Regina Kirchhoff* öffnete den Brief, sie las ihn, und als sie irgendwann verstand, was das Sozialamt in München ihr da mitteilte, spürte sie zum ersten Mal in ihrem Leben, wie die Armut einen Menschen erdrücken kann. In dem Brief ging es um ihre Zwei-Zimmer-Wohnung, die, so das Amt, 49 Euro mehr koste als das mit der von ihr bezogenen Grundsicherung vereinbar sei. Und dann dieser eine Satz, der eine Existenz bedroht: „Wenn sie nicht ein Zimmer vermieten können, müssen Sie ausziehen und sich eine billigere Wohnung suchen.“ So erzählt sie es in dem neuen Buch „Kein Ruhestand“, das die Münchner Professorin Irene Götz gerade veröffentlich hat (siehe Interview).
Vor zwei Jahren hat Kirchhoff, 70, diesen Brief erhalten und natürlich hat sie sich gewehrt. Sie hat sofort zurückgeschrieben, dass eine Untervermietung in der Wohnung aufgrund der Raumaufteilung undenkbar sei. Sie hat angeboten, dass man ihr diese 49 Euro doch einfach direkt von der Grundsicherung abziehen soll, wenn sie dafür in ihrer Wohnung bleiben darf. Zwei Jahre ging es hin und her, bis sich das Münchner Sozialamt nicht mehr meldete.
Die Briefe mit den Auszugsforderungen sind aus ihrer Wohnung verschwunden, zurückgeblieben ist aber eine Frau, die immer alles positiv gesehen hat, bis jetzt eben etwas Neues dazukam: Wut und Verunsicherung.
Neben der Grundsicherung bekommt Kirchhoff 634 Euro pro Monat. Zieht man jedoch Wohn-, Heiz- und weitere Fixkosten ab, hat sie noch ziemlich genau 200 Euro übrig. Sie sagt: „100 für Essen und 100 zum Verprassen.“
Es ist noch gar nicht so lange her, da lebte Kirchhoff in „Riesenwohnungen“, wie sie selbst sagt. Sie wuchs in München auf, ging aufs Gymnasium, studierte Sozialpädagogik und Psychologie, zog für ein Praktikum weiter an eine Musikschule, wo sie ihren Mann, einen Musiker und Musikprofessor, kennenlernte und im Jahr 1970 auch heiratete. Sie eröffneten ein Musikaliengeschäft, das sich zu einem der besten der Stadt entwickelte, sie bauten nebenher noch eine Musikschule auf, wo sie etwa 500 Schüler betreuten. Sie riskierten viel, aber sie sagten sich immer: „Wenn es nicht klappt, wir haben Abschlüsse, wir haben unsere Berufe, dann hören wir auf, basta!“
Ihr Mann kam dann auf immer neue Ideen, etwa technische Geräte für den Musikbereich. „Und eine Idee“, so sagt es Kirchhoff, „war dann eine Schnapsidee, und da haben wir uns finanziell übernommen.“ 200 000 Euro investierten sie, doch der Erfolg blieb aus. Ihr Mann erkrankte danach an Krebs. Sie musste ihn pflegen – und das Geschäft. Sie sagt: „Ich bin hier mit einem schlechten Gewissen weggegangen, und ich bin im Geschäft mit einem schlechten Gewissen weggegangen.“
2011 meldete sie Insolvenz an, 2012 starb ihr Mann. Ihre Lebensversicherung hatten sie sich früh ausbezahlen lassen und das Geld in die Musik investiert. An Vorsorge dachten sie nicht. Ihre Rente wollten sie mit Musikunterricht aufbessern – „und dann konnte mein Mann eben keinen Musikunterricht mehr geben.“ Regina Kirchhoff hat Tricks gelernt, um den Würgegriff der Armut zu lockern. Sie arbeitet nicht als „Leih-Oma“, sondern lieber für eine Prüfungskommission. Für das eine bekommt man ein Gehalt, für das andere eine Aufwandsentschädigung – nur letztere wird bis 200 Euro nicht von der Grundsicherung abgezogen. Sie geht ins ins Theater, manchmal mit Tickets, die sie zahlt, oft mit Tickets, die ihr geschenkt werden. Sie ist glücklich, sagt sie. Und wenn sie am Ende des Monats doch kein Geld mehr hat, bleibt sie halt in ihrer Wohnung. cfm/kr
*alle Namen auf der Seite sind geändert