Der schwerste Kampf ihres Lebens

von Redaktion

Manuela Schwesig, die SPD-Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns, erklärt öffentlich, dass sie an Brustkrebs leidet. Auf Bundesebene gibt sie ihre Ämter ab, auf Landesebene nicht. Und sie sagt: „Ich habe schon einige Kämpfe in meinem Leben geführt – und ich werde auch diesen führen.“

VON CHRISTOPHER MELTZER, IRIS LEITHOLD, BASIL WEGENER

Schwerin/München – Am Dienstagmittag stellt sich Manuela Schwesig vor ein Pult in der Staatskanzlei Schwerin, hinter ihr hängen drei bunte Bilder, vor ihr stehen sechs Mikrofone, Kameras filmen sie. Sie fängt an zu reden, langsam und ruhig. Ein paar Sekunden später blickt sie nach unten, auf den Zettel mit Notizen, der vor ihr liegt, blickt wieder nach oben, zu den Kameras, und sagt: „Die gute Nachricht ist: Dieser Krebs ist heilbar.“

Hier, in ihrer Staatskanzlei, hat Manuela Schwesig, 45, seit mehr als zwei Jahren Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, viele Auftritte gehabt. So schwer wie an diesem Tag dürfte ihr das aber wohl noch nie gefallen sein. Sie redete dieses Mal über etwas sehr Persönliches: ihren eigenen Körper.

An diesem Dienstag stellte sich Schwesig also vor die Kameras, weil sie der Öffentlichkeit persönlich mitteilen wollte, was sie bereits „vor einiger Zeit“ erfahren hat: Sie leidet an Brustkrebs. Natürlich sei das „ein riesiger Schock“ gewesen, für sie, für ihre Familie mit den zwei kleinen Kindern, zwölf und drei Jahre alt. Als sich nach vielen Gesprächen mit Ärzten aber herausstellte, dass der Kampf gegen den Krebs zwar viel Kraft koste, sie aber gute Chancen habe, gesund zu werden, da gab sich Schwesig wieder selbstbewusst. Sie sagt: „Ich habe schon einige Kämpfe in meinem Leben geführt – und ich werde auch diesen führen.“

Am Ende ihrer kurzen Rede bittet Schwesig darum, ihre Privatsphäre zu wahren, was die Details der Behandlung betreffe. Das steht ihr zu. Es werden sich in den kommenden Monaten aber trotzdem Fragen stellen, wie es ihr geht. Denn Schwesig, die SPD-Politikerin, ist eine Frau, an der gerade viel hängt.

Auf der Landesebene führt Schwesig die rot-schwarze Regierung und auch die SPD an. Auf Bundesebene ist sie stellvertretende Chefin der Partei, seit Andrea Nahles’ Rücktritt Anfang Juni eine von drei kommissarischen Vorsitzenden – und mit Blick auf ihre taumelnde Partei ganz besonders auch: eine Hoffnungsträgerin.

Am Dienstag hat Schwesig schon die ersten Konsequenzen gezogen. Auf Bundesebene gibt sie ihre Ämter ab, auf Landesebene will sie sie aber behalten. Natürlich müsse sie ihre Arbeitsbelastung „über einen gewissen Zeitraum“ reduzieren, sagte Schwesig, ihre Minister in Mecklenburg-Vorpommern sollen sie während der Behandlung hin und wieder vertreten. Sie will ihre Kraft „für das Land Mecklenburg-Vorpommern, meine Gesundheit und meine Familie“ aufbringen. Es habe ihr viel Mut gemacht, sagte sie, dass es genug Frauen gebe, die gezeigt haben, dass man trotz der Krankheit im Beruf Erfolg haben kann.

Es bleibt nun die Frage: Was macht die Bundes-SPD?

Für die Partei ist die Erkrankung ihrer Spitzenpolitikerin die nächste schlechte Nachricht. Als Schwesig zusammen mit Malu Dreyer und Thorsten Schäfer-Gümbel im Juni kommissarisch eben den SPD-Vorsitz übernahm, sagte sie: „Wir haben uns diese Situation nicht ausgesucht, aber wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen.“

Die SPD erschien den meisten seither trotzdem ziemlich chaotisch, auch als sie sich auf das Verfahren zur Auswahl einer neuen Parteispitze einigte und dabei auf die Bewerbung von Kandidatenduos setzte – sich zunächst aber kaum jemand meldete. Auch Schwesig, seit Jahren eine Hoffnungsträgerin, machte schnell klar, dass sie ihren Platz weiter in Mecklenburg-Vorpommern sieht.

Mittlerweile ist das Kandidatencasting in der SPD in vollem Gange, die Regionalkonferenzen der 15 Bewerber sind recht munter. Doch bis es einen neuen regulären Vorsitz gibt, dauert es noch. Bis zum 12. Oktober touren die Anwärter durch Deutschland, dann haben erst einmal die Mitglieder das Wort, und der Parteitag vom 6. bis 8. Dezember in Berlin soll die siegreichen Kandidaten noch formell wählen.

Das Problem verkompliziert sich noch: Schäfer-Gümbel wird schon am 1. Oktober beruflich zur Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wechseln. Von da an muss Dreyer zwei Monate alleine weitermachen. Und das könnten entscheidende zwei Monate sein. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin sagt: „Die Parteiführung wird nicht erschüttert.“

Die Krebserkrankung von Manuela Schwesig ist kein Einzelfall, ihr offener Umgang mit der Erkrankung auch nicht. Ihr Vorgänger als Ministerpräsident Erwin Sellering sagte bei seinem Rücktritt 2017, dass er an Lymphdrüsenkrebs litt. Hessens Regierungschef Volker Bouffier (CDU) und der thüringische CDU-Chef Mike Mohring machten ihre Erkrankung Anfang dieses Jahres publik. Mohring, der seine Behandlung im Juni abgeschlossen hat, tritt bei der Thüringer Landtagswahl Ende Oktober als Spitzenkandidat an. Sellering sitzt heute wieder im Landtag.

In der Öffentlichkeit will sich Manuela Schwesig weiter zeigen. Schon gestern Abend, das teilte sie noch in ihrer Pressekonferenz mit, wollte sie trotz aller gesundheitlichen Sorgen in Torgelow wieder an einem Gesprächsabend mit Anwohnern teilnehmen.

Es war „ein riesiger Schock“ – jetzt ist sie aber wieder zuversichtlich

Schon am Abend wollte sie wieder einen Ortstermin besuchen

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