Schechen – Über den Spruch von Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU), man brauche 5G nicht an jeder Milchkanne, kann Michael Posch aus Hochstätt (Gemeinde Schechen) nur lächeln. An seinen Milchkannen wäre der neue Mobilfunkstandard sehr von Nutzen: Im Hightech-Kuhstall der Poschs wird eine große Menge an Daten erzeugt, eine schnelle Übertragung wäre wünschenswert.
Empfänger ist Prof. Dr. Jörn Stumpenhausen. Er lehrt und forscht an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf an der Fakultät Nachhaltige Agrar- und Energiesysteme. Mit dem weltweit einzigartigen Projekt „Integrated Dairy Farming“, zu Deutsch „Integrierte Milchwirtschaft“, erprobt die Hochschule den Einsatz neuer Technologien in der Milchwirtschaft. Sie kooperiert dabei mit dem Wissenschaftszentrum Weihenstephan der TU München. Sozusagen als Testbetrieb wurde der Eberl-Hof ausgewählt.
Hofbesitzer Martin Posch hat schon seit 2014 einen hochmodernen Stall. Die rund 70 Rinder haben viel Platz, können sich frei bewegen. Ein ausgetüfteltes Belüftungskonzept sorgt für ein angenehmes Klima. In zwei großen und mit viel Stroh bestückten Abkalbebuchten finden trächtige Kühe Ruhe, haben aber Sichtkontakt zu ihren Artgenossen. Ein eigener kleiner Stall schützt die Kälbchen vor Zugluft.
Moderne Technik wie einen Melkroboter gab es auch schon, bevor Stumpenhausen anrückte. Die Wissenschaftler brachten aber noch jede Menge Sensoren, Messgeräten und Kameras mit. „Wir haben zum Beispiel 16 Smartmeter eingebaut, um zu sehen, welche Geräte zu welcher Zeit wie viel Strom verbrauchen“, sagt der Professor. Von seinem Büro aus kann er diese Daten abrufen. Der Strombedarf des Hofs wird über Solarzellen auf dem Stalldach gedeckt. Die liefern übers Jahr zwei- bis dreimal mehr Energie als benötigt. Stumpenhausen: „Bei dem Projekt geht es auch darum, die Ressourceneffizienz zu optimieren und Milchviehbetriebe als Energielieferanten ins Spiel zu bringen.“
Einer der Stromfresser ist der Milchtank. Er fasst 4400 Liter, wird alle zwei Tage geleert. Das Besondere: Er arbeitet nicht wie ein Kühlschrank, sondern wird indirekt mit Eiswasser gekühlt. „Die Milch kommt mit etwa 35 Grad Celsius an und läuft durch einen mit Leitungswasser betriebenen Vorkühler, der sie auf etwa 17 Grad temperiert. Im Tank lagert sie dann bei gut fünf Grad“, erklärt Michael Posch. Durch dieses ausgeklügelte System wird die Stromeffizienz gesteigert. Weiterer Vorteil: Das angewärmte Wasser aus dem Vorkühler bekommen die Milchkühe als Tränkwasser.
Am Melkroboter unweit des Milchtanks ist rund um die Uhr Betrieb. Denn: „Die Kühe können immer dann zum Melken gehen, wenn ihnen danach ist“, erklärt Posch. Früher habe der Mensch den Melkrhythmus vorgegeben, nun könnten die Tiere nach eigenem Empfinden ihre Euter entleeren lassen. Am Eingang zur Melkstation ist immer etwas los, bei Stau drängeln ranghöhere Kühe schon mal andere weg. In der Anlage geht es aber ganz stressfrei zu. Während die Kuh sich ein wenig Kraftfutter einverleibt, werden die Zitzen vollautomatisch gereinigt, dann docken die Melkbecher per Laservermessung zielgerichtet ans Euter an – und schon geht’s los.
Weil jede Kuh einen ID-Chip trägt, ist der Roboter stets im Bilde, welche Kuh gerade gemolken wird. Nicht selten kommt ein Tier auch nur, um sich das Kraftfutter schmecken zu lassen. Das Melksystem erkennt, dass die Kuh noch gar nicht wieder dran sein kann und verweigert seinen Dienst. Manche Kühe versuchen ihr Glück mehr als 20 Mal am Tag. „Kraftfutter ist für die wie Schokolade, die gehen vorne raus und hinten gleich wieder rein“, sagt Posch. Gemolken werden sie aber erst ab einer erwarteten Milchmenge von zumindest zehn Litern oder nach sechs Stunden Wartezeit. Und das Kraftfutter gibt es nur in individuell berechneten, kleinen Portionen. Umgekehrt schlägt der Roboter Alarm, wenn eine Kuh überfällig ist. Beim Melken werden Menge, Temperatur und Inhaltsstoffe der Milch erfasst, was Rückschlüsse auf die Gesundheit der Kuh zulässt. Eine Kuh, mit der womöglich etwas nicht in Ordnung ist, schickt der Roboter automatisch durch ein separates Tor in eine Art Krankenstation. Der Landwirt erhält umgehend eine Meldung.
Von der Technik profitiert auch der Bauer. „Die Arbeitszeit halbiert sich in etwa“, sagt Posch. Bei einem Anbindestall ohne Roboter seien es 75 bis 80 Stunden pro Kuh im Jahr, er müsse pro Tier nur 30 bis 35 Stunden aufwenden. „Wir schauen immer noch morgens und abends, aber nicht zu einer bestimmten Uhrzeit. Und nicht so lange.“
Weiterer Vorteil: mehr Milch. Weil im Schnitt 2,6 Mal am Tag gemolken wird, ist das Euter nicht mehr so prall. Ein pralles Euter reduziert die Milchproduktion.
Der Melkroboter ist nicht der einzige Hightech-Apparat im Stall. Ein Spaltenreiniger dreht seine Runden, um den Dung durch die Ritzen im Boden nach unten zu befördern. „Durch die breiteren Gänge können die Tiere leicht aneinander vorbei, der Dung wird deshalb nicht mehr so zuverlässig durch die Klauen durch die Ritzen gedrückt“, sagt Posch. So fährt der Spaltenreiniger von Zeit zu Zeit durch die Gänge und erledigt das. Außerdem ist ein automatischer Futterschieber im Einsatz, der das am Boden verstreute Futter zurück an die Gitter verfrachtet.
Die Rinder lassen sich von den geschäftigen Geräten nicht stören. „Der Einsatz von Technik entspannt die Kühe erheblich“, sagt Stumpenhausen sogar. Auf seinem Bildschirm an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf kann der Wissenschaftler das Verhalten der Tiere genau verfolgen. Neben den Kameras, die im Stall platziert sind, liefern Sensoren an den Tieren Erkenntnisse: Wie lange liegt ein Tier, wie lange steht es, welche Wege hat es im Stall zurückgelegt? Aus den Daten ziehen Stumpenhausen und seine Mitarbeiter Rückschlüsse für eine moderne Milchvieh-Wirtschaft.
Beim Bayerischen Bauernverband (BBV) ist man stolz auf das Projekt. „Familie Posch geht konsequent mit dem Fortschritt und leistet hier auch Pionierarbeit“, sagt Josef Steingraber, Geschäftsführer des BBV in Rosenheim. Den Landwirten sei sehr daran gelegen, gesellschaftliche Wünsche umzusetzen, wie zum Beispiel Energiesparen oder mehr Tierwohl. Familie Posch hat für den 16. Mai 2020 sogar ein Hoffest geplant, bei dem sich Besucher ein Bild machen können.
Die Zukunft des Betriebs ist dank Michael Posch junior, 35, gesichert. Dass er den Betrieb übernimmt, „das stand für mich nie infrage“, sagt der Jungbauer. Er liebe die Vielseitigkeit des Berufs und die Nähe zur Natur. Schon jetzt führt er den Hof zusammen mit seinem Vater, der im Hauptberuf für ein Stallbau-Unternehmen arbeitet.
Der Senior ist froh, den Sohn an seiner Seite zu haben. „Der kennt sich damit aus und hat Probleme schnell im Griff“, lobt er. Auch der Großvater packt mit seinen 88 Jahren noch tatkräftig mit an. Der Großvater, der auch Michael heißt, hat in seiner Jugend noch mit Ochsen und Pferden gepflügt, der erste Traktor kam 1955 auf den Hof. „Auf den war ich damals genauso stolz wie mein Sohn und mein Enkel heute auf den Melkroboter“, sagt er.