Die Rückkehr der Bohrmänner

von Redaktion

In Bayern liegt Texas östlich von München. Rund um die Gemeinde Ampfing pumpte bis Ende der 80er-Jahre das Herz der bayerischen Erdölförderung. Nun sind die Bohrmänner in den Landkreis Mühldorf zurückgekehrt, um ein neues Kapitel in Ampfings Erdölgeschichte aufzuschlagen.

VON WOLFGANG HASERER

Ampfing – Das Haus verlässt Ferdinand Prex nur selten. Die Beine schmerzen, die Hüfte sticht. „Jeder Schritt eine einzige Plag‘.“ Vor ein paar Monaten war der 86-Jährige aber noch einmal ordentlich unterwegs. Draußen in Schicking, einem kleinen Weiler bei Ampfing, hat er sich auf Einladung des Erdölunternehmens RDG angeschaut, was sich am Bohrturm so tut. „A saubere Sach‘“ sei das, sagt Prex. Ganz ohne Dreck und Schlamm. Und nicht zu vergleichen mit dem Knochenjob von einst. „Da schleppt niemand mehr Gestänge oder Zementsäcke rum, da rennt alles vollautomatisch.“

Prex hat noch geschleppt. Zwölf Stunden am Tag, als bayerischer Erdöl-Pionier. Er war dabei, als südlich von Ampfing vor 66 Jahren zum ersten Mal nach Öl gebohrt wurde. Er war dabei, als an der Bohrstelle IV zum ersten Mal Erdöl aus dem Boden schoss. Und er hat miterlebt, wie das Erdöl den Wohlstand in die Gemeinde brachte, in der er bis heute lebt.

Als der gelernte Schuster im März 1953 an der Bohrung „Ampfing I“ als Hilfsarbeiter anheuerte, tauchte er ein in eine völlig fremde Welt. „Wir hatten ja alle keine Ahnung von der Bohrerei. Jeden Handgriff und jedes Werkzeug mussten wir uns von den Preußen erklären lassen.“ Die „Preußen“ waren die Schichtführer und Bohrmeister der Deutschen Vacuum AG, die schon 1950 erste Messtrupps für seismographische Untersuchungen in die Region geschickt hatte. Zwei Jahre wurde gemessen, dann sahen sich die Experten bestätigt, dass sich tief unter der Decke des eiszeitlichen Schutts große Erdöl- und Erdgaslagerstätten befinden könnten.

Könnten. Der Konjunktiv ist in der Erdölindustrie eine teure Angelegenheit. „Vor dem Meißel ist es dunkel“, sagen Bergleute. Das galt auch für die Bohrung „Ampfing I“. „Eine fette Niete war das“, sagt Prex. „Ein Millionengrab. Was wir da an Gestänge und Messgeräten im Boden versenkt haben, war enorm.“ An den Bohrstellen II und III, ein paar Kilometer weiter, war es nicht besser – abgesehen von zwei angebohrten Erdgasblasen, mit denen man damals wenig anzufangen wusste. Das Gas wurde an Ort und Stelle einfach abgefackelt.

Am 20. Juni 1954 trafen die Bohrmänner dann endlich ins Schwarze: An der Bohrstelle „Ampfing IV“ stießen sie in 1730 Metern auf größere Mengen Erdöl. Sogar eine kleine Fontäne soll es gegeben haben. „Wir sahen aus wie die Kaminkehrer“, sagt Prex. „Von oben bis unten voll mit Öl.“ Zu Hunderten seien Schaulustige an die Bohrstelle gekommen, viele hatten Flaschen dabei. „Wir haben uns ein schönes Trinkgeld verdient, indem wir für die Leute ein wenig Öl abfüllten.“ Das Zehnerl für das Flaschenöl war erst der Anfang. Mit dem Öl floss auch das große Geld: für die beteiligten Unternehmen, die in vier Jahrzehnten rund um Ampfing 550 000 Tonnen Öl förderten; für die Gemeinde, die mehr als zehn Millionen D-Mark an Gewerbesteuern einnahm; für die vielen Arbeiter, die wie Ferdinand Prex einen gut bezahlten Job bei der Vacuum und später bei der Mobil Oil AG fanden. Und für all die Handwerker und Gastwirte in der Region, die indirekt vom Erdölboom profitierten.

Doch keine Ölquelle sprudelt ewig. 2005 wurde das letzte Bohrloch bei Ampfing wieder verfüllt. Mehr als 200 Mal hatten sich die Meißel bis dahin in den Boden des ostbayerischen Molassebeckens gebohrt, dann machten der niedrige Ölpreis und hohe Förderkosten den Betrieb der Pumpen unrentabel.

Nun sind die Bohrmänner zurückgekehrt. Und wieder sind es die „Preußen“, die sich auf die Suche gemacht haben. Das Unternehmen RDG aus Hannover will in den nächsten 20 Jahren mit modernster Technik noch einmal 500 000 Tonnen Erdöl aus dem Boden holen. „Dank bildgebender Verfahren im Bereich der 3D-Seismik lässt sich der Untergrund fast auf den Meter genau erkunden“, sagt RDG-Projektleiter Ernst Burgschwaiger. „Dazu kommt eine Bohrtechnik, die es erlaubt, von einem Standort aus kilometerweit abgelenkt zu bohren. Das verringert die Kosten.“

Und erhöht die Trefferquote. Als Ferdinand Prex noch am Bohrloch stand, mussten die Bohrtürme aufwendig ab- und wieder aufgebaut werden. Nur einmal, von der Bohrstelle IV nach V, wurde der Bohrturm stehend gewalzt – mit Raupen und Muskelkraft. „Das war ein Spektakel“, sagt Prex. „Einmalig in Bayern, die Leute haben nur so gestaunt.“

Diesmal hält sich die Begeisterung in Grenzen. Zwar könne die RDG in Ampfing auf die jahrzehntelange Vorgeschichte bauen, sagt Burgschwaiger. „Die Akzeptanz ist viel höher als in Gegenden ohne Erdölhistorie.“ Ein Selbstläufer sei ein Projekt dieser Größenordnung aber nicht. „Das klappt nur im Dialog mit den Menschen vor Ort.“ Schon vor fünf Jahren gab es die ersten Informationsveranstaltungen. Einige Anwohner trieb die Sorge um, der Verkehr zum Bohrplatz könnte durch ihren Weiler rauschen. „Wir haben deshalb den Bohrplatz samt Zufahrt trotz der Mehrkosten verlegt“, sagt Burgschwaiger. Öffentliche Kritik gibt es seitdem kaum. Erst jetzt, im Rahmen der lokalen „Fridays for Future“-Bewegung, fordern Umweltaktivisten, den Bodenschatz für spätere Generationen in der Tiefe zu belassen.

Dafür ist es wohl zu spät. Denn die RDG ist auf dem besten Weg, die Erdölförderung noch heuer wieder aufzunehmen. Dreimal wurde im Frühjahr in den Sandstein gebohrt und – nach zwei Nieten – Erdöl entdeckt. Für Burgschwaiger noch kein Grund, den Sekt kalt zu stellen. Man müsse den Fördertest abwarten. Die Voraussetzungen seien aber gut, sagt er – und lächelt. „Vielleicht sogar sehr gut.“

Im Dezember soll der Fördertest wieder Ampfinger Erdöl an die Oberfläche bringen. Menge, Fließgeschwindigkeit und Qualität entscheiden dann über die Wirtschaftlichkeit einer Förderung. Ein gewaltiges Zahlenspiel. Bisher hat die RDG einen zweistelligen Millionenbetrag investiert – ohne zu wissen, ob die Quelle jemals sprudelt.

Für RDG-Geschäftsführer Felix Lerch steht die Wiederaufnahme der Förderung in Ampfing auch für einen Wandel in der künftigen Nutzung des Erdöls: „Aktuell wird Öl zu etwa zwei Dritteln als Energieträger und zu einem Drittel als Hightech-Rohstoff genutzt. Dieses Verhältnis wird sich in den nächsten Jahren stark verändern.“ Eine regionale Förderung und im Idealfall regionale Verarbeitung sei im Sinne der Energiewende, sagt Lerch und nennt ein Beispiel: Kein Windrad drehe sich ohne Öl. Jedes Rotorblatt bestehe bis zu 45 Prozent aus Produkten der petrochemischen Industrie.

Ferdinand Prex würde sich freuen, wenn die Pferdekopfpumpen wieder nicken: „Weil das Erdöl zu Ampfing gehört wie der Senf zur Weißwurscht.“ Das Wappen der Gemeinde zeigt neben zwei Morgensternen einen Bohrmeißel. Er glänzt in Gold.

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