Zivilcourage – Das Erbe von Dominik Brunner

von Redaktion

Vor zehn Jahren starb der Geschäftsmann Dominik Brunner, nachdem er am Bahnhof Solln Schüler beschützt hatte und in eine Schlägerei geraten war. Obwohl der Prozess Ungereimtheiten aufwarf, gilt er bis heute als Held, der Mut zeigte. Es bleibt die Frage: Hat sein Fall die Zivilcourage verändert?

VON ANDREAS THIEME, STEFANIE WEGELE, CHRISTOPHER MELTZER

München – Als sich die schlimme Nachricht aus seiner Heimat verbreitete, war Uli Hoeneß in Dortmund. Es war der 12. September 2009, ein Samstag, Hoeneß hatte gerade auf der Tribüne des Fußballstadions in Dortmund mitangesehen, wie sein FC Bayern den BVB 5:1 besiegt hatte. Mario Gomez, Bastian Schweinsteiger, Franck Ribéry und Thomas Müller schossen die Tore, letzterer sogar zwei, Hoeneß war zufrieden. Alle, so erzählt es der Präsident des FC Bayern heute, lagen sich hinterher in den Armen. Dann hörten sie, was in der Heimat passiert war.

An jenem Tag vor zehn Jahren beginnt am Münchner S-Bahnhof Donnersbergerbrücke, mehr als 600 Kilometer vom Dortmunder Fußballstadion entfernt, eine Auseinandersetzung, die tödlich endet. Dabei fängt es mit nur 15 Euro an. Jugendliche, 17 und 18 Jahre alt, bedrängen Schüler, 13 bis 15, verlangen Geld von ihnen. Dominik Brunner, damals 50 Jahre alt, fällt das auf. Der Geschäftsmann ruft noch in der S-Bahn die Polizei, am Bahnhof Solln steigt er mit den Schülern aus, stellt sich vor sie. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Brunner stürzt, die beiden Jugendlichen treten auf ihn ein. Er verliert das Bewusstsein. Die Ärzte können ihn nicht mehr retten.

Jetzt, genau zehn Jahre später, sagt Uli Hoeneß, dass der Tod Brunners „ein einschneidendes Erlebnis“ für ihn war: „Weil ich es niemals für möglich gehalten hätte, dass sich so eine Tat in meinem, in unserem München, in unserer Heimat ereignen könnte.“ Er konnte sich nicht vorstellen, dass jemand stirbt, der helfen wollte. „Ich kann es mir bis heute nicht vorstellen.“

Was im September 2009 in Solln passierte, bewegte Hoeneß so sehr, dass er schon im Heimspiel des FC Bayern gegen Nürnberg, nur sieben Tage nach Brunners Tod, im Stadion eine Rede hielt – und es mit seiner Unterstützung bis heute nicht sein ließ. Das gilt besonders für die Dominik-Brunner-Stiftung für Zivilcourage, die kurz danach ins Leben gerufen wurde. In seinem Amt als Vorsitzender des Stiftungskuratoriums ist Hoeneß gerade für fünf Jahre bestätigt worden. „Wir möchten nicht“, sagt er, „dass diese Geschichte vergessen wird.“

Es gibt viele, die so denken wie Hoeneß. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann zum Beispiel will heute am S-Bahnhof persönlich zum 10. Todestag an „Dominik Brunners heldenhaften Einsatz“ erinnern, wie es in einer Pressemitteilung seines Ministeriums heißt. Auch Oberbürgermeister Dieter Reiter wird erwartet.

So ist das Bild, das sich heute in der Öffentlichkeit verfestigt hat: Dominik Brunner, der Held, der Mut und Zivilcourage zeigte.

Es haben sich aber seit jenem Samstag vor zehn Jahren die Zweifel an diesem Bild ein wenig vermehrt. Im Prozess kam heraus, dass Brunner zuerst zugeschlagen hatte (aus Notwehr, heißt es vor Gericht) – und dass er nicht an den Folgen der Schläge und Tritte gestorben ist, wie die Obduktion ergab, sondern an einem Herzstillstand infolge eines vergrößerten Herzmuskels. Die Angeklagten, die als Haupttäter galten – Markus S. und Sebastian L. –, wurden trotzdem hart bestraft: neun Jahre und zehn Monate Gefängnis für den einen, sieben Jahre für den anderen.

„Deutlich zu hoch“ findet Roland Autenrieth, damals Anwalt von Sebastian L., heute. „Für die beiden Angeklagten war es auch eine Verkettung unglücklicher Umstände.“ Und auch die Richterin Andrea Titz, als Sprecherin des Oberlandesgerichts München bekannt geworden, hält es für recht „außergewöhnlich“, dass im Laufe des Brunner-Prozesses „die öffentliche Meinung rapide umgeschwungen ist, als vor Gericht alle Details benannt wurden“.

Nun ist es zehn Jahre später eher egal, wie man die Ergebnisse des Prozesses bewertet, wenn man sich eine andere, zweifelsohne wichtige Debatte ansehen will, die Dominik Brunners Tod in Deutschland angestoßen hat. Es geht um: Zivilcourage – und was genau sich seitdem verändert hat.

Der Moment, der sich Matthias Würl eingebrannt hat, ereignete sich am Faschingssonntag 2018. Würl, 31, Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität, fuhr mit seiner Freundin nach dem Bouldern mit der U-Bahn nach Hause. Am Bahnsteig am Marienplatz sah er, dass ein Mann – etwa in seinem Alter – eine ältere Frau aufs Übelste beschimpfte, ihr mit den Füßen in den Hintern trat und dann bedrohlich auf sie zuging. Er ging sofort dazwischen.

Auch Felix Kaiser, 28, rannte zu dem offenbar betrunkenen oder berauschten Angreifer und seinem Opfer. Als der Aggressor die beiden jungen Männer sah, ließ er von der Seniorin ab und flüchtete. Kaiser wählte den Notruf, gleichzeitig verfolgten die Retter den Mann. Die Wut des Täters richtete sich daraufhin gegen die beiden, er drehte sich um, bedrohte und beschimpfte Würl. Dann flüchtete der Täter die Rolltreppe hinauf Richtung Dienerstraße. Die beiden Männer liefen sofort hinterher. Sie folgten dem Mann ins Tal und zum Viktualienmarkt. Dort nahm die Polizei den Angreifer fest.

„Mein erster Gedanke, als ich die Situation wahrnahm, war: Ich muss jetzt etwas unternehmen, sonst passiert etwas Schlimmes“, sagt Würl heute. In einem Moment fürchtete er, dass ihm selbst etwas passieren könnte – „als der Angreifer mich geschubst und bedroht hat“. Denn die anderen Menschen am Bahngleis – bis auf Felix Kaiser – schauten nur zu.

Nur zwei Monate später starb die 73-Jährige, einen Zusammenhang mit der Attacke gab es wohl nicht. Davor hatte sie ihren Fall aber noch an die Dominik-Brunner-Stiftung weitergegeben. Sie wollte, dass Würl und Kaiser gewürdigt werden. Es klappte.

Auf der Website der Stiftung findet sich nun die Geschichte von Würl und Kaiser. Dort sind viele Fälle aufgelistet, in denen Menschen Zivilcourage zeigten. Es gibt dort auch etliche Projekte, die das fördern. Uli Hoeneß hat daher „schon den Eindruck, dass sich etwas geändert hat“. Die Richterin Andrea Titz dagegen nimmt das „persönlich nicht wahr“, sie sagt: „Es ist vielleicht sogar eher das Gegenteil, denke ich mir, dass manche Leute noch mehr Angst und Hemmungen haben, einem anderen beizustehen, wenn sie einen Vorfall im öffentlichen Raum bemerken.“ Sie glaubt, dass einige Menschen damals abgeschreckt wurden – „weil der Fall leider mit dem Tode Brunners geendet hat“.

In dem Fall vom Marienplatz offenbaren sich generelle Probleme. Es gibt Menschen, die helfen, aber eben auch sehr viele, die es nicht tun. Und diejenigen, die eingreifen, fürchten nicht selten um ihre eigene Sicherheit. Jetzt, da Uli Hoeneß sich also für weitere fünf Jahre der Dominik-Brunner-Stiftung verpflichtet hat, bleibt ihm und vor allem all jenen, die täglich an der Zivilcourage arbeiten, genug zu tun. „Wir alle sollten darauf achten, dem zu helfen, der in Not ist“, sagt Hoeneß. „Sonst kommt eine Gesellschaft nicht weiter.“

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