München – Um kurz nach 9 Uhr kommt am Montagmorgen ein schimpfender Mann aus dem Thomas-Cook-Reisebüro am Viktualienmarkt in München. In der Hand hat er eine Klarsichtfolie mit seiner Reisebuchung. Er hat bereits 280 Euro für seinen Ägypten-Urlaub angezahlt, jetzt weiß er nicht, ob er jemals nach Ägypten fliegen wird. Kurz danach will eine Frau wissen, ob ihr Flug nach Rhodos Mitte Oktober planmäßig stattfinden wird. Die Mitarbeiter von Thomas Cook, die gerade erst selbst von der Insolvenz erfahren haben, vertrösten sie, sie solle in zwei Tagen wiederkommen.
Über Nacht hat sich die Welt des Reisegiganten Thomas Cook verändert. Es gibt plötzlich tausende Menschen, die um ihren Job fürchten. Und es gibt hunderttausende Kunden, die sich nicht mehr fragen, wohin ihre nächste Reise geht, sondern was eigentlich mit der Reise passiert, die sie schon gebucht haben. Die deutsche Tochter des britischen Unternehmens mit den Marken Thomas Cook, Neckermann, Öger Tours, Air Marin und Bucher Reisen stoppt gestern den Verkauf von Reisen. Nichts geht mehr im traditionsreichen Cook-Universum, Gründungsjahr 1841.
Um kurz nach 13 Uhr stellt sich im Münchner Flughafen ein Mann mit grüner Krawatte vor den Schalter der Fluggesellschaft Condor, die zum Thomas-Cook-Konzern gehört und für die er arbeitet. Er fragt die Menschen, die anstehen, wer seinen Flug über eine Cook-Tochter gebucht hat. Und wer dann die Hand hebt, dem teilt er mit, dass Condor ihre Flugbuchungen nicht akzeptieren kann.
Manche Reisende protestieren vorsichtig, aber sie können nichts erreichen – wie wohl alle 21 000 Menschen, die gestern und heute in ihren Urlaub abreisen sollten. Das hat damit zu tun, dass die deutsche Thomas Cook GmbH zuvor erklärt hat, dass man nicht gewährleisten könne, dass gebuchte Reisen stattfinden. Daher darf Condor betroffene Urlauber nicht mehr an ihr Ziel bringen. Reisende, die planmäßig nach Hause fliegen wollen und über die deutsche Thomas Cook gebucht haben, werden von der Airline allerdings befördert. Insgesamt sind 140 000 Deutsche gerade mit dem Veranstalter unterwegs.
Am Münchner Flughafen bietet der Mann mit der grünen Krawatte in seiner kurzen Ansprache nur eine Alternative an: Wer den Flug noch schnell direkt über die Condor-Website neu buche (und neu bezahle), den könne man sofort mitnehmen. Denn Condor fliegt vorerst weiter. Die Bundesregierung prüft, ob sie der bisher profitablen Fluggesellschaft einen Überbrückungskredit gewährt. Das könnte möglicherweise verhindern, dass sie im Sog der Thomas-Cook-Insolvenz ebenfalls in Schräglage gerät.
Außer Deutschland sind vor allem Reisende in Großbritannien von der Pleite betroffen. Lisa Godbeer will eigentlich mit ihrer Familie von London-Gatwick aus nach Mexiko fliegen, um dort ihren 40. Geburtstag zu feiern – die zehntägige Reise nach Cancún ist geplatzt. „Ich bin wirklich wütend und auch ein bisschen schockiert“, sagt Godbeer.
Anders sieht es für all die Reisenden aus, die aktuell noch an ihrem Urlaubsort und eigentlich mitten in der Erholungsphase sind. Da der britische Konzern nun kein Geld mehr hat und der Betrieb mit sofortiger Wirkung eingestellt wurde, sitzen zahlreiche Menschen im Ausland fest. Darunter 150 000 Urlauber aus Großbritannien. Für sie wirft die Regierung in London die „Aktion Matterhorn“ an – die größte Rückholaktion in Friedenszeiten seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Luftfahrtbehörde CAA hat dutzende Maschinen gechartert, um Urlauber von 55 verschiedenen Reisezielen heimzubringen, aus Kuba, Spanien, Griechenland oder den USA. „Jeder Einzelne da draußen wird zu der Zeit zurück nach Hause kommen, zu der sein Urlaub endet“, verspricht CAA-Chefin Deirdre Hutton im Sender BBC. Den Anfang machen Urlauber auf den griechischen Ferieninseln Kos, Korfu und Zakynthos. Insgesamt stecken in Griechenland 50 000 Urlauber fest, alleine auf Kreta sind es 22 000.
In vielen europäischen Urlaubsregionen sorgt die Pleite für Panik. Die Türkei kündigt noch am gleichen Tag ein millionenschweres Kreditpaket an, um die von der Insolvenz betroffenen einheimischen Firmen zu unterstützen. Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy sagt, dass das Kreditpaket 50 Millionen Euro umfassen werde. Die Küstenregionen um Antalya, Bodrum und Dalaman gehörten zu den Topzielen des britischen Reiseanbieters.
„Das ist ein Erdbeben der Stärke 7, und der Tsunami kommt erst noch“, sagt der Präsident des kretischen Tourismusverbands. Aktuell sind 15 000 Touristen auf Zypern von der Pleite betroffen, jährlich brachte Thomas Cook bisher rund 250 000 Besucher auf die Mittelmeerinsel. Zyprische Medien gehen davon aus, dass sich der Schaden für örtliche Hoteliers auf bis zu 50 Millionen Euro belaufen könnte. So hätten auf Kreta rund 70 Prozent aller Tourismusunternehmen Verträge mit dem Reise-Riesen.
Historisch wird es am Montagvormittag in Manchester. Dort landet der letzte Flug in der 178-jährigen Unternehmensgeschichte von Thomas Cook. Die Maschine war in Orlando gestartet. Passagiere berichten von emotionalen Szenen. „Die Besatzung wusste bis zur Landung nicht, was passiert. Einige haben geweint“, sagt ein Reisender. Ein Passagier berichtet, dass an Bord für die Besatzung gesammelt worden sei. Die Piloten und das Kabinenpersonal sehen schwierigen Zeiten entgegen – weltweit sind 21 000 Mitarbeiter betroffen, davon 9000 allein in Großbritannien und 2000 in Deutschland.
Das Auswärtige Amt sagt im Ausland gestrandeten deutschen Urlaubern Unterstützung zu. Ein Sprecher erklärt, in diesem Fall stünde das weltweite Netz von deutschen Auslandsvertretungen bereit, Urlauber zu betreuen. Das Ministerium sei auf alle Szenarien vorbereitet. So kann ein Urlaub im Herbst 2019 also auch enden – mit einem verzweifelten Anruf bei der Botschaft. mit dpa