Ein Knopf für mehr Gerechtigkeit

von Redaktion

Heute stellt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) in Berlin den „Grünen Knopf“ vor. Das Metasiegel des Bundes soll für mehr Gerechtigkeit in der globalisierten Textilindustrie sorgen. Das Siegel ist freiwillig, aber zugleich ein Wink mit dem Zeigefinger. Sollte die Industrie nicht mitspielen, hat Müller schon ein Gesetz in der Schublade liegen.

VON WOLFGANG HAUSKRECHT

München – Erst am Donnerstag hat Papst Franziskus auf seiner Afrika-Reise die soziale Ungleichheit und die Ausbeutung der Natur angeprangert. Auch heute Vormittag wird Bundesentwicklungsminister Gerd Müller kirchlichen Beistand haben. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, wird bei der Vorstellung des „Grünen Knopfs“ an seiner Seite sein. Die Botschaft, die Müller mit dem neuen Metasiegel verknüpft, könnte auch vom Papst stammen. „Ich sage ganz klar: Wir können so nicht weiterkonsumieren. Wir müssen die Ausbeutung von Mensch und Natur beenden. Die Textilbranche ist nur ein Beispiel. Am Anfang jedes Produktes stehen Menschen, die von ihrer Arbeit leben müssen.“

Der „Grüne Knopf“ soll Verbrauchern Orientierung geben. Denn bisher gibt es einen Dschungel an Textilsiegeln, den kaum jemand durchblickt. Der „Grüne Knopf“ ist ein Metasiegel, das andere seriöse Siegel vereint. Trägt ein Hemd das Metasiegel, soll der Verbraucher sicher sein dürfen, dass das Hemd sozial und ökologisch nachhaltig hergestellt wurde. Die Prüfung erfolgt dabei zweiteilig. Einerseits muss das Textilunternehmen nachweisen, selbst auf der gesamten Lieferkette so zu agieren, zweitens muss das Hemd selbst nachhaltig sein. Allerdings ist das Siegel freiwillig.

Es geht nicht nur um Kleidung, sondern alle Textilprodukte von der Stoffwindel über Brillenbeutel bis hin zu Sonnenschirmen. Sogar Slipeinlagen können das Siegel tragen. Kern bleibt aber die riesige Textilbranche. 75 Millionen Menschen stellen jedes Jahr 100 Milliarden Kleidungsstücke her – überwiegend in Entwicklungs- und Schwellenländern. Rund 50 Prozent der deutschen Textilimporte stammen aus China (23,8 Prozent), Bangladesch (16,2) und der Türkei (9,8). Weitere 15,4 Prozent werden in Indien, Kambodscha, Vietnam, Pakistan und Myanmar produziert. Und das unter oft fragwürdigen Bedingungen.

„Eine Jeans kostet in Bangladesch fünf Dollar in der Produktion“, sagte Müller am Freitag beim Besuch unserer Zeitung. Die Arbeiter, meist Frauen, bekämen 20 bis 40 Cent die Stunde, müssten 14 Stunden an sechs Tagen die Woche arbeiten. „Das sind Hungerlöhne. Am Ende des Monats kommen sie auf keine existenzsichernden Gehälter.“ Der Lohn ist nur das eine, wie Antje Ruhmann von der Hilfsorganisation „terre des hommes“ betont. „Die Arbeiter werden ausgebeutet, arbeiten in Gebäuden, die nicht einsturzsicher sind“, sagt sie. „Die Hygienebedingungen sind häufig miserabel, vielfach ist Gewalt an der Tagesordnung, Meist gibt es keine Verträge, keinen Urlaub, keine soziale Absicherung im Krankheitsfall.“

Auch die Natur leidet. Chemikalien landen in Flüssen, Pestizide auf Baumwollplantagen. Bei der Stoffverarbeitung sind ebenfalls Chemikalien im Spiel, etwa beim Sandstrahlen von Jeans, um ihnen den beliebten „Used Look“ zu verpassen. Den Arbeitern droht mangels Schutzkleidung eine Staublunge. Die globale Textilwirtschaft, sagt Müller, verursache weltweit 20 Prozent der industriellen Wasserverschmutzung und emittiere etwa eine Milliarde Tonnen CO2. „Das ist mehr als in Deutschland emittiert wird.“

Spricht man mit Müller über das Thema, spürt man, wie es ihn umtreibt. Nur ein Dollar mehr für eine Jeans würde schon viel bewirken, sagt der 64-Jährige. „Es geht um diesen einen Dollar im Einkauf. Das heißt nicht, dass die Jeans bei uns teurer werden muss. Die Jeans liegt für 50 oder 100 Euro in den Geschäften. So groß sind teilweise die Spannen.“ Müller erzählt von Namibia, wo er gerade war. Vom Wassermangel, von Menschen ohne Perspektive. „Namibia ist eines der Länder, das am meisten betroffen ist vom Klimawandel. Dort findet gerade die größte Dürre aller Zeiten statt. Ohne Wasser stirbt erst die Pflanze, dann die Tiere und am Ende stirbt der Mensch – oder er flüchtet. Alles hängt mit allem zusammen. Wir sind Teil eines großen Ganzen.“ Müller erzählt von Kindern, die auf Kaffeeplantagen arbeiten, von schwindenden Regenwäldern in Indonesien, damit wir Palmöl im Shampoo haben. Und er betont: „Ich rede nur über Dinge, die ich selber gesehen habe.“

Müller geht es um mehr als nur die Textilbranche. Seine Vision ist es, über den Handel für mehr soziale und ökologische Gerechtigkeit zu sorgen. „Gerechte Globalisierung ist der erfolgreichste Ansatz für die Entwicklung in Entwicklungs- und Schwellenländern“, sagt er. „Wir können nicht dauerhaft Kosten und Lasten auf Drittländer abwälzen.“ Der Grüne Knopf führe zu konkreten Verbesserungen für Arbeiterinnen und die Umwelt und werde so in der Textilbranche viel auslösen, „aber er hat weit darüber hinaus Symbolwirkung, denn das Siegel zeigt: Es geht!“.

Nicht alle sind davon überzeugt. Kritik gibt es zum Beispiel vom Gesamtverband „textil + mode“. „Wir können nicht alleine als deutsche Unternehmen die globale Welt retten“, sagte Verbandschefin Ingeborg Neumann bereits im April. Eine komplette Kontrolle der gesamten Lieferkette, wie sie Müller fordere, sei nicht machbar. Neumann befürchtet erhebliche Wettbewerbsnachteile für deutsche Firmen. Der „Grüne Knopf“ sei „reines Politmarketing“.

Müller macht das fast zornig. „Wir haben versucht, auf den Verband zuzugehen. Erfolglos. Ich verstehe seine Haltung nicht. Man muss doch die Zeichen der Zeit erkennen“, sagt er und verweist auf Umfragen, nach denen 75 Prozent der Kunden in Deutschland nachhaltige Kleidung fordern. Dass die Textilbranche den Anfang machen soll, begründet Müller so: „In der Textilindustrie hat die Globalisierung begonnen und dort muss die Gestaltung von Gerechtigkeit in den Lieferketten ihren Anfang nehmen.“

Letztlich setzt Müller um, was die Bundesregierung 2016 mit dem „Nationalen Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte“ beschlossen hat. Der Aktionsplan ist eine Folge der Leitlinien der Vereinten Nationen und fordert kurz gesagt von allen Unternehmen eine Achtung der Menschenrechte in ihren Lieferketten. Bis 2020 müssen mindestens 50 Prozent der deutschen Unternehmen menschenrechtliche Sorgfaltspflichten in ihre Prozesse integriert haben. Ansonsten greift eine gesetzliche Regelung – für alle Branchen. Derzeit läuft ein Monitoring unter Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern. 1800 Unternehmen haben eine Fragebogen erhalten. Ergebnis: offen.

Müller lässt keinen Zweifel daran, dass ein Gesetz kommt, sollte es mit der Freiwilligkeit nicht funktionieren. Nicht alle in der Regierung sind dafür. So kamen aus dem Wirtschaftsministerium schon kritische Töne. Dort befürchtet man eine Benachteiligung deutscher Firmen im globalen Wettbewerb. „Es gibt starke Beharrungskräfte, aber der Koalitionsvertrag ist eindeutig“, sagt Müller. In einer zweiten Stufe solle das Gesetz, falls es kommt, „auf eine europäische Ebene gehoben werden. Auch im Rahmen der deutschen Ratspräsidentschaft werden wir uns für eine europäische Regelung einsetzen“. Ein Gesetz fordern auch Hilfsorganisationen wie „terre des hommes“ oder die „Kampagne für saubere Kleidung“, denen die Freiwilligkeit nicht ausreicht.

Über 50 Textilfirmen haben sich bereits um das Metasiegel beworben, darunter Tchibo, die Otto Group, Hugo Boss oder Hess Natur. „Es sind auch kleine Mittelständler dabei, die sagen: das ist machbar“, freut sich Müller – und wird noch einmal grundsätzlich. „Es ist meine Pflicht, den Menschen in Deutschland zu sagen, dass so die Zukunft der Beziehungen zwischen armen und reichen Ländern nicht weitergehen kann. Die Menschen in Entwicklungsländern sehen im Internet, in welchem Wohlstand wir leben. Und sie sehen, in welcher Armut sie leben. Ändern wir nichts, werden die Menschen eines Tages zu uns kommen.“ Das große Ziel müsse eine gerechte Welthandelsorganisation sein, nicht das Prinzip des ungezügelten freien Marktes. „Wir brauchen eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft. Aber das ist noch ein weiter Weg.“

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