München – Die Entwicklung bereitet Medizinern zunehmend Kopfzerbrechen – insbesondere mit Blick auf den hellen Hautkrebs. Am Dramatischsten kristallisierte sich die Ausbreitung dieser Volkskrankheit bei einer wissenschaftlichen Studie in Schleswig-Holstein heraus. Dort hat sich die Zahl der Fälle zwischen 1999 und 2012 in gerade mal 13 Jahren verdoppelt, berichtete die renommierte Fachzeitschrift Journal of Investigative Dermatology.
So erkranken inzwischen statistisch gesehen mehr als 250 von 100 000 Einwohnern an Basalzell- und Plattenepithelkarzinomen, wie die zweithäufigste Form von hellem Hautkrebs in der Fachsprache heißt (der Volksmund spricht von Stachelzellkrebs). Bis 2030 könnte sich diese Fallzahl erneut verdoppeln, fürchten Experten.
Schon jetzt bekommen also, vorsichtig geschätzt, jährlich über 200 000 Bundesbürger hellen Hautkrebs und darüber hinaus etwa 20 000 schwarzen Hautkrebs (Fachbegriff malignes Melanom). Auf München umgerechnet bedeutet dies etwa 4000 neue Hautkrebs-Diagnosen pro Jahr, mindestens.
Die tatsächliche Zahl könnte weitaus höher sein. Denn in den Krebsregistern wird nur das jeweils erste Basalzellkarzinom eines Patienten als Neuerkrankung erfasst. „Häufig bekommen die Betroffenen allerdings im Laufe von Jahren weitere Basalzellkarzinome – und die tauchen dann nicht mehr in der Statistik auf“, erklärt Prof. Kunte, Chefarzt in der Artemed-Fachklinik in München.
Sein Patient Franz Grund, 79, ist beispielsweise bereits 13 Mal wegen hellem Hautkrebs operiert worden. „Keine Seltenheit“, sagt Dermatochirurg Kunte und erklärt den Hintergrund. „Basalzellkarzinome entstehen in der Regel auf der Basis von chronischer UV-Strahlenbelastung. Wenn man einen solchen Tumor findet, ist das ein Anzeichen dafür, dass die Haut zu stark und zu lange der Sonne ausgesetzt waren. Damit wächst das Risko, dass weitere Hautpartien betroffen sein könnten. Insbesondere auf den sogenannten Sonnenterrassen des Körpers, beispielsweise im Gesicht. So haben viele Patienten mehrere Basalzellkarzinome an Nase, Stirn, Wangen oder Ohren.“
Woher aber rührt der dramatische Anstieg der Fallzahlen? Zwar warnen Hautärzte bereits seit Jahren davor, die Gefahren von UV-Strahlung zu unterschätzen. Trotzdem sei der Trend zum Sonnenbaden ungebrochen, kritisieren Forscher. Außerdem würde die Wirkung von Sonnencreme häufig überschätzt, Sonnenbrände seien vor allem während der Sommermonate noch immer an der Tagesordnung. Dazu kommt, dass Hautkrebs – wie alle Tumorerkrankungen – im Alter und angesichts der insgesamt gestiegenen Lebenserwartung häufiger auftritt.
Auch Grit Boettcher hat es erwischt. Der kleine rote Fleck auf ihrer Nase hielt sich hartnäckig. „Blöd, dass dieser Pickel einfach nicht weggehen will“, dachte sie sich. Trotzdem hat sich die beliebte Schauspielerin („Traumschiff“, „Ein verrücktes Paar“), die in Ismaning lebt, zunächst keine größeren Gedanken darüber gemacht. „Vor Dreharbeiten habe ich die Stelle halt überschminkt.“ Erst nach einigen Wochen ging sie zum Hautarzt – und bekam von ihm die Schockdiagnose heller Hautkrebs. Genauer gesagt war es ein Basalzellkarzinom.
„Gott sei Dank wurde der Krebs noch rechtzeitig entdeckt, sodass er keine größeren Schäden anrichten konnte“, sagt die 81-Jährige erleichtert. Sie wurde im Uniklinkum Großhadern vom Chef der Hals-Nasen-Ohren-Klinik, Professor Martin Canis, erfolgreich operiert. „Man sieht fast nichts mehr von dem Eingriff, den Leuten fällt es gar nicht auf, wenn ich beispielsweise mit meinem Hund spazieren gehe. Ich fühle mich topfit.“
Andere Patienten haben weniger Glück, sie müssen immer wieder wegen hellem Hautkrebs unters Messer – so wie Franz Grund. „Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und habe als Kind viel Zeit mit freiem Oberkörper auf dem Feld verbracht“, erzählt der pensionierte Kaufmann. Seine Leidensgeschichte begann vor zehn Jahren: „Ich habe einen weißen Fleck bemerkt, der zunehmend nässte.“ In der Folge bildeten sich mehrere Basalzellkarzinome in seinem Gesicht, am Oberkörper, an den Armen und am Kopf. „Vielleicht auch deshalb, weil mir schon mit Anfang 20 die Haare ausgegangen sind. Einen Hut habe ich nie aufgesetzt.“
Am heftigsten erwischte ihn ein Tumor an der Wange. „Er erstreckte sich fast über die gesamte Gesichtshälfte“, sagt sein Arzt Prof. Christian Kunte. Trotzdem gelang es dem Arzt, die Wunde ohne Hautverpflanzungen zu verschließen.
Heute geht Grund nur noch mit Kopfbedeckung in die Sonne und cremt sich vorher mit Lichtschutzfaktor 50 ein. Seinen fünf Enkeln schärft er immer wieder ein, wie wichtig solche Vorsichtsmaßnahmen sind: „Gerade dann, wenn man, so wie ich, einen hellen Hauttyp hat.“