Berlin – Die Erlösung ist es noch nicht, trotzdem können die vorläufigen Sieger erst einmal aufatmen. Klara Geywitz ringt sich zu einer Umarmung von Saskia Esken durch – beide Frauen können sich zu den Gewinnern des ersten Wahlgangs beim SPD-Mitgliederentscheid zählen. In den kommenden Wochen werden sie zu Konkurrentinnen um den SPD-Vorsitz. Ansonsten freundliches Händeschütteln zwischen den verbliebenen Duos im Rennen um die Parteispitze. Sie stehen zwischen anderen Kandidaten und Helfern der gerade absolvierten Stimmauszählung. Eher Erleichterung als Freude herrscht am Samstagabend im Willy-Brandt-Haus in Berlin, auch bei Finanzminister Olaf Scholz.
„Das ist schon ein Moment, wo man sich auch richtig freuen kann“, sagt der Vizekanzler zwar – dies aber in dem ihm eigenen trockenen Tonfall. Gemeinsam mit Geywitz wird er in den kommenden Wochen gegen Nordrhein-Westfalens früheren Finanzminister Norbert Walter-Borjans und Esken um die Spitzenposition in Deutschlands ältester Partei kämpfen. Der Abstand beim Votum der Mitglieder war denkbar knapp: 22,7 Prozent für Scholz/Geywitz – 21 Prozent für Walter-Borjans/Esken.
Die kommissarische Parteichefin Malu Dreyer zeigt sich stolz, dass die Partei den ersten Teil der Kandidatenkür unfallfrei hinter sich gebracht hat. „Wir haben etwas Neues gewagt“, sagt Dreyer. Viereinhalb Monate ist es her, dass Andrea Nahles nach heftigen innerparteilichen Turbulenzen die Flucht ergriffen hat. Nun betont Dreyer: „Wir sind eine solidarische Partei, auch wenn wir in der Vergangenheit manchmal nicht richtig umgegangen sind mit unseren Parteivorsitzenden.“ Geschlossenheit ist nun oberstes Ziel.
Dabei steuert die SPD im zweiten Teil der Vorsitzendensuche nun tatsächlich auf eine Richtungsentscheidung zu – die Verteidiger der großen Koalition gegen die GroKo-Skeptiker. „Meine Vorstellung ist: Wir werden gestärkt aus dem Ganzen hervorgehen“, sagt Scholz, „ich hoffe auch sehr, dass jeder danach sagt: Die SPD wird nicht nur gebraucht, sondern man kann ihr auch anvertrauen, dass sie die Regierung des Landes führt.“ Geywitz sagt: „Die SPD ist am besten in der Lage, Probleme zu lösen, wenn sie gestalten kann.“
Ganz anders Esken: In den nächsten Wochen würden sie und Walter-Borjans zwar versuchen, mit der Union zusammen eine gemeinsame Strategie für die Zukunftsfragen zu finden. „Ich sehe da eigentlich keine Chance“, sagt sie aber. Walter-Borjans meint: „Wenn man von diesem Moment aus guckt, muss man sagen, da haben sich zum Beispiel beim Klima, im Umgang mit der Syrienfrage, bei der Grundrente nicht gerade Ansatzpunkte dafür gezeigt, dass das ein gewinnbringendes Weiterführen einer Koalition ist.“ Er gebe aber die Hoffnung nie auf.
Soziale Gerechtigkeit, weniger Abstand zwischen Arm und Reich, durchgreifender Klimaschutz, massive Investitionen und die Abkehr von der schwarzen Null – mit diesem Programm wollen „Nowabo“ und Esken der SPD neues Selbstbewusstsein geben. Schulz und Geywitz zeigen sich pragmatischer – nicht nur über Verteilung, sondern die Erarbeitung des Wohlstands wollen sie reden, über ökologische Industriepolitik und die Stärkung der Stimme der Ostdeutschen.
Völlig offen ist, in welche Richtung das Pendel bei den Mitgliedern ausschlägt. Vom 19. bis 29. November sind die 425 000 SPD-Mitglieder nun noch einmal aufgerufen, sich zu entscheiden. Den Kandidaten merkt man an, dass sie authentisch für ihre Positionen stehen, sonderlich mitreißend wirkt es aber nicht.
Zwischen 9,6 und 16,3 Prozent konnten die vier unterlegenen Duos erreichen. Walter-Borjans und Esken hoffen, dass sie Stimmen von den auch GroKo-kritischen Teams Christina Kampmann/Michael Roth, Nina Scheer/Karl Lauterbach und Gesine Schwan/Ralf Stegner einheimsen können. Lauterbach sagt: „Meine Überzeugung ist, dass die große Koalition in der Partei keine Mehrheit mehr hat.“ Eine Wahlempfehlung will er aber nicht aussprechen.
Unklar ist auch, ob die Zuspitzung auf eine Richtungsentscheidung mehr Beteiligung kreiert. 53,3 Prozent der 425 630 stimmberechtigten SPD-Mitglieder hatten in der ersten Runde ein Votum abgegeben, da ist noch viel Luft nach oben. Wenn ja, könnte das Scholz/Geywitz nutzen. Die verbliebenen Tandems werden nun weiter für sich werben. Am 30. November soll das Ergebnis der Stichwahl bekannt gegeben werden. Allerdings muss ein Parteitag die Gewinner dann noch offiziell bestätigen. Auf dem Parteitag will die SPD auch über den Verbleib in der Großen Koalition abstimmen. Es bleibt spannend.