Dublin/Belfast – Im Brexit liegt auch eine Sehnsucht der Briten nach alter Größe. Insofern ist es geradezu ironisch, dass eben jener EU-Austritt dazu beitragen könnte, das alte Empire – oder was davon übrig ist – ganz zu zerlegen.
Die Anzeichen mehren sich. In Schottland, das gegen den Brexit stimmte, werden die Rufe nach Unabhängigkeit jedenfalls immer lauter. Erst am Wochenende gingen in Edinburgh 200 000 Menschen auf die Straße. Aktuelle Umfragen sehen eine Mehrheit für die Abspaltung vom Vereinigten Königreich. Und auch auf der irischen Insel hat der drohende harte Brexit die Diskussion belebt.
„Eine harte Grenze wird die Wiedervereinigung mit Nordirland hier zum großen Thema machen“, sagt der irische Ex-Diplomat Bobby McDonagh. Er war Botschafter in Italien, Großbritannien und lange Zeit auch bei der EU in Brüssel, ein ausgemachter EU-Freund. Langfristig, sagt er, strebten alle irischen Parteien die Wiedervereinigung an. Gäbe es nach einem No-Deal-Brexit wieder Grenzkontrollen zwischen beiden Ländern und die befürchteten Folgen (siehe Text oben), könnte es schneller gehen als gedacht.
Die Hürden sind nicht sehr hoch. Das Karfreitagsabkommen von 1998, das den blutigen Nordirland-Konflikt beendet hat, beinhaltet das Recht auf ein Referendum, sobald sich in der Bevölkerung eine Mehrheit für die Wiedervereinigung abzeichnet. Die Republik und Nordirland müssten dafür stimmen, London müsste das akzeptieren. Donagh sagt: „Die Konservativen im Königreich scheinen das vergessen zu haben.“
Vielleicht verlassen sie sich aber auch nur auf die Mehrheitsverhältnisse in Nordirland. Noch stellen die protestantischen Unionisten den (knapp) größeren Teil der Bevölkerung. Aber auch hier hat der Brexit die Fronten verwischt. 56 Prozent der Nordiren hatten beim Referendum für den Verbleib in der EU gestimmt – also auch eine nicht geringe Zahl von Unionisten. Auch sie fürchten die Rückkehr von Grenzen auf der irischen Insel.
Manche, sagt Gary McKeown, könnten sich deshalb auch mit einer Wiedervereinigung mit der Republik anfreunden – zumindest, wenn die Bedingungen stimmen. Der Sozialdemokrat, der im Stadtrat der nordirischen Hauptstadt Belfast sitzt, denkt etwa an ein föderal organisiertes Zwei-Staaten-Modell mit einem gemeinsamen Parlament. Er selbst ist auch für die Wiedervereinigung, sofern ein Referendum deutlicher ausfällt als das über den Brexit. 52 Prozent der Briten wählten „Leave“.
Der Ire Bobby McDonagh hält das Königreich schon jetzt für schwer beschädigt. Neben Schottland und Nordirland habe der Brexit schließlich auch im Austritts-freudigen England Spuren hinterlassen. Der Streit, sagt er, gehe bis in die Familien hinein.
Nun hängt alles an der Frage, ob London und die EU eine Lösung für den Brexit finden – und welche. Iren und Nordiren lehnen den jüngsten Vorschlag der britischen Regierung, die Grenzkontrollen ein Stück vor der Grenze durchzuführen, ab. Eine bessere Lösung haben sie aber auch nicht. Der Widerspruch zwischen einem harten Brexit, der auch eine harte Grenze bedeuten würde, und dem Karfreitagsabkommen ist gewaltig. „Womöglich lässt er sich nur durch eine Wiedervereinigung Irlands auflösen“, sagt Sam McBride. Er ist Journalist und arbeitet für einen Newsletter, der den Unionisten nahesteht. Das allein sagt schon viel über die verfahrene Situation. M. MÄCKLER