80 Jahre nach Kriegsbeginn: Neuer Streit ums Geld

von Redaktion

Am Sonntag werden die Präsidenten Polens und Deutschlands gemeinsam des Beginns des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren gedenken. Die Zeremonie im von deutschen Bombern zerstörten Wielun steht im Zeichen der Versöhnung. Im Hintergrund geht es aber auch um die Frage der Reparationen. Polen will mehr Geld. Auch Griechenland hat neue Gespräche gefordert.

VON MICHAEL FISCHER UND KRZYSZTOF BASTIAN

Wielun – Als Zofia Burchacinska um 4.40 Uhr von den Motoren der deutschen Bomber geweckt wird, glaubt sie, es seien die Kühe. Niemand in der kleinen polnischen Stadt Wielun, damals nur 21 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, rechnet am 1. September 1939 mit einem Angriff. Es gibt keine Kriegserklärung, keine Warnung der polnischen Behörden. Die Mutter der Elfjährigen sagt noch, es sei wohl eine Übung. „Du stehst besser auf.“ Im nächsten Moment gibt es einen lauten Knall, ein Teil der Decke stürzt ein, die Fenster bersten. Zofia und ihre Mutter flüchten barfuß durch die brennenden Straßen von Wielun in die Felder. „Meine Füße waren erst Weihnachten wieder verheilt“, erzählt die 91-jährige Apothekerin heute. Beide überleben.

Es ist der Beginn des Zweiten Weltkriegs, des verlustreichsten Kriegs der Menschheitsgeschichte mit mindestens 55 Millionen Toten. Auch Zofias Bruder ist darunter. Er wird 1944 beim Warschauer Aufstand erschossen. In Wielun sterben am ersten Septembermorgen 1200 der 16 000 Bewohner.

Wielun gilt als ein Symbol für den Vernichtungsfeldzug der Nazis durch Polen und Osteuropa, der sich gezielt auch gegen Zivilisten richtete. „Heute würden wir das als terroristischen Akt bezeichnen“, sagt Wieluns Bürgermeister Pawel Okrasa. „75 Prozent der Stadt wurden zerstört.“ Okrasa deutet auf ein weißes Gebäude, früher eine Schule. Davor wollen am Sonntag um 4.40 Uhr die Präsidenten Andrzej Duda und Frank-Walter Steinmeier des Kriegsbeginns gedenken.

Es ist das erste Mal, dass ein ranghoher Vertreter Deutschlands zum Gedenken nach Wielun kommt. Steinmeier wird auch Zofia Burchacinska treffen. Aber die Versöhnungsgesten werden begleitet von einem für Deutschland heiklen Thema: Die Frage, ob Deutschland genug Entschädigung gezahlt hat.

Die rechtskonservative Regierungspartei PiS hat das Thema wiederentdeckt und der Ton verschärft sich. Bei der Entschädigung der von Deutschland angegriffenen Länder habe es „einen Mangel an grundsätzlicher Fairness“ gegeben, sagte der polnische Außenminister Jacek Czaputowicz kürzlich. „Polen wurde in diesem Prozess diskriminiert.“ Und Ministerpräsident Mateusz Morawiecki legte nach: „Mehr als 1000 polnische Dörfer sind von Deutschen ausgelöscht worden. Wir werden die Summe, die wir fordern, seriös ermitteln.“ Polen hatte gemessen an der Gesamtbevölkerung so viele Tote zu beklagen wie kein anderes Land. Vier bis sechs Millionen Polen kamen um – und damit bis zu ein Fünftel der Bevölkerung.

Im Potsdamer Abkommen von 1945 einigten sich die vier Siegermächte, dass die Sowjetunion aus der sowjetischen Besatzungszone im Osten Deutschlands entschädigt wird und Polen einen Anteil zukommen lässt. Bis 1953 wurden Schätzungen zufolge etwa 3000 Betriebe demontiert und zusätzlich Güter aus laufender Produktion abtransportiert. Die Regierung in Warschau argumentiert aber, dass Polen seinen Anteil durch Kohlelieferungen an die Sowjetunion habe ausgleichen müssen und unter dem Strich wenig übrig geblieben sei. Außerdem sei Polen im Vergleich etwa zu Frankreich und den Niederlanden schlecht behandelt worden. „Es gibt Länder, die haben ein Vielfaches weniger verloren, aber mehr Kompensation bekommen. Ist das in Ordnung?“, fragt Czaputowicz.

Die Bundesregierung sieht die Sachlage völlig anders. Sie unterscheidet zwischen individueller Entschädigung von Opfern, die aufgrund mehrerer Abkommen bis heute fließt, und staatlichen Reparationen. An individueller Wiedergutmachung wurden 76,7 Milliarden Euro gezahlt, davon etwa zwei Milliarden an Polen. Für die Reparationen liegen die amtlichen Schätzungen im dreistelligen Milliardenbereich. Nicht berücksichtigt sind dabei die ehemaligen deutschen Ostgebiete samt privater Vermögenswerte jenseits der Oder-Neiße-Linie. Wo auch immer die Reparationsfrage neu aufgeworfen wird, hat die Bundesregierung eine Standardantwort. Die Frage sei „rechtlich und politisch abgeschlossen“. Sie beruft sich vor allem auf den Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 über die außenpolitischen Folgen der deutschen Einheit. Darin wurden Reparationen nicht erwähnt. Aber genau diese Tatsache zeigt nach Rechtsauffassung der Bundesregierung, dass es keine Ansprüche mehr gibt.

Deutschland will einen juristischen Schlussstrich unter den Zweiten Weltkrieg ziehen – ein schwieriges Unterfangen, da es quasi Staatsräson ist, dass dieser moralisch nie gezogen werden darf. Den Spagat hält die Bundesregierung bisher aus. Sie weiß, dass eine riesige Welle von Ansprüchen auf sie zukommen könnte, wenn sie die Tür auch nur einen kleinen Spalt öffnet. Kaum vorstellbare Summen stehen im Raum. Nach polnischen Schätzungen, die auf einer Bestandsaufnahme von 1946 plus Zinsen beruhen, belaufen sich die von Deutschland verursachten Kriegsschäden auf 800 Milliarden Euro. Auch Griechenland hat seine Kriegsschäden berechnet und kam auf 289 Milliarden Euro. Alleine bei diesen beiden Ländern summieren sich die potenziellen Ansprüche also auf mehr als eine Billion Euro.

Die Historiker Karl Heinz Roth und Hartmut Rübner machen in ihrem Buch „Verdrängt – Vertagt – Zurückgewiesen: Die deutsche Reparationsschuld am Beispiel Polens und Griechenlands“, das im Oktober erscheint, eine viel größere Rechnung auf. Sie schätzen, dass sich die Kriegsschäden in insgesamt 21 Ländern zusammen auf 7,5 Billionen Euro belaufen. Die von Deutschland geleisteten Entschädigungen liegen nach ihren Erkenntnissen bei 951 Milliarden Euro. Blieben also etwa 6,5 Billionen Euro – fast das Doppelte der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands.

Roth hält für realistisch, dass Deutschland noch eine Billion Euro abverlangt werden, die auf bis zu 15 Länder aufgeteilt werden sollten. Zahlen, so sein Vorschlag, sollten Institutionen, die von der Besatzung profitiert haben. Der Rest könne über einen neuen, halbierten Solidaritätszuschlag über 20 Jahre generiert werden.

Mit solchen Ideen stehen die Autoren ziemlich isoliert da. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags stützt in einem aktuellen Gutachten die Rechtsauffassung des Bundes, zumindest hinsichtlich Polens. Polen habe 1953 und 1970 ausdrücklich auf Reparationen verzichtet, was „völkerrechtlich bindend“ sei. Polen hält diese Erklärungen für unwirksam, weil sie auf Druck der Sowjetunion erfolgt seien.

Für Aufsehen sorgte, was der Dienst zur deutschen Reparations-Absage an Griechenland schrieb: „Die Position der Bundesregierung ist völkerrechtlich vertretbar, aber keineswegs zwingend.“ Griechenland habe nie einen Verzicht auf Reparationen erklärt, sondern seine Ansprüche immer wieder deutlich gemacht. Der Wissenschaftliche Dienst regt eine Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag an. Dazu müsste die Bundesregierung aber freiwillig bereit sein, weil sie sich in dieser Frage dem Gerichtshof nicht unterworfen hat.

Anfang April hatte Athen neue Verhandlungen gefordert. Der neue konservative Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis führt die Linie weiter. Gestern traf Mitsotakis in Berlin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen. Ein Thema waren die Reparationen. „Wir hoffen, dass es da eine positive Reaktion geben wird“, sagte Mitsotakis. Er setze darauf, dass dieses „schwierige Kapitel“ bald geschlossen werden könne. Das sei wichtig „für die engere Zusammenführung unserer beiden Länder“. Eine offizielle Reaktion Merkels dazu gab es gestern nicht.

In Warschau will man den Bericht einer 2017 eingesetzte Parlamentskommission abwarten. Der Bericht soll fast fertig sein. Zur Frage, ob Polen zur Not rechtlich gegen Deutschland vorgehe, sagt Czaputowicz: „Es ist zu früh, darüber zu diskutieren. Die Gerichte befassen sich nur mit rechtlichen Aspekten der Angelegenheit, in dieser Situation müssen aber auch Moral und Fairness eine Rolle spielen.“ Für Bundespräsident Steinmeier wird die Reise nach Polen angesichts der Debatte eine schwierige. In Wielun dürfte er jedes Wort ganz genau abwägen.

Die 91-jährige Zofia Burchacinska will nur eines: „Vom Bundespräsidenten würde ich gerne eine Entschuldigung für das Bombardement und die Zerstörung Wieluns hören, einer Stadt ohne Soldaten, ohne Industrie, wo die Menschen friedlich lebten.“

Artikel 3 von 3