen Fliegerschein. Trotzdem endet die Reise fast, ehe sie richtig angefangen hat. Wagner steuert den Heli an der Wildcoast in Südafrika entlang, als das Triebwerk ausfällt. An Tag zwei. Der Oberammergauer bleibt ruhig. „Ich krieg’ nur Angst, wenn ich denke, dass ich die Kontrolle verliere.“ Eine Notlandung zählt für ihn offenbar nicht dazu. Am nächsten Tag wird ein Mechaniker eingeflogen, mit einer kleinen Schachtel voll Werkzeug. Ein Witz, denkt sich der Fotograf. Doch der Mann bringt die Maschine in Schwung. Panne behoben, Projekt gerettet.

Der 52-Jährige ist ein Abenteurer. Als Cowboy hütete er Rinderherden in Australien, ritt mit Pferden durch Deutschland und Irland. Seine Karriere startete er mit Fotos, die er als Gleitschirmlehrer aus der Luft machte. Umweltschutz gehörte nicht zu seinen thematischen Favoriten. „Jetzt“, sagt er, „würde ich am liebsten nichts anderes mehr machen.“ Er bietet für betuchte Kunden Heli-Flüge in Afrika an, in der Hoffnung, dass sie Geld geben für weitere Projekte.

Wagner und sein Team fliegen vom Süden Angolas Richtung Okavango-Delta. Von oben sieht die Region aus wie ein Puzzle aus Inseln, durchzogen von Flussläufen. Es ist die Lebensader für Büffel, Elefanten sowie Krokodile. „Man kann es an Schönheit nicht überbieten“, sagt Wagner. Doch der etwa 20 000 Quadratkilometer große Garten Eden Afrikas ist bedroht.

Der Kubango, ein 1700 Kilometer langes „Bacherl“, wie Wagner es nennt, mündet in das UNECO-Weltnaturerbe. In Namibia zwackt ein Turbinen-Werk Wasser ab. Auch in Angola wird der Fluss angezapft. „Die Chinesen“, sagt Wagner, „betreiben dort Raubbau im großen Stil.“ Wegen des gesunkenen Ölpreises geht Angola das Geld aus. Deshalb will die Regierung das Blaue Gold verkaufen. Um Reisfelder zu bewässern. 40 solcher Projekte soll es geben. Das könnte dem Delta den Todesstoß versetzen.

Wagner lernt „Locals“, die Einheimischen kennen, die wie 75 Prozent der Menschen südlich der Sahara keinen sicheren Zugang zu Wasser haben. Oder aus ihrem Lebensraum vertrieben wurden. Die Tonga zum Beispiel. Sie fischten am Sambesi, bis die Talsperre kam. „Jetzt haben sie nur noch Pfützen.“ Kleine Lachen, in denen sie waschen und die zugleich das Wasser zum Kochen liefern. Eine Keimzelle für Krankheiten. Es gehört zu den Aufgaben der Frauen, das Wasser zu besorgen. Stundenlang marschieren sie zu den Stellen, tragen bis zu 20 Kilogramm schwere Kanister auf den Köpfen. Nur wenige besitzen einen Esel.

Wagner berührt, was er auf seiner Reise sieht. Die Natur würde funktionieren, „wenn wir nicht reinpfuschen würden“. Die Industrialisierung, das Bevölkerungswachstum, Plastikmüll – „all das kann eine Erde nicht wuppen“. Der Oberammergauer spricht von einem Wendepunkt. Er sieht ihn kurz bevorstehen. Bald würden die Ressourcen ausgehen. „Man muss was tun.“

Zu seinen Vorbildern zählt Chris Horsefall. Der Lodge-Betreiber hat eine Methode entwickelt, um den Tanganjika-See zu schützen. Das Gewässer in Tansania ist über 30 000 Quadratkilometer groß, 1470 Meter tief und birgt das größte Süßwasservorkommen Afrikas. 17 Prozent aller Vorräte weltweit lagern dort. „Er droht zu kippen“, betont Wagner. Durch Überfischung. Horsefalls Mikro-Fischzucht-Farm ermöglicht es Einheimischen, mit Plastiktank, Solar-Lampe und Seewasser-Pumpe Tilapia-Fische selbst zu züchten. Ihn will Wagner unterstützen, sammelt dafür Gelder. Und er will wachrütteln. „Mit Schönheit bewegen“, wie er sagt.

Die besten Fotos der Luft-Safari sind nun im Terra-Mater-Verlag als Bildband erschienen (99 Euro). Jedes Land startet mit einem der Panoramafotos, gefolgt von Detailbildern der Ausflüge an Land samt Geschichte dazu. Die Flüge über die traumhaften und gefährdeten Landschaften haben auch ihn wachgerüttelt. Früher, sagt er, „wollte ich einfach nur geile Bilder machen“. Dem Sammler ist Florian Wagner dankbar für die Idee zu seinem bisher größten Projekt: „Ohne ihn“, betont der Oberammergauer, „hätte ich nicht die Eier gehabt, so etwas anzupacken.“

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