5 FRAGEN AN
Prof. Dr. Madelaine Böhme hat im Ostallgäu jahrelang die Ausgrabungen geleitet. Böhme erforscht an der Universität in Tübingen die Vorgeschichte der Menschheit. Ihren Sensationsfund taufte sie Udo.
Frau Professor Böhme, wann wurde Ihnen klar, dass es sich bei dem Fund um etwas besonderes handelt?
Die wissenschaftliche Bedeutung ist mir erst im Sommer, kurz vor Fertigstellung der Untersuchung, klar geworden. Da besaßen wir ein komplettes Bild. Als wir das verfügbare Puzzle zusammengestellt hatten, wussten wir: Der hat eine ganz besondere Stellung in der Evolution. Das ist nicht nur ein Menschenaffe – sondern ein ganz besonderer. Den hat es so noch nie gegeben. Wenn man sich die bisherige Theorie der menschlichen Evolution anschaut, ist Udo de facto eigentlich unmöglich. Bisher wurde angenommen, dass unsere aufrechtgehenden Vorfahren sechs Millionen Jahre später in Afrika auftauchten.
Und was genau ist an dem Skelett so einzigartig?
Die relative Komplettheit und seine anatomischen Details. Der Fund selbst ist schon beachtlich, aber die Details sind einzigartig. Denn sie bezeugen: Udo konnte aufrecht gehen.
Sehen Sie Udo dann als Mensch oder Affe?
(lacht) Das kann ich nicht beantworten. Diese Frage wird noch Jahre offen bleiben, über die man verschiedener Meinung sein kann. Momentan gehen wir davon aus, dass es ein Menschenaffe ist. Ein gemeinsamer Vorfahr entweder von uns Menschen plus den Schimpansen oder sogar von Menschen, Schimpansen und Gorillas. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das noch nicht zu beantworten. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass Udo ein Mensch ist. Ganz ganz früher. Ein Vormensch sozusagen.
Hatten Sie schon einmal einen vergleichbar bedeutenden Fund?
Ehrlich gesagt nein. Ich habe schon ähnlich bedeutende Dinge untersucht, aber die Funde habe ich nie selber gemacht. Ich glaube, das ist schon ein Highlight in meiner Karriere.
Glauben Sie, dass Ihr Fund die menschliche Evolutionstheorie komplett verändern wird?
Ja, davon bin ich überzeugt. Die Reaktion meiner weltweiten Fachkollegen zeigt mir nicht nur das enorme Interesse, sondern auch die Spannung. Viele Kollegen, die zu mir kommen, sind wirklich elektrisiert. Ich denke, dieser Fund wird unsere Sicht auf die frühere menschliche Evolution neu ausrichten.
Interview: Franziska Konrad