Das verstopfte Tal

von Redaktion

Wenn das Wetter wie am vergangenen Wochen-ende schön ist, kommen die Tagesausflügler ins Tegernseer Tal – und stehen mit ihren Autos manchmal bis Holzkirchen im Stau. Die Anwohner sind gespalten: Viele nervt es, aber manche freuen sich über die vielen Gäste. Ein Ortsbesuch.

VON CHRISTOPHER MELTZER

Bad Wiessee – Ein paar Tage bevor die vielen Autos wieder kommen, sitzt Angela Brogsitter-Finck vor dem Biomarkt in Bad Wiessee und schaut auf die Bundesstraße 318. Ein schwarzer Mercedes fährt vorbei, danach ein dunkelblauer BMW, dann ein dunkelblauer VW. Wer alle Autos notieren will, kommt bald nicht mehr mit, dabei ist es doch erst Mitte der Woche. Am Wochenende, sagt die Naturschützerin, sind es in diesem Sommer so viele, dass sie im Biomarkt schon immer unter der Woche einkauft. Dafür könnte man am Samstag und Sonntag alle Autos in Bad Wiessee mitzählen – sie kommen dort ja fast nicht voran.

Brogsitter-Finck schaut immer noch auf die Straße – und schüttelt den Kopf. Sie sagt: „Die Leute stellen sich für eine Tasse Kaffee am Tegernsee vier Stunden in den Stau.“

Auf der anderen Uferseite, in der Stadt Tegernsee, steht Johann Rappenglück in seiner Schlossbrennerei und grinst. „Ist doch super, wenn’s voll ist“, sagt er. Ein paar Meter neben seinem Wirtshaus quetschen sich jeden Tag Autos und Reisebusse auf einen Parkplatz, der mit der B307 verbunden und am Wochenende spätestens um 9.30 Uhr voll ist. Von dort drängeln die Gäste sich auch in seine Brennerei, wo sie essen und trinken, manchmal auch nur einen Kaffee. Rappenglück sagt: „Man kann gar nicht genug Touristen haben.“

Es wird im Tegernseer Tal. diesem herrlichen Flecken auf der oberbayerischen Landkarte, schon lange über den Verkehr diskutiert, der die Menschen spaltet. Es gibt Angela Brogsitter-Finck, 74, die 1959 hierher gezogen ist, seit 2006 beim Verein Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal mitmacht und fürchtet, dass die Natur, die diesen Fleck so herrlich macht, bald zubetoniert wird. Und es gibt eben Johann Rappenglück, 37, der seit Juni die Schlossbrennerei betreibt und sich über jedes Hotel und Restaurant, das gebaut wird, freut, weil er findet, dass es nur zwei Flecken in Deutschland gibt, die derart herrlich sind: Sylt und das Tegernseer Tal.

Es geht in dieser Diskussion um große Fragen der Gesellschaft, um Konsum und Verzicht, um das Recht auf unbedingte Naherholung und um die Grenzen der Mobilität. Wenn man aber genau hinsieht, geht es erst mal nur um zwei Bundesstraßen, B 307 und B 318, die direkt am Tegernsee vorbeiführen, durch Gmund, Tegernsee, Rottach-Egern, Kreuth und Bad Wiessee hindurch – und auf denen so viele Autos hoch- und runterfahren, dass regelmäßig das ganze Tal verstopft.

„Am Tegernsee gibt es nur noch Autoschlangen“, sagt Angela Brogsitter-Finck.

„Es staut sich von Holzkirchen bis nach Rottach. Da gibt es kein Durchkommen mehr – nur noch Chaos“, sagt Johann Rappenglück.

Es gehört zur Ironie dieser Geschichte, dass im Tegernseer Tal alle ja dasselbe sehen, nämlich Autos, viele Autos – und es doch so unterschiedlich bewerten.

Wenn man durch den Ort Tegernsee geht, von Süden nach Norden, immer die B 307 entlang, und sich dort umhört, dann ahnt man, was hier samstags und sonntags vorgeht. Es gibt das Eis Café Allegria, das am Wochenende immer vier Mitarbeiter hinter eine Bar stellt, hinter der sich schon drei oft anrempeln. Es gibt den Laden „Tracht & Mode“, der an einem Samstag doppelt so viel verkauft wie an jedem anderen Wochentag. Und es gibt den kleinen Golfkurs des Fitnesscenters Medius, das seine 80 Schläger dann nicht selten alle auf einmal verteilt.

An der B 307, nur einen Golfschlag entfernt, ist in einem großen Haus die Tegernseer Tal Tourismus GmbH untergebracht. In dem Eckbüro im ersten Stock hängt ein Bild an der Wand, ein Werbefoto. Es zeigt den See, davor steht ein Kübel mit Bierflaschen, über dem steht: „Alles ist gut“. Unter dem Bild sitzt Christian Kausch, 41, der Geschäftsführer der Tourismus GmbH, in einem Sessel und sagt: „Wir wissen, dass wir das Problem haben.“

Der Konflikt im Tegernseer Tal lässt sich so gut an ihm erzählen, weil er ihn selbst spaltet. Es gibt Kausch, den Tourismuschef, der davor warnt, die Tagesausflügler mit ihren Autos zu verteufeln und gerne daran erinnert, dass es ihnen zu verdanken ist, dass die Anwohner hier so eine große Auswahl an Angeboten in ihrem Alltag haben, vom Modegeschäft bis hin zum Sternerestaurant. Es gibt aber auch Kausch, den Bewohner, der sich ärgert, wenn die Autos sogar die Nebenstraßen in seinem Wohnort Bad Wiessee belagern. Es sei ihm wichtig, sagt er, zu differenzieren.

Wenn es um Verkehr geht, verweist Kausch gerne auf eine Statistik. Das Landratsamt Miesbach hat – auf Basis von Straßenverkehrszählungen – im November 2018 festgehalten: „Die Verkehrsbelastung im Tegernseer Tal liegt […] seit ca. 20 Jahren auf gleichem, wenn auch sehr hohem, Niveau.“ Er wolle ja nichts schönreden, sagt Kausch, dass es jedoch nicht mehr geworden ist, liege auch an den Maßnahmen, die man ergreift. Mit seinem Team versucht er, Veranstaltungen in die Nebensaison zu verlegen. Neulich, zum Seefest, gab es einen Shuttlebus, der die Gäste von München zum Tegernsee hin- und zurückkarrte. „Jedes Auto, das stehengelassen wird, zählt“, sagt er und wirkt doch ein wenig ratlos. Der Konflikt im Tal lässt sich nämlich auch so gut an Kausch erzählen, weil er, obwohl er es wirklich gerne ändern würde, wie viele andere davon überzeugt ist, dass der große Wurf beim Verkehr nicht gelingen wird.

Angela Brogsitter-Finck will sich damit nicht abfinden. Ihr Schutzverein fordert einen autofreien Sonntag. Neulich war sie in der Sprechstunde des bayerischen Bürgerbeauftragten, um auch auf das Verkehrsproblem hinzuweisen. Der Herr Söder sei ja ergrünt, hat sie da gesagt, nur sei das bei den Provinzfürsten noch nicht angekommen. Die Bürgermeister rund um den See müssten jetzt handeln.

Auf die großen politischen Lösungen müssen die Einheimischen wohl noch warten. Und so haben sie sich ihre eigenen kleinen überlegt. Man kann es nun so machen wie Johann Rappenglück, der Wirt, der zu seiner Brennerei fährt, wenn die anderen schlafen. Oder wie Angela Brogsitter-Finck, die Naturschützerin, die nur noch zum Tegernsee fährt, wenn es in Strömen regnet.

In dem Eckbüro in Tegernsee schaut Tourismuschef Kausch auf seinen Kalender. Wenn die Wiesn vorbei ist, kommen auch am Tegernsee weniger Gäste. Zumindest für ein paar Wochen. Im Dezember beginnen die Adventsmärkte. „Mittlerweile haben wir da Hauptsaison“, sagt er. Im Tegernseer Tal weiß man, was er damit meint: Die Autos kommen wieder.

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