Vom Flüchtlingsboot aufs Gymnasium

von Redaktion

Wajd Aljaratli hat einen Traum: Sie will das Abitur machen, studieren. Dann kommt der Krieg und sie muss aus Syrien fliehen. Sie kann kein Deutsch, alles ist neu. Trotzdem schafft sie es aufs Werdenfels-Gymnasium in Garmisch-Partenkirchen – und auch das Abitur. Die 21-Jährige sagt: Gebt uns Flüchtlingen eine Chance, wir werden es euch danken.

VON ANNE-NIKOLIN HAGEMANN

Garmisch-Partenkirchen – Ihr Name wird als erster aufgerufen, „Aljaratli“ liegt weit vorn im Alphabet. Wajd geht zur Bühne. Auf der Leinwand erscheint ihr Foto, sie selbst wirkt davor ganz klein. Ein schmales Mädchen mit großen Augen und langen dunklen Haaren, das lilafarbene Dirndl hat sie sich extra für heute geliehen. Die 21-Jährige fühlt den Händedruck des Schulleiters und das Papier des Abiturzeugnisses, sieht ihre Familie strahlen, hört die Textzeilen des Liedes, das sie sich für diesen Moment ausgesucht hat: „You could beat the world, you could beat the war“ – du könntest die Welt bezwingen und den Krieg. Wajd Aljaratli hat oft von diesem Moment geträumt. Und sie musste mit einem Krieg fertig werden und mit einer neuen Welt, um ihn Wirklichkeit werden zu lassen.

In Wajds alter Welt lebt sie mit ihren jüngeren Geschwistern und den Eltern nördlich der Stadt Homs in Syrien. Es geht ihnen gut, das große Haus ist frisch renoviert, Mutter und Vater sind angesehene Ärzte, haben eine eigene Praxis. Nach dem Abitur, glaubt Wajd, wird auch sie Medizin studieren. Dann kommt der Krieg, 2011, Wajd ist 13 Jahre alt.

Selbst als eine Bombe in ihrer Stadt einschlägt und 20 Menschen tötet, will die Familie noch nicht fliehen. An das Donnern der Bomben gewöhnt man sich, sagt Wajd, auch daran, über Trümmer zur Schule zu gehen. „Aber der Krieg zerstört nicht nur die Städte, sondern auch das Gute in den Menschen.“ Bekannte und Nachbarn werden entführt, Wajds Mutter Boshra wird auf dem Heimweg von der Arbeit überfallen und schwer verletzt. Bei einem Einbruch wird alles gestohlen, was die Familie an Wertsachen besitzt. Es gibt keinen Strom, sauberes Wasser muss teuer gekauft werden.

Die Familie überlegt, in die Arabischen Emirate auszuwandern. Vor dem Krieg waren syrische Ärzte dort sehr angesehen. Jetzt will sie dort niemand mehr. Also verkauft Wajds Mutter ihre Praxis und bezahlt von dem Geld die Schlepper nach Europa. Der Vater bleibt und arbeitet weiter im Krankenhaus.

Die Familie flieht mit dem Flugzeug aus dem Libanon in die Türkei und weiter in einem Schlauchboot bei Nacht nach Griechenland. Die Fahrt kostet 1000 Dollar pro Person, im Boot sitzen 50 Menschen. Ab Athen nehmen sie die Balkanroute, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, durch Tag und Nacht und Regen. In Serbien fahren sie mit einem Zug, der plötzlich stehen bleibt und zehn Stunden lang nicht weiterfährt. Sie dürfen ihn nicht verlassen, das Licht ist aus, die Toilette völlig verdreckt. Ja, sagt Wajd, natürlich hatte sie Angst. Aber: „Ich wusste, die Angst dauert nur ein paar Monate. Wären wir in Syrien geblieben, hätte ich mein ganzes Leben lang Angst haben müssen.“ Im Oktober 2015 kommt die Familie in Deutschland an, mit nichts außer ihren Ausweisen, Zeugnissen und etwas Kleidung.

Wajd will immer noch das Abitur machen. In der Flüchtlingsunterkunft in Garmisch-Partenkirchen erzählt sie Angela Altmiks davon, einer Helferin, deren Tochter das Werdenfels-Gymnasium besucht. Altmik organisiert eine Woche Unterrichtsbesuch in der 10. Klasse ihrer Tochter. Englisch und Französisch hat Wajd auch in Syrien gelernt, in den Naturwissenschaften war sie sogar schon weiter. Aber Deutsch versteht sie kaum. Wajd schreibt jedes neue Wort auf, das sie hört. Am Ende der Woche hat sie ein ganzes Wörterbuch.

Wajd glaubt, dass es dieses Buch war, das Schulleiterin Barbara Rauch überzeugt hat. Wajd darf ein Jahr als Gastschülerin bleiben. Sie ist die erste Geflüchtete aus Syrien, die das Werdenfels-Gymnasium besucht. „Ich wusste, wenn ich eine Chance bekomme, kann ich das schaffen“, sagt Wajd heute. Obwohl viele sagen, das sei unmöglich: Deutsch lernen innerhalb eines Jahres, nebenbei Geschichte, Wirtschaft und all die anderen Fächer. Wajds Wörterbuch wird immer dicker. Schon in Syrien hatte sie viel gelesen, Romane, Gedichte. Jetzt liest sie eben auf Deutsch. Jede Pause verbringt sie in der Bibliothek.

Im Frühjahr 2017 besteht Wajd ihre Aufnahmeprüfung. Sie besucht die Oberstufe, jede Note zählt jetzt zum Abitur. Sie schreibt in einem Projekt-Seminar Gedichte auf Deutsch, gewinnt sogar einen Poetry Slam. Wajds schlechteste Fächer sind Kunst und Sport, die werden in Syrien nicht unterrichtet. „Zum Glück konnte ich Astrophysik belegen zum Ausgleichen.“

Lacht Wajd, wirkt sie jünger als 21. Und sie lacht oft. Wenn sie sich wundert, wie viel Bier hier bei Partys getrunken wird und dass man beim Abischerz über seine Lehrer lachen darf. Dann wird sie ernst und spricht von dem Guten, das aus dem Schlimmen entstehen könne: Dass sie sich stärker fühlt als früher, dass es ihr leichter fällt, auf Menschen zuzugehen, dass sie sich traut, als Frau ihre Meinung zu sagen, denn: „Hier musst du keine Angst haben, wie die Gesellschaft über dich urteilt.“ Dass sie sich viel mehr über Kleines freut als früher, über Strom, Wasser, Sicherheit. Dann wirkt Wajd auf einmal älter, als man es mit 21 sein sollte.

Manchmal erzählt Wajd nicht, woher sie kommt. Weil sie schon oft erlebt hat, wie das Wort „Syrien“ den Gesichtsausdruck ihres Gegenübers verändert. Sie kann verstehen, sagt sie, wenn jemand schlecht von Geflüchteten denkt. „Weil ja nur von ihnen geredet wird, wenn sie Schlechtes getan haben. Aber ich glaube, dass die meisten den Leuten in Deutschland zurückgeben werden, was sie für sie getan haben. Sie müssen nur warten.“

Wajd ist vielen Menschen dankbar. Alle zu nennen, ist unmöglich, so lang ist ihre Liste. Die Altmiks, die Schulleiterin, der Arzt Martin Hofmeister, der sich für Geflüchtete engagiert, Hans Schaffer, der Wajd und ihren Geschwistern kostenlos Nachhilfe gibt, Ursula und Peter Diehl, deren gerahmtes Foto im Flur steht, „meine deutschen Großeltern“, sagt Wajd. Und so viele andere. Wajd will zeigen, dass es sich lohnt, an jemanden zu glauben. Sie will ein Vorbild sein. Für ihre Geschwister, die ebenfalls das Werdenfels-Gymnasium besuchen. Für andere Geflüchtete, die noch auf ihre Chance warten.

Bei den Abiturprüfungen zittern Wajd die Hände. „Ich wusste, dass sich jetzt entscheidet, ob ich es tatsächlich schaffe oder die letzten Jahre umsonst waren.“ Die Texte in der Matheprüfung kommen ihr viel zu lang vor, die Zeit für die Deutschaufgabe viel zu kurz. Aber Wajd schafft es. Schnitt: 2,2. „Wajid weiß immer, was richtig ist“, sagt ihre Schwester Sara, 15, „sie kann jedes Problem lösen.“ Bruder Sabet, 17, sagt: „Beim Lernen denke ich an sie.“ Und ihre Mutter Boshra hofft, dass Wajd jetzt endlich Zeit hat für Unbeschwertheit. „Sie macht sich immer Sorgen um alle.“

Wajd sagt, sie habe keine Angst mehr. Nur manchmal, wenn einer aus der Familie alleine draußen unterwegs ist, wenn es dunkel wird. Und wenn ein Gewitter aufzieht. Als damals die ersten Bomben fielen, sagten die Eltern: Blitz und Donner, nichts weiter.

Manchmal sehnt sich Wajd nach Syrien. Wenn es hier heiß ist wie dort. Wenn die Menschen Ostern feiern oder Weihnachten, oder ein anderes Fest, das sie zuhause nicht gefeiert haben. Wenn sie an ihren Vater denkt. „Ich könnte trotzdem nicht mehr dort leben“, sagt sie. Bald wird sie Elektrotechnik an der TU München studieren, die Zusage ist schon da. Weil München teuer ist, arbeitet sie im Supermarkt, bis das Semester beginnt. Und gibt Nachhilfe, in Mathe. In zehn Jahren, sagt Wajd, will sie Bachelor, Master und Doktor in der Tasche haben „und beim Arbeiten zurückgeben, was ich hier bekommen habe. Ich will zeigen, dass Deutschland etwas Gutes getan hat, als es uns aufgenommen hat. Und dass Menschen es nie vergessen, wenn andere Menschen ihnen geholfen haben.“ Sie müssen nur warten.

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