„Es fehlt an Begeisterung für Technik“

von Redaktion

INTERVIEW Der neue TU-Präsident Thomas Hofmann fordert mehr Kreativität an den Schulen

Heute geht eine Ära zu Ende – und vielleicht beginnt eine neue. Nach 24 Jahren als Präsident der Technischen Universität München übergibt Wolfgang A. Herrmann, 71, sein Amt mit einem Festakt an den bisherigen Vize-Präsidenten: Thomas Hofmann, 50, ist wie Herrmann Chemiker – er hatte bisher den Lehrstuhl für Lebensmittelchemie und Molekulare Sensorik inne. Lehre und Forschung auf seinem Spezialgebiet wird künftig nicht mehr möglich sein. Ein Gespräch über Schule, E-Scooter und Uni-Rankings.

Wissen Sie noch Ihre Abiturnote?

Ja, natürlich. 1,8 – ich war ein Spätzünder, erst die Uni hat mich motiviert. Aber ich erinnere mich gerne an die Zeiten als Schüler am Meranier-Gymnasium Lichtenfels. Meine besten Fächer waren Chemie und Mathematik mit 15 und 14 Punkten im Abitur. Und das, obwohl ich Chemie anfänglich furchtbar fand. Denn wir wurden zu Beginn gleich mit Details gequält, der Chlorierung von Benzol etwa, ohne dass uns klar war, warum das wichtig ist. Aber dann hatte ich einen Lehrer, Dr. Zasche, der meine Faszination für die Chemie weckte und so wurde es im Abitur mein Lieblingsfach. Das zeigt, dass es auf die begeisterungsfähigen Lehrer ankommt, die ihre Schüler motivieren.

Wie gelingt Schule heute?

Wie an den Universitäten, muss es auch den Schullehrern besser gelingen, mehr Begeisterung für ihr Fach rüberzubringen, weniger Uniformität und mehr Kreativität der Schüler zu fördern. Der Unterricht muss anders werden. Wir müssen den Schülern zunächst die heutigen Herausforderungen und das große Ganze anhand von Anwendungsszenarien zeigen und dann in die wissenschaftliche Tiefe gehen und nicht umgekehrt.

Wird es mit dem G 9 jetzt besser?

G 8 oder G 9 ist doch eigentlich nicht so relevant. Auch nicht die Frage, ob es jetzt vier oder fünf Wochenstunden Mathematik gibt. Das G 8 wurde mit dem Irrglauben eingeführt, den G 9-Lehrstoff nun in ein G 8-Korsett zu pressen, aber ohne die Lehrpläne neu zu entwickeln, ohne alte Inhalte zu verwerfen und Platz für Neues zu schaffen. Ich glaube, dass man an dieser Stelle eine historische Chance verpasst hat. Entscheidend ist nun: Wie schaffen wir es, unsere Schüler wieder stärker zu begeistern, ihnen Visionen und Eigenantrieb zu geben?

Ist denn Ihr Rat in der Schulpolitik erwünscht?

Universitäten werden heute zu wenig in solche wichtigen Entscheidungen zur Schulentwicklung eingebunden. Deshalb müssen Universitäten künftig selbst Eigeninitiative ergreifen und stärker mit den Schulen und den Schülern wechselwirken. So wie die TUM mit dem Otto-von-Taube-Gymnasium in Gauting und dem Werner-Heisenberg-Gymnasium in Garching vor zehn Jahren ein Kooperationsprojekt initiiert hat, das TUM-Kolleg. Mit diesem fördern wir besonders begabte Schülerinnen und Schüler in den MINT-Fächern individuell. Am so genannten TUM-Tag, der im Stundenplan fest integriert ist, arbeiten die Kollegiaten an der TUM an ihrer eigenen Forschungsarbeit. Es ist beschämend, dass die Politik das nicht unterstützt und solche erfolgreichen Kooperationsformate zwischen Universitäten und Gymnasien nicht auf ganz Bayern ausgerollt wurden.

Das kann ja wahrscheinlich nicht flächendeckend geschehen.

Es fehlt in Deutschland an ausreichender Begeisterung für Naturwissenschaft und Technik. So sehen wir in den letzten Jahren einen drastischen Rückgang an Schülern mit Schwerpunkt Chemie. Dabei hätte man durch digitale Formate wie etwa Computersimulationen die Chance, Naturwissenschaften viel anschaulicher zu machen.

Was sind die Fächer der Zukunft an der TU?

Die beruflichen Anforderungen werden sich rascher ändern als bisher. Daher warne ich davor, sich zu früh zu spezialisieren. Wir müssen unseren Studierenden in modernen Bachelorstudiengängen ein breiteres Grundlagenwissen anbieten, auf das anschließend in einem Masterstudium erst die Spezialisierung erfolgt. Unser Bachelorstudiengang Ingenieurwissenschaften etwa verfolgt gerade dieses Ziel. Er vermittelt ein breites Grundlagenwissen im ingenieurwissenschaftlichen Bereich sowie vertiefte mathematisch-naturwissenschaftliche Kenntnisse.

Wie weit ist Ihre neue Fakultät für Luft- und Raumfahrt in Ottobrunn?

Wir waren mit Meilenstiefeln unterwegs und haben die Fakultät errichtet. Die ersten neuen Berufungsverfahren sind im Laufen, danach folgen weitere. Dabei gilt das oberste Prinzip der Besten-Auslese, denn wir wollen die Professuren qualitativ erstklassig besetzen. Wir starten im Wintersemester mit 19 Professuren und 700 Studenten. Professuren für Luft- und Raumfahrt haben wir an der TU ja schon lange, bisher aber zu wenig kritische Masse als Teil der Fakultät Maschinenwesen. Jetzt wird es eine eigene Fakultät, mit kräftiger Ergänzung durch die Geodäsie, also der Erdvermessung. Ziel sind 1000 bis 2000 Studenten.

Es geht also nicht um bemannte Raumfahrt?

Nein, wir haben nicht vor, zum Mars zu fliegen.

Ist es wirklich die große Trend-Fakultät?

Ja, sie besetzt wichtige Zukunftsfelder. Wir sind gefordert neue Lufttransportsysteme zu entwickeln. Aber um Lufttaxis Alltag werden zu lassen, braucht es mehr Forschung. Die Raumfahrt der Zukunft wird uns neue Kenntnisse über unseren Heimatplaneten liefern, helfen Umweltveränderungen zu erkennen und Maßnahmen abzuleiten. Neue Satellitensysteme ausgestattet mit Sensorik ungeahnter Präzision werden uns völlig neue und zeitaufgelöste Einblicke in wesentliche Veränderungen der Erde oder die Auswirkungen der Urbanisierung geben.

Lufttaxis sind doch eine Schnapsidee.

Nein. China läuft da mit Meilenstiefeln nach vorne. Es gibt dort schon Systeme, die ganze Container transportieren können. Deutschland darf sich als Hochtechnologiestandort hier nicht abhängen lassen, wir dürfen uns keine Standards diktieren lassen, sondern müssen selber entwickeln und die Systeme zuverlässig und sicher gestalten. Das TUM Start-up Lilium zeigt, dass wir in Deutschland das Zeug dazu haben!

Schon E-Scooter gefahren?

Ja. Für mich sind das eher Fun-Fahrzeuge. Ich befürchte nur, dass die E-Scooter uns alle dahinbringen, dass wir nun auch den letzten Kilometer nicht mehr zu Fuß gehen.

In Rankings sind LMU und TU deutschlandweit vorne, international rangieren sie so auf Platz 50. Selbst die Moskauer Lomonossow Universität ist vor Ihnen. Schmerzt das?

Da empfinde ich keinen Schmerz, sondern Ansporn! Keine Frage, natürlich haben wir Luft nach oben. Die ETH Zürich einzuholen, wäre wunderbar.

Aber?

Die Rankings werden dem Leistungsprofil des deutschen Universitätssystems nicht gerecht. Sie berücksichtigen, wie oft ein Forscher in internationalen Wissenschaftspublikationen zitiert wird oder wie viel Patente die Universität hervorgebracht hat. Andere Leistungsdimensionen werden gänzlich ignoriert, zum Beispiel wie gut wir unsere Ärzte, Lehrer oder Ingenieure für die Berufsmärkte ausbilden. Würden wir uns nur auf Rankings ausrichten, dann müssten wir diejenigen Fächer, die eben nicht in den internationalen Top-Journalen publizieren, aufgeben. Aber ich denke nicht im Ansatz daran, unsere Lehrer- oder Sportausbildung aufzugeben, denn diese braucht unsere Gesellschaft ebenso wie findige Naturwissenschaftler und Ingenieure, auch wenn sie nicht in der Zeitschrift „Nature“ publizieren.

Der TU wird immer wieder vorgeworfen, zu wirtschaftsnah zu sein.

Wir brauchen die Grundlagenforschung, um die Welt zu verstehen, aber ebenso die anwendungsorientierte Forschung, um die Gesellschaft zu gestalten. Dazu ist ein enger Schulterschluss mit der Industrie notwendig.

Die TU ist sehr erfolgreich mit Start-ups. Woran liegt das?

Weil wir Jung-Unternehmer, wir nennen sie Entrepreneure, von der ersten Idee über die Erstellung des Businessplans bis hin zur Wachstumsphase der Gründung mit einer lückenlosen Gesamtansatz unterstützen. Wir haben gelernt, dass der Erfolg eines Start-ups insbesondere vom richtigen Team abhängt. Eine unserer Stärken ist dabei unser Expertennetzwerk. Nicht jeder Physiker mit einer bahnbrechenden Technologie verfügt über die notwendigen betriebswirtschaftlichen oder auch Marketing-Kompetenzen. Deshalb bringen wir all diese Kompetenzen in einem Team an Gründern zusammen.

Gibt es auch Probleme?

Wir sind in Deutschland nicht effizient genug, chancenreiche Start-ups schnell genug zu skalieren. Mit dem TUM Entrepreneurship Day fördern wir die Kontaktaufnahme unserer Gründungsinteressierten mit Kapitalgebernbringen ehemalige Gründer als künftige Wir müssen künftig aber auch private Unternehmer stärker als bisher als Investoren gewinnen.

Das Interview führte Dirk Walter

Artikel 4 von 4