München/Bremerhaven – Auf diese Dienstreise wird sich Bundesforschungsministerin Anja Karliczek schon freuen. Sie führt sie in den Norden Norwegens. In Tromso verabschiedet die Ministerin am 20. September die größte Arktisexpedition aller Zeiten. Für das deutsche Forschungsschiff „Polarstern“ heißt es dann: Leinen los! „Die Erkenntnisse werden unser Wissen über die Arktis auf ein neues Niveau heben“, ist sich die Ministerin sicher.
Das Projekt der Superlative trägt den etwas sperrigen englischen Namen „Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate“ (MOSAiC). Die Polarstern fährt zunächst ins ostsibirische Meer. Dort sucht sich Kapitän Stefan Schwarze eine große Eisscholle, an die das Schiff andockt, und lässt den Eisbrecher anschließend ein Jahr lang vom Eis einfrieren. Schiff und Mannschaft bewegen sich in dieser Zeit nur mit der Drift das Packeises und überqueren so den Nordpol.
Unterdessen ermitteln Forscher Daten für die Klima- und Umweltforschung. Die „Polarstern“ gehört der Bundesrepublik Deutschland und wird vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven betrieben. Die Expedition ist aber international. 600 Wissenschaftler aus 17 Nationen wechseln sich ab.
Die 118 Meter lange Polarstern ist ein Kraftpaket. Bis zu 1,5 Meter starkes Eis durchpflügt sie problemlos. Ist das Eis dicker, nimmt der Kapitän wieder und wieder Anlauf, um sich einen Weg zu bahnen. 20 000 PS stark sind die Maschinen. Vier weitere Eisbrecher und Flugzeuge versorgen das Team. Helikopter, Raupenfahrzeuge und Schneemobile transportieren Menschen und Material rund um die Polarstern. Mit Bohrern treiben die Forscher bei Außentemperaturen von bis zu 45 Grad minus Löcher ins bis zu vier Meter dicke Eis.
„Die Arktis ist das Epizentrum des Klimawandels“, sagt Expeditionsleiter Markus Rex, „die Zwei-Grad-Erwärmung haben wir schon jetzt überschritten.“ Als er Anfang der 90er-Jahre die ersten Reisen in die Arktis unternahm, gab es rundum nur dicke Eisschichten. „Heute plätschert mir das flüssige Wasser vor den Füßen herum.“
Untersucht wird der Zustand des Eises, seine Stärke, sein Schmelzen. Im Ozean messen die Forscher die kalten oder warmen Strömungen, in der Luft die Eigenschaften der Wolken. „Damit haben wir ein ziemlich vollständiges Bild des arktischen Klimas im Fokus“, sagt Rex. Messgeräte sinken durch die Bohrlöcher bis zu 4000 Meter tief ins Polarmeer. Mit Sonden bestückte Ballons steigen bis in 35 000 Meter Höhe. 70 wissenschaftliche Institute aus aller Welt teilen sich diese einmalige Datensammlung. Dass sich ihre Regierungen teilweise nicht gut verstehen, spielt im Eis keine Rolle. Mit China, den USA und Russland sind drei solcher Staaten mit von der Partie. Die Arktis wird durch die Eisschmelze zunehmend zum Objekt der Begierde. Riesige Rohstoffvorkommen lagern hier. Die Crew der Polarstern will aber nur eines: forschen.
Nichts wird dabei dem Zufall überlassen. Denn in der monatelangen Polarnacht ist die Arktis eine noch menschenfeindlichere Umgebung als in den hellen Monaten. Fachleute des Alfred-Wegener-Instituts testeten beispielsweise aufwendig Arbeitsanzüge. Sie müssen besondere Anforderungen erfüllen, damit ein Sturz ins kalte Wasser die Träger weder erfrieren lässt noch in die Tiefe zieht. Die größte Gefahr geht von hungrigen Eisbären aus, weswegen man eigens einen Experten engagiert hat. Die Bärenwacht ist Pflicht in der Polarnacht.
Das alles kostet viel Geld. 140 Millionen Euro wurden für das einjährige Forschungsabenteuer veranschlagt. 90 Prozent davon trägt Deutschland. Nicht alle beteiligten Nationen sind auch mit Wissenschaftlern vor Ort. Die Schweiz, Österreich und Südkorea kooperieren zum Beispiel nur mit dem AWI. Erkenntnisse erhoffen sich dessen Experten vor allem über die Entwicklung des Klimas. Dieses hänge sehr stark vom „Geschehen in der Wetterküche der Arktis“ ab, sagt Expeditionsleiter Markus Rex, „wir erwarten auch für die Biologie ganz neue Erkenntnisse.“
Mit rund 50 Wissenschaftlern an Bord ist die Polarstern von Bremerhaven aus bereits in See gestochen, Richtung Tromso. Am 20. September geht es weiter. Hat man dann eine geeignete Eisscholle gefunden, wird der Motor gestoppt und das Schiff friert langsam im Eis ein. Auf die Crew wartet dann erst einmal eine lange Periode der Dunkelheit. Ab November dringt tagsüber kein Licht mehr durch, jenseits des 80. Breitengrads auch kein Polarlicht mehr.
Die Expedition
können Interessierte von daheim aus verfolgen. Bis zum Start am 20. September wird das Alfred-Wegener-Institut eine App freigeben, über die der Verlauf der Reise durch das Eis verfolgt werden kann. Zu finden ist sie unter https://follow.mosaic-expedition.org/