Es soll nur den Tumor treffen

von Redaktion

Highend-Linearbeschleuniger ermöglicht eine noch gezieltere Bestrahlung von Krebszellen – und schont gesundes Gewebe

München – Im Kampf gegen den Krebs gibt es ermutigende Nachrichten: Zum einen können Wissenschaftler die Erkrankung immer weiter entschlüsseln und noch effektivere Therapien entwickeln. Zum anderen macht die Medizintechnik rasante Fortschritte. Ein Paradebeispiel ist die Strahlentherapie. Sie gehört inzwischen neben der Operation und der Behandlung mit Medikamenten zu den tragenden Säulen der Krebsmedizin. „Heute können bereits zwei Drittel aller lokal begrenzten bösartigen Tumore geheilt werden – für 50 Prozent dieser Heilungen ist die Strahlentherapie verantwortlich“, sagt Dr. Peter Stoll, Strahlentherapeut in der Praxis für Strahlentherapie am Helios Klinikum München West in Pasing.

Dort ist gerade ein Bestrahlungsgerät der allerneuesten Generation eingeweiht worden. Das Gerät steht in einer Art Bunker mit zwei Meter dicken Spezialbetonwänden. Das zwei Millionen Euro teure Prunkstück steckt voller Highend-Technologie und ist einer der modernsten sogenannten Linearbeschleuniger der Welt. Dr. Peter Stoll erklärt, wie das Gerät funktioniert und wer davon besonders profitieren kann.

Was bedeutet eigentlich Strahlentherapie?

Wir nutzen – sehr vereinfacht beschrieben – elektrisch erzeugte negativ geladene Teilchen, Elektronen, die mithilfe von mehreren Magneten auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und schließlich in Photonenstrahlung umgewandelt werden. Diese gebündelten Strahlen werden punktgenau auf den Tumor geleitet. Sie richten Schäden in dessen Erbgut an und bringen ihn so zum Untergang.

Wie lässt sich verhindern, dass auch gesunde Zellen geschädigt werden?

Die Angriffsfläche für die Strahlen ist in der Zellteilungsphase besonders groß, welche bei Tumorzellen besonders häufig, schnell und unkontrolliert ist. Außerdem fehlt Tumorzellen eine Art Reparaturprogramm, das gesunde Zellen besitzen. Dadurch gehen Tumorzellen zugrunde, während sich gesunde Zellen regenerieren und die Strahlentherapie weitgehend unbeschadet überstehen können. Dazu haben wir mit unserer neuesten Bestrahlungseinheit die Möglichkeit, die Patienten noch exakter, effektiver und nebenwirkungsärmer zu bestrahlen.

Wie gelingt Ihnen das?

Dabei sind mehrere Faktoren entscheidend. Unterm Strich können wir unsere Patienten jetzt mit einer höheren Strahlendosis in einer kürzeren Zeit als bisher behandeln. Das Gerät ermöglicht dank einer sehr exakten Bildgebung der neuesten Generation auch eine exaktere Positionierung während der Therapie. Als Basis dienen hochaufgelöste Aufnahmen aus Computer- oder Magnetresonanztomographien, also CT und MRT, sowie PET-CT. Eine spezielle Software ermöglicht es, den Tumor genauestens sichtbar zu machen, ihn scharf einzugrenzen und mit revolutionärer Präzision zu treffen. Dadurch wird noch weniger benachbartes, gesundes Gewebe in Mitleidenschaft gezogen als bisher.

Die neue Software ermöglicht auch das sogenannte Goldmarker-Tracking, das als besonders effektives Bestrahlungsverfahren gilt. Was genau ist Goldmarker-Tracking?

Dabei werden vor der Bestrahlung hauchdünne, nur etwa drei Millimeter lange Markierungsstifte aus Gold im Tumor platziert, beispielsweise in der Prostata oder in der Lunge. Die Stifte werden unter sanfter Narkose eingeführt, etwa im Rahmen einer Prostata-Biopsie oder einer Bronchoskopie, also Lungenspiegelung. Sie müssen nicht mehr aus dem Körper entfernt werden und ermöglichen bei der Bestrahlung äußerste Präzision. Das Gerät steuert den Markierungsstift praktisch direkt an und strahlt nur dann, wenn eine Verbindung besteht. Dadurch kann nur das Tumorgewebe getroffen werden – selbst wenn sich der Patient mal unbeabsichtigt leicht bewegt.

Bei welchen Krebsarten hat die Strahlentherapie denn einen echte Aussicht auf Erfolg?

Grundsätzlich können Krebserkrankungen in allen Körperregionen behandelt werden. Von der neuesten Technik profitieren besonders Patienten mit Lungen- oder Prostatakrebs, weil sich Tumore in solchen Regionen während der Bestrahlung bewegen können. Durch das erwähnte Goldmarker-Tracking können wir sie wesentlich effektiver ausschalten, weil das Gerät exakt dem Markierungsstift im Tumor folgt. Aber auch bei Brust- oder Enddarmkrebs, bei Kopf-Hals-Tumoren und bei Metastasen sind besonders gute Ergebnisse zu erzielen.

Interview: Andreas Beez

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