Bayerischer Klimawandel

von Redaktion

Ein Tag für die Geschichtsbücher. Am Freitag sind auf der ganzen Welt Millionen von Menschen auf die Straße gegangen. Alleine auf dem Münchner Königsplatz versammelten sich 40 000 Klima-Demonstranten. In vielen weiteren Orten in der Region gab es Rekord-Demos.

VON CHRISTOPHER MELTZER UND DANIELA SCHMITT

München – Auf dem Königsplatz, versteckt zwischen Tausenden Menschen, lehnt sich Julie, ein Mädchen mit langen blonden Haaren, Sonnenbrille und Stirnband, an ihre Mama und sagt: „Hoch mit dem Klimaschutz – runter mit der Kohle!“

Sie sagt das so gut, wie es eine Vierjährige halt sagen kann. Ihre Mama, Sabine Schmithäuser, 47, nimmt sie mit ihrer rechten Hand in den Arm. In der anderen Hand hält sie einen Stock, an dem ein Plakat klebt – und das mit nur zwei Worten erklärt, warum sie heute hier ist: „Für Julie“.

Es sind an diesem Freitag, an dem sich fast überall auf der Welt Menschen zum großen Klimastreik versammeln, auch in München etwa 40 000 Menschen auf den Königsplatz gekommen. Manche mit Gehstock, manche im Kinderwagen. Es ist gerade so was wie ein gesellschaftlicher Klimawandel, der sich auch in Bayern ereignet. Und wenn man die Menschen fragt, warum sie hier sind, dann hört man zum Beispiel Sabine Schmithäuser aus München, die sich schon immer für das Klima interessiert hat, aber das erst so richtig drängend findet, seitdem sie ihre Tochter hat. Also hat sie Julie heute nicht in den Waldkindergarten gebracht, sondern ist mit ihr demonstrieren gegangen. „Fridays for Future“, sagt sie, „hat mir wieder Hoffnung gegeben.“

Jetzt stehen sie hier und üben den Spruch mit der Kohle. Auf ihrem Plakat steht auch, wie alt Julie 2035 sein wird: nämlich 20 Jahre. 2035, das ist das Jahr, das in der Klimadiskussion als wichtiger Messpunkt genannt wird. Schmithäuser sagt: „Wir haben noch bis dahin Zeit, ein bissl was zu ändern.“

Es zeigt sich an diesem Freitag in München jedenfalls, dass die Forderungen der Schüler- und Studentenbewegung mitten in der Gesellschaft angekommen sind. „Wir haben bewusst die Erwachsenen angesprochen. In München streiken 388 Unternehmen. Das ist überwältigend“, sagt Elena Balthesen, 17, eine Sprecherin von „Fridays for Future“. Sogar das Münchner Rathaus hat seinen Mitarbeitern erlaubt, am Klimastreik teilzunehmen – wenngleich sie die Fehlstunden nacharbeiten müssen.

Deutlich strenger als im Rathaus ist die Regelung an den Schulen: Wer dem Unterricht fernbleibt, gilt als Schulschwänzer – die Teilnahme an einer politischen Veranstaltung während der Schulzeit ist nicht erlaubt. Ein Sprecher des Kultusministeriums teilte mit: „Wichtig ist, dass die Schulleiter mit Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen reagieren.“

Es sind dann aber vor allem Schüler, die auf dem Königsplatz kreative Protestplakate in die Höhe strecken. Auf diesen heißt es: „Die Dinos dachten, sie hätten auch Zeit“. Oder. „Die Natur verhandelt nicht“. Oder auch: „Ich bin so sauer, ich hab sogar ein Schild dabei“.

Zwischen Freising und Garmisch-Partenkirchen gibt es Dutzende weitere Protest-Aktionen. Mit rund 900 Teilnehmern erlebt Bad Tölz die weitaus größte Demonstration, die es seit Jahren in der Stadt gab. Etwa 1800 Demonstranten versammelten sich am Freisinger Kriegerdenkmal, im Garmisch-Partenkirchen sind es rund 1300 Menschen. In Germering und Puchheim (Landkreis Fürstenfeldbruck) gehen insgesamt über 2000 Menschen auf die Straße. Die Schüler haben deshalb extra eher frei bekommen. In Germering läuten zudem alle Glocken der Stadt. In Miesbach marschieren rund 500 Menschen vom Campus zwischen Gymnasium und Realschule sowie von der Grund- und Mittelschule zum Rathaus. Neben Schülern, Eltern und Menschen aus dem gesamten Landkreis demonstrierten auch Landrat Wolfgang Rzehak (Grüne) und der Schulleiter des Gymnasiums. Auch in Wasserburg, Rosenheim, Traunstein und Prien gehen zahlreiche Menschen auf die Straße.

Bei der ersten Klimademo in Dorfen im Kreis Erding ergreift der pensionierte Lehrer Georg Wiesmaier das Wort: Vom Dorfener Gymnasium seien die Schüler „eingeschüchtert“, sei ihnen mit „Verweisen und dem Ausschluss von Klassenfahrten gedroht“ worden, sollten sie sich an dem Streik beteiligen. „Mündige Schüler, die für die Erhaltung der menschlichen Lebensgrundlagen eintreten und bereit sind, dafür Nachteile in Kauf zu nehmen, verdienen Respekt und Anerkennung“, meint er. Ihnen rät er, den Verweis rahmen zu lassen, um ihn ihren Nachkommen als Beweis zu zeigen, dass sie sich für den Klimaschutz eingesetzt hätten.

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