Der tödliche Hass des Stephan B.

von Redaktion

Stephan B. hatte seinen Terroranschlag in Halle von langer Hand geplant. Der 27-Jährige wollte in der Synagoge ein Blutbad anrichten. Das Video, das er live ins Internet streamte, zeigt, wie eiskalt, aber auch planlos er agierte.

VON WOLFGANG HAUSKRECHT

München – Noch ist nicht viel über das Leben von Stephan B. bekannt. Der 27-Jährige lebte bei seiner Mutter in Benndorf, rund 40 Kilometer von Halle entfernt. Einzelkind. Seine Eltern ließen sich offenbar scheiden, als er 14 war. Stephan B. hat Abitur, soll mit einem Chemie-Studium begonnen, dieses aber wieder abgebrochen und als Rundfunktechniker gearbeitet haben. Sein Vater sagte der Bild-Zeitung, Stephan sei ein Einzelgänger gewesen. „Er war weder mit sich noch mit der Welt im Reinen, gab immer allen anderen die Schuld.“ Sein Sohn habe auch kaum Freunde gehabt. „Der Junge war nur online.“

Dass Stephan B. aus rechtsextremen Motiven handelte, ist offenkundig. Was ihn zum Neonazi machte, ist noch unklar. Auch, ob er Verbindungen zu rechten Netzwerken hatte. Stephan B. war ein unbeschriebenes Blatt, der Polizei weder als Straftäter noch als Neonazi bekannt. Das Manifest, das der 27-Jährige vor der Tat in einem rechten Forum veröffentlichte und das als authentisch eingestuft wird, zeigt aber, welch starker Hass ihn antrieb. Hass auf Juden, Muslime – auf „Anti-Weiße“, wie er selber schreibt.

Das Manifest zeigt das Waffenarsenal, das er im Tatauto transportierte: Maschinenpistolen, eine Pumpgun, selbst gebastelte Sprengsätze. Auch Nagelbomben sind darunter. Bedauernd schreibt B., er habe die Bomben Monate im Voraus bauen müssen, was schlecht sei, da sie durchs Lagern vielleicht unbrauchbar würden. Und er gibt Einblicke in seinen Plan. Einen richtigen Plan hat er gar nicht. Er will in die Synagoge, irgendwie. Eine Synagoge sei kein leichtes Ziel, weil die Sicherheitsmaßnahmen hoch seien, schreibt er auf Englisch, wohl, um auch im Ausland verstanden zu werden. Vielleicht könne er jemanden erschießen, der aus der Synagoge komme und durch die offene Tür schlüpfen. Das Manifest sind niedergeschriebene Gedanken, unsortiert, sprunghaft. Alles kreist darum, möglichst viele Juden zu töten. Eigentlich habe er eine Moschee oder ein linkes Kulturzentrum stürmen wollen, weil das einfacher sei, sich dann aber für die Synagoge entschieden.

Am Mittwoch ist Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Etwa 80 Menschen feiern in der Synagoge an der Humboldtstraße in Halle. Stephan B. hat vier Schusswaffen dabei. Er trägt eine Kampfweste, einen Gurt für Magazine und einen Helm, auf den er eine Kamera gebaut hat, um das Morden live zu streamen. Er hat sich die Plattform „Twitch“ ausgesucht, der Link zum Video steht in seinem Manifest. Stephan B. will mediale Aufmerksamkeit. Sein Vorbild, wird Generalbundesanwalt Peter Frank später sagen, sei wohl der Attentäter von Christchurch gewesen, der im März zwei Moscheen in Australien angriff, 51 Menschen erschoss und das Morden auf Facebook streamte.

35 Minuten und 28 Sekunden dauert das Video, das Stephan B. live sendet und das die „Welt“ ausgewertet hat. Es sind fürchterliche Szenen. Ein Neonazi auf Menschenjagd. Die Aufnahme beginnt schon bei der Anfahrt zur Synagoge. „Ich denke, der Holocaust ist niemals geschehen“, sagt B. Und: „Nobody expects the Internet-SS“ – keiner rechnet mit der Internet-SS.

Stephan B. versucht vergeblich, in die Synagoge zu kommen. Er schießt auf die Tür, versucht, sie zu sprengen. Er ist frustriert, ruft „fuck“, läuft auf und ab. Die 40-jährige Jana L. kommt zufällig vorbei. Ihr ist die Gefahr nicht bewusst. Stephan B. schießt ihr in den Rücken (s. Kasten), geht zurück zur Synagoge. „Fuck. Verkackt, scheiß druff. Ich komm hier nicht rein“, ruft er und feuert weiter auf die Tür. Sie hält stand. „Scheiße“, flucht er und schießt in die Luft. Er fährt ein paar Meter , steigt wieder aus. Er hat einen Platten. Beim Mord an Jana L. hat er einen Reifen zerschossen.

Stephan B. wirkt immer konfuser, beschimpft sich als Versager, sucht eine Granate im Auto. „Ist die noch drin oder hab ich die verloren? Nee, hab ich verloren. Scheißdreck.“ Dann geht er zum Dönerladen gegenüber, schießt, Menschen flüchten. Der 20-jährige Kevin S. versteckt sich hinter einem Kühlschrank, fleht um sein Leben. Stephan B. erschießt ihn. Auf der Straße schießt er noch auf andere Passanten, trifft aber nicht.

Immer wieder hat der Attentäter im Laufe des Videos Probleme beim Montieren seiner teils selbst gebastelten Waffen. „Tja, Ich habe auf jeden Fall bewiesen, wie absurd improvisierte Waffen sind“, sagt er. Dann taucht die Polizei auf. Ein kurzer Schusswechsel. Stephan B. wird am Hals getroffen, kann aber entkommen. Er fährt nach Wiedersdorf, raubt in einer Werkstatt ein Taxi, schießt dabei ein Ehepaar an.

Auf der Bundesstraße 91 südlich von Halle endet die Flucht gegen 13.30 Uhr. An einer Baustelle blockiert ein Lkw den Weg. Der 27-Jährige muss das Taxi stoppen, wird von Spezialkräften überwältigt. Wie Augenzeugen der „Bild“ sagten, habe die Polizei Lkw-Fahrer um Hilfe gebeten, einer habe sich dann in den Weg gestellt. Stephan B. wurde gestern mit dem Hubschrauber zum Bundesgerichtshof in Karlsruhe überführt. Ihm wird zweifacher Mord und versuchter Mord in neun Fällen vorgeworfen.

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