München – Auch Konrad Landgraf ist Fußballfan, jedenfalls im weiteren Sinne. „Ab und zu“, sagt er, sehe er sich mit seiner Tochter ein Spiel des FC Bayern an, ansonsten verfolge er die Ergebnisse, „und das war’s dann“. Befangen, so viel ist klar, ist er bei diesem Thema nicht.
Als Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern verfolgt Konrad Landgraf die Bundesliga zwangsläufig aus einer anderen Perspektive als die Fans, die wieder in Massen in die Stadien strömen oder vor dem Fernseher mitfiebern. Er kann sich für ein gutes Spiel begeistern, das schon. Und natürlich versteht er, welch elektrisierende Wirkung der Sport auf viele Menschen hat. Aber als Suchtexperte ist Profifußball für ihn niemals ein ungetrübtes Vergnügen.
Dafür ist der Sport zu verführerisch, auch auf eine ungesunde Weise. Der Boom des Fußballs ist in gewisser Weise auch ein Boom der Sportwetten. Die Dynamik auf dem Rasen mag manchmal an Grenzen stoßen, doch der virtuelle Kick hört nie auf. „Sie können zu ein und demselben Zeitpunkt auf 20 000 Ereignisse wetten“, sagt Landgraf. Rund um die Uhr Einsätze tätigen zu können, dem Traum vom schnellen Geld nachzujagen, das ist ein Reiz, mit dem man erst mal klarkommen muss. Diese „Ereignisfrequenz“, wie Landgraf sie nennt, macht das Wetten so heikel. „Wenn ich ständig Ergebnisse erhalte, hält mich das im Spiel.“ Besonders im Fußball, wo jeder von sich glaubt, ein Experte zu sein. Sein Wissen und Können zu Geld zu machen, ist eine Illusion, die ein böses Ende nehmen kann. Denn letztlich ist es mit Sportwetten so wie mit dem Besuch im Casino. Die Bank gewinnt immer.
Allein in Bayern gibt es 33 000 sogenannte pathologische Glücksspieler, dazu 35 000 mit einem problematischen Spielverhalten. In seinem Job hat Konrad Landgraf Menschen kennengelernt, die spielsüchtig waren, doch zumindest nicht verschuldet. Aber auch solche, die schon 100 000 Euro Schulden angehäuft haben. Im Durchschnitt, sagt der Experte, stehe ein Spielsüchtiger mit 25 000 Euro im Minus. „Keine andere Abhängigkeit führt zu so hohen Schulden. Nicht mal Kokain, und das ist wirklich teuer.“
Hinzu kommt, dass diese Summen nicht gedeckt sind. Weder durch ein Haus noch ein Auto, womöglich nicht mal durch ein regelmäßiges Einkommen. Die Zielgruppe, die die Sportwettenanbieter im Auge haben, ist ziemlich eindeutig: jung, männlich, ein eher geringes Bildungsniveau und gerne auch einen Migrationshintergrund. „Das ist der perfekte Kunde“, sagt Arne Rüger aus der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht in Nordrhein-Westfalen. „Das sind die Menschen, die am ehesten Sportwetten-Probleme entwickeln.“ Besonders tückisch sind die Live-Wetten. Die nächste Gelbe Karte, der nächste Einwurf. Immer lockt ein Gewinn, alles ist ganz schnell und einfach. Und ganz schnell ist man sein Geld los.
Das Geschäft mit den Sportwetten boomt in Deutschland, obwohl es immer noch keine juristisch fundierte Grundlage dafür gibt. Streng genommen sind die Tipps in Deutschland noch verboten. Doch können die Firmen seit Jahren in einer Art Grauzone agieren. Insider sprechen von himmlischen Zuständen.
„Was momentan passiert, ist für die Anbieter das Paradies auf Erden“, klagt Konrad Landgraf. „Die machen, was sie wollen.“ Der Anbieter Tipico zum Beispiel, Sponsor des FC Bayern, bietet auf seiner Website Casino-Spiele an. Roulette, Black Jack, Poker. In Deutschland sind sie verboten, aber Tipico hat seinen Sitz auf Malta und ist dort lizenziert. Momentan kommen sie damit durch, jedenfalls bei den Behörden. Bei Konrad Landgraf nicht: „In meinen Augen müsste man so eine Seite abschalten.“
Im neuen Glücksspiel-Staatsvertrag ab dem kommenden Januar sollen die Sportwetten dann bundesweit zugelassen werden. Die Casino-Spiele nicht, die könnten dann von den Seiten verschwinden, aber vielleicht ist das auch nur eine kurze Phase. Es gibt Experten, die befürchten, dass bald auch die Online-Casinos liberalisiert werden.
Die Lobby für die Glücksspielindustrie und die Sportwetten-Anbieter ist mittlerweile groß. Unterstützung kommt unter anderem von der deutschen Werbebranche, weil es so ein lukratives Geschäft ist. Die unzähligen TV-Spots sind dafür ein Beleg. Zudem winken dem Staat mehr Steuereinnahmen. 2018 lag das Steueraufkommen aus Sportwetten bundesweit bei 384 Millionen Euro. Ein Anstieg von fast 25 Prozent gegenüber dem Jahr 2016. Zurzeit zahlen die Wettanbieter einen Steuersatz von fünf Prozent. Das zeigt, welch gewaltige Summen umgesetzt werden.
Es ist erst zwölf Jahre her und doch schon eine Ewigkeit, dass der AC Mailand in der Champions League beim FC Bayern antrat und darum kämpfen musste, sein gewohntes Trikot zu tragen. Auf die Brust war der Name des Sponsors gedruckt: der Wettanbieter „bwin“. Die Stadt München wollte die Trikots verbieten, weil sie private Wettanbieter nicht duldete. Mailand trug sie trotzdem.
Der frühere „bwin“-Manager Jörg Wacker sitzt heute im Vorstand des deutschen Rekordmeisters. Sein ehemaliges Unternehmen wurde bei den Bayern irgendwann von „Tipico“ abgelöst, aber in der Bundesliga ist es immer noch gut im Geschäft. „bwin“ wirbt in einem Spot mit seinen Partnern Borussia Dortmund, Union Berlin und dem 1. FC Köln. Die Bilder in diesem Spot sind verwackelt, die Farben vergilbt. Vermeintliche Amateuraufnahmen, die die Authentizität und Bodenständigkeit dieses Sports vorgaukeln sollen. Eine Authentizität und Bodenständigkeit, die es heutzutage allerdings nur noch im Amateurbereich des Fußballs gibt.
Viele Profi-Fußballer zocken selbst gerne. Szenen, in denen die Spieler bei Europapokalreisen am Kofferband am Flughafen hohe Summen darauf wetten, wessen Koffer als erster aus der Luke kommt, sind in der Szene bekannt. Genauso wie andere absurde Wetten. Gerade Leistungssportler neigen dazu, Glücksspiel-Probleme zu entwickeln. Das hat damit zu tun, dass sie immer auf Leistung und den Wettbewerb fokussiert sind. „Eine Art von Männlichkeit“, wie Arne Rüger meint. Für ihn ist es kein Wunder, wenn auch schon mal ein Jugendtrainer für seine Nachwuchsspieler ein paar Online-Wetten abschließt.
Vor einiger Zeit hat Konrad Landgraf mal mit Vertretern der Deutschen Fußball-Liga gesprochen. Es ging um die Nachwuchs-Leistungszentren, die jeder Proficlub unterhält, und darum, wie man den jungen Leuten einen bewussten Umgang mit den unbegrenzten Wettmöglichkeiten beibringt. Landgraf war von Anfang an klar, dass das Thema zweischneidig ist, weil es um eine hohe Verantwortung geht, aber auch um eine Menge Geld. Aber selbst seine geringen Hoffnungen wurden noch enttäuscht: „Da kam nicht viel raus.“