5 FRAGEN AN
Claudia Ritter-Rupp ist Fachärztin für Psychotherapie und im Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB).
Frau Ritter-Rupp, Sie warnen davor, auf Psychotherapie-Apps zu vertrauen. Warum?
Meines Erachtens kann eine solche Psycho-App in geeigneten Fällen auf Verordnung eines Arztes unterstützend eingesetzt werden. Als alleinige Maßnahme von der Krankenkasse ohne ärztliche Abklärung veranlasst, gefährdet sie jedoch die Patienten-Sicherheit.
Wie meinen Sie das?
Zum einen besteht die Gefahr, dass Patienten, die eigentlich eine tiefer gehende Behandlung bräuchten, sich in solche Apps verirren. Hinter dem Symptom Depression können sehr viel gravierendere Störungen stecken, wie zum Beispiel eine Psychose oder eine Borderline-Störung. Zudem bestehen oft zusätzliche Erkrankungen, die eine solche App aber nicht erfasst. Außerdem gibt es auch noch die Gefahr, dass der Patient in eine Krise gerät.
Was bedeutet das?
Es kommt bei psychischen Problemen nicht selten zu krisenhaften Zuspitzungen, die sich nicht immer vorhersehen lassen. Das kann bis zur Suizid-Gefahr gehen. Eine App kann darauf sicher nicht so reagieren wie ein Psychotherapeut, der mit dem Patienten in Kontakt ist.
Was fordern Sie?
Psycho-Apps dürfen keinesfalls direkt von den Krankenkassen veranlasst werden. Die im Gesetzesentwurf von Jens Spahn vorgesehene Prüfung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte reicht hier nicht aus. Wir fordern deshalb, dass Psycho-Apps nur angewandt werden dürfen, nachdem sie unter Federführung des Gemeinsamen Bundesausschusses von Experten umfassend auf Wirksamkeit und medizinischen Nutzen geprüft wurden. Zudem braucht es grundsätzlich eine höhere Risikoklassifizierung als bisher vorgesehen – und somit strengere Kontrollen.
Unabhängig davon: Wie sehen Sie die Gefahr in Sachen Datenschutz?
Dies ist ein völlig unterschätztes Problem: Gerade erst hat Stiftung Warentest berichtet, dass es bei Gesundheitsapps zur verdeckten Weitergabe von Nutzerdaten kommt. Damit wissen also Apple oder Google, wer sich eine App gegen Depressionen heruntergeladen hat. Es geht bei Gesundheitsdaten – besonders in der Psychotherapie – um extrem sensible Daten. Denken Sie an vererbbare, genetische Erkrankungen. Ganze Generationen können davon betroffen sein, wenn sie öffentlich werden. Wir fordern deshalb, dass Gesundheitsdaten grundsätzlich nie an private Unternehmen weitergeleitet werden dürfen.
Interview: Sebastian Horsch