Garmisch-Partenkirchen – Der nördliche Schneeferner auf der Zugspitze muss einst ein imposanter Gletscher gewesen sein. Vom Schneefernerhaus aus – damals noch ein Hotel – stürzten sich die Skifahrer Mitte des vergangenen Jahrhunderts ins Vergnügen. Heute thront das Haus, das seit 1999 als Forschungsstation dient, weit oben im Geröll über dem Eis. Dutzende Meter sind abgeschmolzen, allein 2016 waren es 1,6. „Gletscher sind in Deutschland eine aussterbende Art“, sagt Matthias Bernhardt, Professor für Hydrologie und Wasserwirtschaft in Wien. Einmal im Monat kommt der Wissenschaftler aufs Schneefernerhaus, um die Wasserströme der Alpen zu beobachten. Seine Prognose: „Die Gletscher werden verschwinden – egal, was wir tun.“
Bernhardt hat prominente Zuhörer. Ministerpräsident Markus Söder ist gekommen. Mal wieder. Söder liebt die Zugspitze. Tolle Bilder, spektakuläre Natur, modernste Forschung – alles, was der 52-Jährige schätzt. Schon 2008 als Umweltminister war er hier. Im vergangenen Jahr schleppte er sein komplettes Kabinett hinauf, im Oktober folgen die Ministerpräsidenten der anderen Bundesländer. Diesmal ist Umweltminister Thorsten Glauber dabei – und weite Teile der Presse aus der Landeshauptstadt. „Klimatour“ nennt Söder das. Aus dem Fragezeichen, ob Söder seine plötzliche Ergrünung ernst meine, soll ein Ausrufezeichen werden.
Der Auftakt verläuft gar nicht so schlecht. Schon unten, vor der Talstation der Seilbahn, wartet eine Handvoll Aktivisten auf den CSU-Chef. Fast alles junge Mädchen, noch keine 18 Jahre alt. Wer sich an die erbitterten Wackersdorf-Proteste oder – noch nicht so lange her – an die hitzigen Demos gegen das Polizeiaufgabengesetz erinnert, reibt sich die Augen. „Söder – Mann, der unsere Zukunft retten kann“, steht sogar auf einem Plakat. Auf einem anderen: „Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist Viertel nach zwölf.“ Die meisten sind sehr höflich und ein bisschen nervös. „Das ist der Thorsten, Umweltminister, und ich bin der Markus, der Ministerpräsident“, stellt Söder sich artig vor. Dann hört er sich geduldig die Forderungen an und nickt. Erst als eine eigens aus Niedersachsen angereiste 15-Jährige berichtet, sie weine täglich, weil sie wegen des Klimawandels sterben werde, wird es ihm zu viel. So dramatisch sei die Lage nicht. Aber er verspricht: „Wir versuchen wirklich, etwas zu machen.“
In der Gondel nach oben blickt der Ministerpräsident auf den Eibsee. Das Wasser leuchtet blau, der Wald außenrum grün. Es ist ein ziemlich guter Tag für eine Bergtour mit einem Haufen Kameras im Schlepptau. „Ihr Motiv ist wirklich ehrenwert“, sagt er über Fridays for Future und berichtet vom Gespräch mit seinem 15-jährigen Sohn, der ihm einen klaren Arbeitsauftrag erteilte: „Mach was!“
Jetzt macht Söder also was. Er war der erste in der Unionsspitze, der erkannte, dass man das Thema nicht den Grünen überlassen darf. Wie glaubwürdig das ist? Tatsächlich bastelte schon der junge Söder als CSU-Generalsekretär und Umweltminister an einem ökologischen Profil. Später lag der Fokus eher auf der eigenen Karriere. Wie auch immer: Selbst Umweltschützer sind jetzt ganz froh, dass ein Mann mit Söders Tatendrang das Thema anpackt. „Wir müssen zwischen denen, die in völlige Panik verfallen, und den Klima-Ignoranten die goldene Mitte finden“, lautet die Strategie.
Die Wissenschaftler oben am Berg sind nicht ganz so alarmistisch, wie die Jugendlichen im Tal. Ist es fünf vor oder nach Zwölf?, wird Hydrologe Bernhardt gefragt. „Es ist ziemlich genau zwölf Uhr“, lautet die Antwort. Für einige Bereiche der Welt komme alles zu spät. „Aber wir in Bayern befinden uns in der luxuriösen Situation, noch handeln zu können.“
Es gehe nicht nur um Klimaschutz, sagt Söder deshalb, sondern auch um Klimaanpassung, um sich vor Auswirkungen zu schützen. Dazu zählt in Zeiten schmelzender Gletscher vor allem ein Wassermanagement, aber auch der Umgang mit Wetterextremen. Söder will unbedingt Ökologie und Ökonomie verzahnen: Förderung alternativer Autoantriebe wie Elektro und Wasserkraft, Hilfe bei energetischer Sanierung (was ein mittelfristiges Aus für Ölheizungen bedeutet), eine Million neue Ladesäulen für E-Autos. „Die Zeit drängt“, findet auch Umweltminister Thorsten Glauber. Ein bayerisches Klimagesetz liegt fertig in der Schublade. Man warte noch auf Berlin. Aber es müsse jetzt endlich was passieren: Ab 2020 muss Deutschland für jedes Jahr mit verfehlten Klimazielen zwei Milliarden Euro Strafe zahlen. „Mit dem Geld könnte man viele schöne Projekte anstoßen“, sagt Glauber.
Es geht weiter. Hinter dem Schneefernerhaus führt ein Gang in den Berg. Helm auf, Taschenlampe an. Fast einen Kilometer geht es bergauf, dann erreicht man ein Forschungslabor der besonderen Art. Hier untersuchen die Wissenschaftler seit 2007 die Entwicklung von Permafrost – also verborgene Vereisungen im Inneren des Berges. Auf 2800 Metern kämpft der Dauerfrost gegen die Erwärmung – 1,8 Grad mehr als im Mittel seit Beginn der Messungen 1899. Die wärmsten drei Jahre: 2011, 2015 und 2018. „Deshalb ist es hier auf der Zugspitze so interessant, weil wir jede kleine Regung beobachten können“, sagt Michael Krautblatter, Professor an der TU. Der Befund: Noch nie war die Eismenge so gering wie im August 2018. Die Arbeiten der Wissenschaftler hier oben gehören zu den besten der Welt, ihre Methoden werden bis in die USA importiert. Die Erkenntnisse sind elementar, schließlich bestehen 25 Prozent der Nord-Halbkugel der Erde aus Permafrost. Und der schmilzt überall – mit großen Auswirkungen.
Söder nimmt all das mit. Es ist ja derzeit ein wenig unübersichtlich. Alle überbieten sich mit Klima-Vorschlägen. Am Montag saßen die Koalitionsspitzen acht Stunden lang zusammen. Das nächste Treffen folgt am 13. September. Open End. Davor gibt es Klausuren der Unionsfraktion (siehe Seite 2) und des CSU-Vorstands. Knackpunkte könnten die Fragen CO2-Steuer und Schwarze Null im Haushalt werden. „Aus der Summe von Einzelvorschlägen muss eine Choreografie entwickelt werden, die in sich schlüssig ist“, sagt Söder. Die Entscheidung fällt am 20. September. Söder mahnt: „Das muss vor den Augen der Wissenschaft bestehen.“ Er will ja bald wieder auf die Zugspitze.