„Im schlimmsten Fall hat man sich halt eingemischt – na und?“

von Redaktion

Peter Hoffmann, Mitbegründer der Dominik-Brunner-Stiftung, erklärt, wie aus dem Tod seines Freundes eine Aufgabe erwachsen ist

München – Als Dominik Brunner vor zehn Jahren in München starb, entstand kurz darauf in seinem Namen eine Stiftung für Zivilcourage. Peter Hoffmann, 57, ein Freund und Arbeitskollege Brunners, war damals einer der Antreiber des Projekts und sitzt bis heute im Kuratorium der Stiftung. Im Interview erzählt er, was die Arbeit der Stiftung bewirkt hat.

Herr Hoffmann, Sie kannten Dominik Brunner 16 Jahre lang, waren sein Freund und Arbeitskollege. Was zeichnete ihn aus?

Der Mensch Dominik Brunner war freundlich, höflich, hilfsbereit, als Vorstand umsichtig und klug. Ganz besonders in Erinnerung ist mir sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Aus diesem Grund konnte er damals auch nicht wegsehen, als die beiden Schläger vier Schüler ausrauben wollten. Dominik Brunner war außerdem auch jemand, der lebensfroh und lebensbejahend war. Seine Leidenschaften waren Literatur und Filme.

Dominik Brunners Vater holte Sie zum Dachziegel-Hersteller Erlus, wo Sie Dominik als Kollegen kennenlernten. Wie haben seine Eltern den Tod ihres Sohnes verkraftet?

Dominiks Eltern kannte ich gut, ich war auch mit der Familie befreundet. Dominik war ihr einziger Sohn. Seine Mutter Felicitas ist knapp zwei Jahre nach Dominiks Tod ebenfalls gestorben. Sie hat sich nicht mehr erholt und ist letztendlich an Kummer gestorben. Sein Vater, Dr. Oskar Brunner, hat den Tod ebenfalls nie verarbeiten können. Durch sein Engagement in der Dominik-Brunner-Stiftung wollte er verhindern, dass so etwas nochmals passiert und das Andenken an seinen Sohn wahren. Aber natürlich hat ihn die Stiftung auch an das tragische Ereignis erinnert. Er ist letztes Jahr im Mai im Alter von 88 Jahren gestorben und hat sein Erbe der Stiftung vermacht.

Schon knapp zwei Monate nach Brunners Tod haben die Eltern, Freunde und Kollegen sich zusammengetan und die Stiftung gegründet. Warum war Ihnen das so wichtig?

Wir waren alle schockiert, empfanden eine ohnmächtige Wut, Trauer und Frust. Wir stellten uns die Frage, wie so etwas in München passieren kann. Ich war wütend auf die Täter und auch auf die, die vorbeigelaufen sind. Wir mussten die Energie, die nach dem Tod entstanden ist, ins Positive wenden und haben die Stiftung gegründet.

Wie lauten deren Ziele?

Der Kern ist laut Satzung, die Öffentlichkeit gegen Gewalt und für Zivilcourage zu sensibilisieren.

Was heißt das konkret?

Wir haben einige Leuchtturm-Projekte, zum Beispiel geben wir Kurse und Fortbildungen für Lehrer zu Zivilcourage. Bisher haben wir 3600 Lehrkräfte in deren Freizeit geschult. Das ist unser „pack ma’s“-Projekt für eine Schule ohne Gewalt. Bisher waren alle begeistert, und wir werden sehr dafür gelobt. Zudem unterstützen wir Zivilcourage-Kurse in München.

Eines der Projekte der Stiftung ist das Dominik-Brunner-Haus der Johanniter, das vor zwei Jahren eingeweiht wurde. Warum liegt Ihnen das so am Herzen?

Gewaltbereitschaft entwickelt sich oft ganz früh im Leben. Sie kann damit beginnen, dass Kinder keine ausreichende Betreuung und Erziehung bekommen. In dem Haus betreuen Pädagogen etwa 100 Kinder zwischen einem und 16 Jahren, viele aus sozial benachteiligten Familien, oft mit Migrationshintergrund. Dort lernen Kinder zum Beispiel auch, Deutsch zu schreiben und zu sprechen und erwerben so die Voraussetzung, einen guten Schulabschluss zu erreichen. Die Kinder bekommen außerdem Liebe und Zuwendung, dort sind Menschen, die sie ernst nehmen und sich um sie kümmern und fördern. So bekommen Kinder, auch aus schwierigeren Verhältnissen, eine Perspektive.

Hat sich durch den Tod Dominik Brunners auch konkret etwas in Ihrem Leben geändert?

Auf jeden Fall. Ich meine, alle, die in der Stiftung engagiert sind, sind aufmerksamer geworden. Ich persönlich schaue auf Dinge, die ich früher gar nicht beachtet hätte.

Zum Beispiel?

Wenn Leute sich streiten, versuche ich zunächst, die Situation einzuordnen. Ist das jetzt ernst und bedrohlich oder sind es nur Jungs, die sich aus Spaß anpöbeln? Falls erforderlich, bleibe ich stehen und beobachte die Szene ohne zu provozieren. Ich habe erlebt, dass sich schon dadurch das Ganze auflösen kann.

Hat sich bei all der Tragik durch Dominik Brunners Tod in der Gesellschaft in Sachen Zivilcourage etwas zum Besseren gewendet?

Ich kann nur das Wirken der Stiftung beurteilen und meine, dass in der Gesellschaft ein Umdenken stattgefunden hat. Menschen sind sich wieder bewusster geworden, wie wichtig Zivilcourage ist.

Ist die Arbeit der Stiftung dennoch heute noch so wichtig wie vor zehn Jahren?

Unsere Bedenken waren ja tatsächlich, dass wir das Interesse in der Bevölkerung für Zivilcourage nicht auf Dauer aufrechterhalten können. Aber die Stiftung ist mittlerweile deutschlandweit bekannt und erfolgreich. Und solange Vorfälle wie die Vergewaltigung eines elfjährigen Mädchens am helllichten Tag mitten in München von einem Mann mit Wolfsmaske passieren können, ist unsere Stiftung extrem wichtig. Diese Gewalttat hat mich emotional tief berührt. Grundsätzlich kann man doch immer fragen, ob alles in Ordnung ist, das macht doch nichts. Im schlimmsten Fall hat man sich halt eingemischt – na und?

Interview: Stefanie Wegele

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