SUV – ein Autotyp, der spaltet

von Redaktion

Am Freitag ist in Berlin ein Sportgeländewagen auf den Gehweg gerast und hat vier Menschen getötet. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, doch eine hitzige Debatte hat längst angefangen. Sie dreht sich um drei Buchstaben: SUV. Über ein Automodell, das sehr beliebt ist – aber Kritik auf sich zieht.

Berlin/München – Sie setzen sich mitten auf die Straße und schweigen. Mehrere hundert Menschen sind am Samstag gekommen. Alte, Junge, Kinder. Vier Minuten Stille – eine für jeden, der hier am Vorabend auf erschütternde Weise starb: Ein Dreijähriger und seine Großmutter, zwei junge Männer. Sie standen an einer Ampel in der Berliner Invalidenstraße, als ein Porsche Macan, ein sogenannter SUV, dort auf den Gehweg schoss.

Es gibt für den Ablauf eine Reihe Zeugen, die Kreuzung war am Freitagabend belebt. Björn Möller ist einer von ihnen. Es habe einen lauten Knall gegeben, sagt er, und als er hinsah, habe er den Wagen gesehen. Dieser hatte den Ampelmast da gerade abgeknickt und sei dann über den Gehweg geflogen. Als sei er über eine Sprungschanze gefahren, sagt Möller, wie in einem Film. Die Fußgänger, die an der Ampel standen, habe das Auto mitgerissen.

Am Wochenende beobachtet man in der Invalidenstraße Szenen der Trauer: Innehalten, Umarmungen, Sitzen auf der Straße, Tränen. „Heut tut es allen furchtbar leid“, steht dort mit Kreide auf dem Gehweg. „Morgen fahren wir genau wie gestern.“

Es wird jetzt in Deutschland geredet über das, was in der Invalidenstraße passiert ist – und natürlich wird auch ermittelt, mit wohl ersten Erkenntnissen. Der 42-jährige Mann am Steuer des Wagens, der schwer verletzt in einer Klinik liegt, könnte einen epileptischen Anfall erlitten haben. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur gestern aus Ermittlerkreisen. Ein Sprecher der Polizei wollte das aber weder bestätigen noch dementieren. Polizeipräsidentin Barbara Slowik sagte: „Wir schließen nach wie vor definitiv medizinische Gründe nicht aus.“

Als die Hinweise auf einen möglichen epileptischen Anfall gestern an die Öffentlichkeit gelangten, hatte eine andere Debatte allerdings schon längst begonnen – und diese dreht sich nur um drei Buchstaben: SUV.

Es steckt ein englischer Begriff hinter dieser Abkürzung (Sport Utility Vehicle), vor allem aber ein Trend in der Autobranche, auch in Deutschland. Die mitunter ziemlich schweren Fahrzeuge, die von außen an Geländewagen und von innen eher an Limousinen erinnern, sind gerade beliebter denn je. Der Automobilhersteller BMW etwa teilte gestern mit, dass er ein Drittel mehr SUVs verkauft als noch vor einem Jahr. Im vergangenen Monat machten sie knapp die Hälfte der verkauften BMW-Autos aus. In diesem Jahr werden vermutlich erstmals über eine Million SUVs in Deutschland neu zugelassen. Ein Trend, der sich auch in München zeigt (siehe Text unten links).

Es ist auch ein Trend, der manchen Politikern nicht gefällt. Der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Oliver Krischer, sagte im „Tagesspiegel“: „Wir brauchen eine Obergrenze für große SUVs in den Innenstädten. Am besten wäre eine bundesrechtliche Regelung, die es Kommunen erlaubt, bestimmte Größenbegrenzungen zu erlassen.“ Schon am Samstag hatten andere Grünen-Politiker, die Deutsche Umwelthilfe sowie alternative Verkehrs- und Fußgänger-Verbände Einschränkungen für die Geländewagen gefordert.

Nach Einschätzung von Experten aus der Unfallforschung und der Polizei gibt es aber keine Hinweise dafür, dass der Unfall mit einer Limousine, einem Mittelklasseauto, einem Familien-Van oder einem Taxi anders verlaufen wäre. Viele Limousinen sind genauso schwer und schnell wie das Unfallauto. Der Unfallforscher der Versicherungswirtschaft, Siegfried Brockmann, sagte aber, dass im Berliner Fall der Ampelmast einen Polo etwa vielleicht abgehalten hätte.

Die FDP kritisierte gestern wiederum die Grünen und die Deutsche Umwelthilfe. FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg warf ihnen ein Vorgehen nach dem Muster der AfD vor. Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen und doch würden sie schon den Schuldigen kennen: SUVs und deren Fahrer. „Das ist nicht nur die Sprache, sondern auch die Logik der AfD: Vor- und Pauschalurteile über eine Gruppe, bevor alle Tatsachen bekannt sind“, sagte Teuteberg. Der FDP-Verkehrsexperte Oliver Luksic wandte sich gegen eine „Instrumentalisierung einer Tragödie für politische Zwecke“. Der Automobilclub ADAC hält ein Verbot von SUVs weder für umsetzbar noch für sinnvoll. „Entscheidend für die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern ist vielmehr das verantwortungsvolle Führen von Kraftfahrzeugen“, teilte ein ADAC-Sprecher gestern mit. Das gelte vor allem für die Faktoren angepasste Geschwindigkeit, Alkohol und Ablenkung. „Insofern lässt sich Unfallvermeidung nicht mit dem Verbot einer Fahrzeugklasse lösen, sondern durch mehr Rücksichtnahme.“  dpa/mm

Der Fahrer könnte einen epileptischen Anfall erlitten haben, heißt es

Grüner fordert SUV-Obergrenze, FDP warnt davor zu instrumentalisieren

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