München – Die neue Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), steht einem Dialog über eine zumindest teilweise Legalisierung von Cannabis offen gegenüber. Die gesellschaftliche Debatte über Cannabis entwickle sich permanent weiter, dem müsse die Politik Rechnung tragen, sagt Ludwig. Ob es dazu kommt und wie eine Legalisierung aussehen könnte, ist aber völlig offen (siehe Interview unten). Laut dem Drogen- und Suchtbericht 2019 nimmt der Cannabiskonsum weiter zu, insbesondere bei den 18- bis-25-Jährigen. Wie gefährlich ist Cannabis wirklich? Wir haben bei Dr. Eva Hoch nachgefragt. Eva Hoch ist Leiterin der Forschungsgruppe Cannabinoide der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
Was ist Cannabis?
Cannabis ist eine Gattung der Hanfgewächse mit psychoaktiven Wirkstoffen. Es wird meist in Form von Haschisch (Harz) oder Marihuana (Gras) als Rauschmittel konsumiert. Bisher wurden 144 verschiedene Cannabinoide entdeckt. Die wichtigsten Hauptwirkstoffe sind THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol). THC ist psychoaktiv und kann das Fühlen, Denken, Handeln verändern. CBD hat möglicherweise eine heilende Wirkung, gilt aber als nicht intoxikierend, also berauschend. Es ist, wie die meisten Cannabinoide, bisher kaum erforscht.
Wie wirkt Cannabis?
Cannabis, sagt Dr. Eva Hoch, könne Glücksgefühle erzeugen, entspannen, die Wahrnehmung verändern und einen Rauschzustand auslösen. „Das sind alles Effekte, die Cannabis bei manchen Menschen zu einer beliebten Freizeitdroge machen. Aber nicht alle spüren diese positiven Wirkungen.“ Cannabis könne auch unangenehme Empfindungen auslösen.
Bei Konsumunerfahrenen oder bei hoher Dosierung können laut Hoch Schwindel, Übelkeit und Erbrechen auftreten. „Das Kurzzeitgedächtnis kann beeinträchtigt sein, es kann zu Gedankensprüngen und Verwirrtheit kommen. Eingeschränkte Aufmerksamkeit und Koordination können beispielsweise die Fahrtüchtigkeit reduzieren.“
Außerdem gibt es das Phänomen eines negativen Rausches: „Cannabis kann Gefühle, die ohnehin da sind, verstärken. So kann es zu Depressivität, Angst, Panik und psychotischen Symptomen kommen.“
Wie Cannabis als Droge wirkt, hänge letztlich von verschiedenen Aspekten ab: Der Hanfsorte, ihren Inhaltsstoffen, dem Verhältnis von THC zu CBD, der genetischen Veranlagung des Konsumenten, seinem Stoffwechsel, der Konsumerfahrung, den Erwartungen an die Droge und auch von der Umgebung, in der sie genommen wird.
Das körpereigene Cannabis-System und zusätzlicher Konsum
Vor 30 Jahren wurde das „endogene Cannabissystem entdeckt“, das jeder Mensch hat. Es ist ein Regelsystem, das dem Organismus hilft, sich an Veränderungen der Umwelt anzupassen. Im ganzen Körper gibt es Cannabinoid-Rezeptoren und Cannabinoide, am häufigsten im Gehirn. „Sie spielen bei Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Lernen, Bewegung, Gefühlen, Vergnügen, Belohnung und Appetitregulierung eine wichtige Rolle“, erklärt Hoch. Das THC der Hanfpflanze hat eine ähnliche chemische Struktur. Es kann an den Cannabisrezeptoren binden, allerdings stärker als das körpereigene Cannabis. So entstehen seine vielfältigen Effekte.
Kann Cannabis Psychosen auslösen?
„Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Cannabiskonsum mit erhöhtem Auftreten von Depressionen, Angststörungen, Bipolaren Störungen und Psychosen in Verbindung steht“, sagt Hoch. Dabei scheint es einen Dosis-Wirkungs-Effekt zu geben: Je mehr Cannabis konsumiert wird, desto größer wird das Risiko. „Die Entstehung von psychischen Störungen ist natürlich immer ein komplexes Zusammenspiel aus Veranlagung und verschiedenen Stressoren, aber Cannabis kann einer dieser Risikofaktoren sein.“
Wie groß ist das Suchtpotenzial?
Der aktuelle deutsche Suchtreport zeigt, dass knapp ein Drittel aller erwachsenen Deutschen schon einmal Cannabis konsumiert hat. „Man weiß, dass die meisten davon es einfach einmal ausprobieren wollten und nicht regelmäßig gebrauchen“, sagt Hoch. Etwa einer von zehn Konsumenten entwickle einen klinisch relevanten Gebrauch, nehme teilweise mehrmals täglich Cannabis. Das Leben dreht sich dann um die Substanz, man vernachlässigt andere Dinge. Es kann auch zu psychischen und körperlichen Entzugssymptomen kommen.“ Je früher im Leben und je häufiger Cannabis konsumiert wird, desto größer ist laut Hoch das Risiko einer Abhängigkeit. „Vermutlich gibt es auch eine genetische Veranlagung für eine Suchtentwicklung.“ Im Umkehrschluss könnte das heißen: Je später und je seltener man Cannabis konsumiert, desto geringer ist die gesundheitliche Schädigung, vor allem wenn man kein genetisches Risiko für eine Sucht oder andere psychische Erkrankungen in sich trägt. Die Behandlungszahlen wegen cannabisbedingten Problemen sind im letzten Jahrzehnt in Europa angestiegen. In Deutschland ist Alkohol immer noch Spitzenreiter bei den Suchtbehandlungen – gefolgt von Cannabis.
Größere Gefahr für Jugendliche
In welchem Alter Cannabis konsumiert wird, mache auf jeden Fall einen Unterschied, betont Hoch. „Bei Jugendlichen ist das Gehirn noch nicht voll ausgereift. Das körpereigene Cannabinoid-System ist an diesem Reifungsprozess beteiligt. Beim Kiffen kommen viele Cannabinoide ins Gehirn. Sie werden nicht so schnell abgebaut wie das körpereigene Cannabis. Das System wird sozusagen überschwemmt.“ Um sich zu schützen, passe sich das Gehirn an. „Seine normale Funktionalität verändert sich. Das kann sich zum Beispiel in einer schlechteren Lern- und Erinnerungsleistung zeigen.“
Bei Erwachsenen sind diese Einschränkungen nach längerer Abstinenz eventuell wieder umkehrbar. Ob das für Jugendliche auch zutrifft, ist laut Hoch noch unklar. „Studien zeigen, dass Jugendliche mit frühem starkem Konsum mehr Schwierigkeiten in der Schule haben. Auch das Risiko einer Abhängigkeit steigt.“
Immer stärkere Hanfzüchtungen
Der THC-Gehalt in den von der Polizei sichergestellten Cannabisprodukten hat sich in den letzten 20 Jahren im Schnitt verdreifacht. Cannabisforscher warnen, dass Produkte mit einem THC-Gehalt über zehn Prozent auch gefährlicher sind. „Ganz wichtig ist, dass der CBD-Gehalt in diesen Produkten oft nur noch sehr gering oder nicht mehr vorhanden ist“, sagt Hoch. CBD kann vermutlich einige der schädlichen Effekte von THC ausgleichen. „Welche Auswirkung das THC/CBD-Verhältnis auf die Gesundheit hat, sollte unbedingt näher erforscht werden“, sagt Hoch.
Cannabis als Arzneimittel
Seit 2017 können chronische Schmerzpatienten Cannabis auf Rezept bekommen. Apotheken lagern das Cannabis im Tresor. „Leider ist die Wirksamkeit von Cannabis-arznei aber gar nicht so gut untersucht, wie oftmals behauptet wird“, sagt Hoch. Die wissenschaftlich beste Datenlage für die Wirksamkeit liege bei Schmerzen vor. „Dabei geht es allerdings nicht um akute Schmerzen, sondern um chronische Schmerzerkrankungen, also solche, die länger als drei Monate anhalten. Gegen akute Schmerzen hat Cannabis kaum eine Wirkung.“ Es habe aber das Potenzial, in Kombination mit anderen Analgetika, zum Beispiel Opioiden oder Antidepressiva, lang anhaltende Schmerzen moderat um etwa 30 Prozent zu mindern.
Studien berichten auch, dass Cannabisarznei helfen kann, besser mit therapieresistenten Schmerzen klarzukommen, wieder mehr Lebensqualität zu haben. „Für Betroffene ist es wichtig zu wissen, dass Cannabisarznei auch unangenehme Nebenwirkungen haben kann, zum Beispiel Müdigkeit, Schwindel oder Übelkeit“, sagt Hoch. In vielen allen anderen medizinischen Bereichen könne man noch wenig über Cannabisarznei sagen. „Wirkung und Verträglichkeit sind noch zu schlecht erforscht.“
WOLFGANG HAUSKRECHT