München – Wenn Michael Kerkloh zum Jahreswechsel den Staffelstab an Jost Lammers übergibt, überlässt der alte dem neuen Chef des Münchner Flughafens nicht nur eine Baustelle, sondern gleich 14. Nein, nicht dass Kerkloh ein schlecht bestelltes Haus hinterließe. Vielmehr befindet sich Deutschlands zweitgrößter Flughafen in der größten Umbruchphase seit seiner Eröffnung 1992. Dabei liegt die größte Maßnahme auf unabsehbare Zeit auf Eis, sofern sie überhaupt noch realisiert wird – der Bau der dritten Start- und Landebahn im Erdinger Moos.
Aus welcher Richtung auch immer man sich in diesen Monaten dem Luftdrehkreuz des Südens nähert, stößt man auf gewaltige Baustellen. Das Kuriose an den riesigen Kieshaufen, den tiefen Gruben und den mit Stacheldraht bewehrten Bauzäunen: Die wenigsten haben mit dem Luftverkehr zu tun.
Die jährlich wachsenden Passagierzahlen – in den ersten neun Monaten dieses Jahres wurde mit 36,6 Millionen ein neuer Rekord erzielt – zwingen die FMG dazu, ihre Infrastruktur am Boden anzupassen. Zwei Millionenprojekte ragen heraus. Im Osten entsteht derzeit der Tunnel für den S-Bahn-Ringschluss. Das 1,8 Kilometer lange Teilstück ist der Startschuss für die direkte Schienenanbindung von Erding und in der Folge über die Walpertskirchener Spange von ganz Südostbayern bis Salzburg. 2025 sollen Tunnel und Rampe fertig sein.
Gegraben und Beton gegossen wird auch im Westen. Das Terminal 1 erhält eine neue, 350 Meter lange Pier. Ab 2023 kann hier ein Dutzend zusätzlicher Flugzeuge andocken. Im Inneren entsteht eine neue Geschäftswelt, die vor allem die kaufkräftige arabische Klientel ansprechen soll.
Einer Mondlandschaft gleicht die Nordallee parallel zur Hauptzufahrt von der A 9 und der A 92. Hier wächst in den nächsten Jahren der Lab Campus in die Höhe, ein Innovations- und Hochtechnologiestandort, auf dem unter anderem autonomes Fahren erprobt werden soll. Die FMG generiert immer mehr Gewinne aus dem sogenannten Non-Aviation-Geschäft. Auf diesem Areal sind unter anderem die Airport Academy, die neue FMG-Verwaltung und der Handwerkerhof mit neuer Rettungswache vorgesehen. Nicht zuletzt ist Platz für das dritte Flughafenhotel, das sich an Familien mit schmalerem Geldbeutel richtet.
Auf der anderen Seite der Zentralallee errichtet Audi ein weiteres Testcenter mit großer Stromtankstelle. BMW baut ein neues Servicezentrum. Mehrere tausend Arbeitsplätze entstehen in den kommenden Jahren.
Die Berufstätigen, aber auch die kontinuierlich steigende Zahl an Fluggästen finden auf den Straßen rund um den „Moos-Airport“ immer weniger Platz. Über die Zentralallee schlagen Arbeiter gerade eine neue Brücke. Eine noch größere Baustelle ist im Osten des Flughafens zu sehen. Die FMG errichtet mit dem Südring eine komplett neue Erschließung der beiden Terminals. Der mündet in die Erdinger Allee Richtung Flughafentangente Ost (FTO). Sie wird bald vier statt zwei Spuren aufweisen. Die FTO selbst soll zwischen Flughafen und Erding ebenfalls vierspurig ausgebaut werden – mit dem S-Bahn-Ringschluss parallel. Doch wann dafür die Bagger auffahren werden, weiß niemand. Erdings Oberbürgermeister Max Gotz meinte unlängst resigniert: „Nur dort, wo der Flughafen baut, geht zügig was voran.“
Weiterhin geplant oder im Bau sind mehrere zusätzliche Parkhäuser sowie Taxi- und Mietwagenspeicher. An Spitzentagen werden am Münchner Flughafen bis zu 3000 Mietfahrzeuge ausgegeben oder zurückgegeben.
Jost Lammers erbt von Michael Kerkloh also jede Menge Baustellen. Dafür wird er in den ersten Jahren seiner neuen Tätigkeit so manches Eröffnungsband durchschneiden dürfen. Weil Kerkloh eben doch ein gut bestelltes Haus hinterlassen wird.
Ob Lammers das Prestigeobjekt seines Vorgängers, die dritte Start- und Landebahn, wieder aufs Gleis setzen darf, liegt nicht in seinen Händen. Sondern in denen der Staatsregierung. HANS MORITZ