„Beeindruckt, wie tapfer die Frauen sind“

von Redaktion

4 FRAGEN AN

Die empirische Kulturwissenschaftlerin Prof. Irene Götz hat für ihr Buch „Kein Ruhestand“ zahlreiche Gespräche mit Münchner Seniorinnen geführt, die in Armut leben.

Sie gehen nicht über Statistiken, sondern über Schicksale an das Thema Altersarmut heran. Warum?

Die durchschnittliche Rente für Frauen lag vor fünf Jahren je nach Region zwischen 650 und 780 Euro. Da habe ich mich gefragt: Wie soll eine Frau hier in München von diesem Geld leben, wo man nicht einmal eine Ein-Zimmer-Wohnung für dieses Geld mieten kann? Das war die Ausgangsidee, hineinzuleuchten in Lebensgeschichten.

Was hat Sie bei diesen Begegnungen besonders beeindruckt?

Einzelne Geschichten, die durchaus stellvertretend für viele stehen. Etwa eine Frau, die nach 43 Jahren als Altenpflegerin, Stationsleiterin zum Schluss, sich in München keine Wohnung mehr leisten kann und dann bei der Tochter im Flur schlafen muss, bis sie endlich nach Jahren vom Wohnungsamt eine Sozialwohnung bekommt. Die Frauen, die wir befragt haben, versuchen alle, ihre Würde zu erhalten. Sie wollen nicht als arm oder prekär gelten.

Wie kommen diese Frauen über die Runden?

Sie heizen nur noch ein Zimmer. Oder sie gehen nicht mehr aus, weil sie sich selbst einen Kaffee nicht leisten können. Und immer wieder haben wir gehört, dass Frauen sich nicht zum Sozialamt trauen, weil sie sich schämen. Eine Frau verkauft sogar lieber die Straßenzeitung Biss, weil sie Angst hat, dass ihre Kinder sonst vom Sozialamt belangt werden. Uns hat beeindruckt, wie tapfer die Frauen sind, wie sehr sie kämpfen. Aber uns hat auch betroffen gemacht, wie wenig sie oft über ihre Rechte wissen – über Anspruch auf Grundsicherung oder Rezept-Befreiungen.

Wenn die Altersarmut weiter steigt: Müssen irgendwann die meisten älteren Menschen aus München wegziehen, weil sie es sich nicht mehr leisten können?

Es gibt diese Entwicklung bereits. Ich habe schon Kommentare auf unser Buch bekommen nach dem Motto: Wenn sich die Alten München nicht mehr leisten können, sollen sie halt rausziehen! Ich halte es für eine Frage der Ethik, dass wir unsere Stadt so gestalten müssen, dass sich nicht nur wohlhabende junge Singles München leisten können. Die Frauen, die wir interviewt haben, wollen in München bleiben. Es ist die Stadt, wo sie verwurzelt sind, wo sie ihre Familie haben.

Interview: Klaus Rimpel

Artikel 2 von 7