München – Vom Olympia-Attentat in München 1972 mit insgesamt elf toten israelischen Geiseln und einem toten Polizisten wurde die DDR genauso überrascht wie die überforderten deutschen Sicherheitskräfte – bis heute gibt es keinen Beleg, dass die DDR-Staatssicherheit in die Vorbereitungen der Geiselnahme eingebunden war.
Wohl aber protokollierten DDR-Zuträger an jenem 5. September 1972 fast minütlich den hektischen Gang der Ereignisse. Drei DDR-Sportjournalisten, einer davon IM der Stasi, erstellten sogar eine Dokumentation. Da das Zimmer des Verbandstrainers Harry Roewer direkt gegenüber dem besetzten Haus war, konnten sie alles gut beobachten. Schon um 8.15 Uhr in der Früh notierten sie: „5 bewaffnete Kräfte schauen lachend herüber. An der Eingangstür im Erdgeschoß der Anführer im grauen Leinenanzug mit weißem Hut, das Gesicht braun verschmiert; im 1. Stock am Fenster ein Posten mit dunkelgrauem, breitkrempigen Hut, große Sonnenbrille.“ Um 9.20 Uhr schrieben sie: „Verhandlungen zwischen dem Anführer und einer Delegation Schreiber, Merk und Tröger. Der Anführer (…) hat immer eine Handgranate abzugbereit in der rechten Hand.“ Auch den DDR-Beobachtern fiel auf, dass die Sicherheitskräfte konfus reagierten. Sie zitierten einen Bundeswehr-Offizier, der sich über Schaulustige ärgerte. „Unsere Kompetenz reicht nur bis zum Zaun. Da draußen ist es die Angelegenheit der Stadtpolizei. Ich verstehe nicht, warum die nicht durchgreifen.“
Am Nachmittag spitzte sich die Lage zu. 16.40 Uhr: „Scharfschützen beziehen im Haus der DDR Stellung … Sie versuchen möglichst leise über den Kies zu gehen, jedoch läßt der eine den unteren Teil seines Kugelschutzes, der andere ein MP-Magazin klappernd fallen.“ Kurz vor 21 Uhr trifft dann ein erster Hubschrauber ein, später noch zwei. Gegen 22.20 Uhr werden Geiseln und Geiselnehmer ausgeflogen – nach Fürstenfeldbruck, wo dann die tödlichen Schusswechsel folgen.
Die DDR-Offiziellen indes waren froh, dass die Olympischen Spiele für sie erfolgreich abliefen. Im Medaillenspiegel landete die DDR vor der BRD. Fast noch wichtiger: Kein Sportler floh während der Wettkämpfe – allerdings gab es auch „IM“ unter ihnen.
DIRK WALTER