Der Mann, der den FC Bayern erfand

von Redaktion

Eine Ära endet: Uli Hoeneß hat viele Gesichter, aber nur ein Ziel – das Wohl seines Clubs

VON HANNA RAIF UND STEFAN SESSLER

München – Das war’s! Nach 18 034 Tagen in verschiedensten Ämtern des FC Bayern wird Uli Hoeneß heute Abend um kurz nach 19 Uhr auf der Jahreshauptversammlung Servus sagen. Wenn der 67-Jährige das Podium in der Olympiahalle verlässt, scheidet nicht nur der Präsident des deutschen Rekordmeisters aus dem Amt, sondern tritt ein Unikat von der großen Bühne des deutschen Fußballs ab. Mit ihm geht ein Mann, den man ablehnen oder bewundern konnte, der aber niemandem egal war. Ein Unverwechselbarer, manchmal Unbelehrbarer, der seinem Stil stets treu blieb und dessen Wirken von Widersprüchen geprägt ist. Als Spieler trug er einst die Rückennummer 10 – zehn Schlagworte sollen ihn und seine große Karriere zum Abschied beleuchten.

1. Der Weltklassespieler

Kräftig, technisch versiert, athletisch, intelligent – und vor allem ehrgeizig: Das ist Uli Hoeneß als Spieler. Aus Ulm geht es für den Kapitän der Schülernationalmannschaft unter Trainer Udo Lattek mit 18 Jahren zum FC Bayern, zu dessen Erfolgsgeschichte der hungrige Angreifer entscheidend beiträgt. Hoeneß, Olympiateilnehmer 1972 und 35-maliger A-Nationalspieler, arbeitet den Fußball, spricht später von den Jahren mit drei Europapokal-Titeln, dem EM- und WM-Sieg über „einen Rausch“, in dem er das Glück hatte, dass ihm „der Ball nicht vom Fuß rollte“. Er läuft die 100 Meter in 11,0 Sekunden, wird zum Außenstürmer umgeschult. Seine Sternstunden: Das 3:3 gegen Dynamo Dresden 1973 – die erste Partie eines Ost-Clubs gegen einen West-Verein im Europapokal. Und das 4:0 im Wiederholungsspiel des Finales 1974 gegen Atletico Madrid. Unter anderem zwei Hoeneß-Tore sorgen für den Triumph, der beim FC Bayern eine Ära einläutet. Drei Meistercup-Erfolge hintereinander – das schafft Bayern nie wieder.

2. Der Sportinvalide

28. Mai 1975: Die Bayern gewinnen den Landesmeister-Pokal, die Karriere von Hoeneß erlebt den Anfang vom Ende. Im Spiel gegen Leeds verletzt sich Hoeneß schwer am Knie. Der gerissene Meniskus muss operiert werden, heute Routine – damals nicht. Ein halbes Jahr Pause, „immer ein dickes Knie, jeden Abend Umschläge mit Retterspitz, Eis oder Alkohol“, doch Hoeneß wird nicht mehr der Alte. Den entscheidenden Elfmeter im EM-Finale 1976 gegen die Tschechoslowakei verschießt er, „in Trance“, wie er später erzählt. Eine Leihe zum 1. FC Nürnberg (Transfersumme: 200 000 D-Mark) ist nicht von Erfolg gekrönt. Der Club steigt ab, Hoeneß beendet seine aktive Laufbahn. Irreparabler Knorpelschaden mit 27. Pech für ihn – Glück für den FC Bayern.

3. Der junge Manager

Fünf Jahre kein Meistertitel, sieben Millionen D-Mark Schulden: Das ist der FC Bayern, als Hoeneß 1979 zum jüngsten Bundesliga-Manager wird. Hoeneß, im Metzger-Betrieb von Mama und Papa am Eselsberg in Ulm groß geworden, tritt sein Amt selbstbewusst an. Finanzen und Fußball sind ihm nicht fremd: „Ich bin prädestiniert für diesen Beruf.“ Wie so oft hat er Recht. Quasi im Alleingang revolutioniert er den deutschen Fußball, er erkennt Trends und hat Visionen. An der Säbener Straße ist er an seinem ersten Tag nur kurz („ein paar Telefonate“), ab dann aber von morgens bis abends. Er wird zum Mister FC Bayern, ist Speerspitze wie Anwalt, Sprecher wie erster Fan. Auf dem Rasen installiert er das Duo Paul Breitner/Karl-Heinz Rummenigge, daneben generiert er Einnahmequellen. Marketing, Merchandising, Sponsoring – all das gibt es erst seit Hoeneß.

4. Der Bayern-Macher

Die Zahlen, die heute Abend präsentiert werden, sprechen für sich. Nach 40 Jahren unter Hoeneß kann der Bundesliga-Krösus einen Rekordumsatz von 750,4 Millionen Euro und einen Rekordgewinn nach Steuern von 52,5 Millionen Euro vorweisen. Weil Hoeneß – der zwischendurch einen Flugzeugabsturz überlebt – der Konkurrenz früh voraus ist, enteilt der FC Bayern national schnell. 20 Meisterschaften, elf Pokal-Siege, zwei Champions-League-Titel sowie der Gewinn des Weltpokals 2001 fallen in seine Zeit als Manager und Präsident, dazu der Bau der Allianz Arena. Bei der „Mutter aller Niederlagen“ 1999 weint er, zwei Jahre später erlebt er beim Sieg gegen Valencia in Mailand den vorläufigen Höhepunkt. Getoppt freilich vom Triple 2013, den letzten Titeln vor seiner Verurteilung wegen Steuerhinterziehung. Die Spieler drücken ihm den Henkelpott in die Hand, Hoeneß lehnt immer wieder ab.

5. Die Feinde

Es ist die Mutter aller Schlachten. Uli Hoeneß gegen Christoph Daum, live übertragen im ZDF-Sportstudio 1989. „Du hast gesagt, die Wetterkarte sei interessanter als ein Gespräch mit Jupp Heynckes.“ Daum, der damals Köln-Trainer war, sagt: „Richtig.“ Eine Sternstunde des Sportfernsehens, bei der man sieht, wie weichgespült heute vieles ist. So fängt alles an. Später verhindert Hoeneß Daum als Bundestrainer, indem er dessen Kokain-Konsum öffentlich macht. Weitere Lieblingsfeinde von Hoeneß, die Liste ist nicht vollständig: Hans-Joachim Watzke, Mesut Özil, Louis van Gaal, Lothar Matthäus („Der wird nicht mal Greenkeeper im neuen Stadion!“) und natürlich der frühere Werder-Manager Willi Lemke. Hoeneß ist ein Meister des Austeilens, aber er verzeiht auch leidenschaftlich gerne. Bei einem Glas Weißwein haben sich Hoeneß und Lemke vor ein paar Jahren versöhnt.

6. Der Samariter

Wann immer ein Bayern-Mitarbeiter – und inzwischen sind es mehr als 1000 – ein Problem hat, hat Hoeneß ein offenes Ohr. Er hilft, wo er helfen kann, im Kleinen und Unbeobachteten wie im Großen und öffentlich Wirksamen. An der Säbener Straße erzählt man sich von diversen Tricks, mit denen Fans, beispielsweise auf der Suche nach Tickets, von Hoeneß ferngehalten wurden. Hätte er jedem geholfen, der vorstellig wurde, hätte er keine Zeit mehr für seinen Manager-Job gehabt, sagt man augenzwinkernd. Sinnbildlich: Hoeneß 2003 im St.-Pauli-Retter-Shirt, als ein Benefizspiel 200 000 Euro in die Kasse des klammen Clubs spült.

7. Das Muttertier

Hoeneß ist zweifacher Vater – aber Vaterfigur bzw. Muttertier für zahlreiche andere Menschen. Wenn er den FC Bayern ab sofort wie „eine Glucke“ bewachen will, meint er das wörtlich. Jeder, der diesem, seinem Verein, versucht zu schaden, bekommt Gegenwind. Jeder, der diesem Verein angehört, Rückenwind. Lars Lunde etwa wohnte nach einem Autounfall 1989 für einen Monat im Hause Hoeneß in Ottobrunn, Sammy Kuffour nannte Hoeneß „Papa“ und dessen langjährige Sekretärin Karin Potthoff „Mama“. Das Zuhause von Hoeneß und seiner Frau Susi ist nicht nur eine willkommene Schafkopf-Spielstätte, sondern Anlaufstelle für alle, die reden wollen. Etwa Sebastian Deisler oder Franck Ribéry.

8. Der Moralapostel

Es gibt einen Auftritt, der alles abbildet. Hoeneß, der Rächer der Entehrten. Sabine Christiansen, 2007. Edmund Stoiber hat – nach einem wochenlangen CSU-Intrigen-stadl – gerade angekündigt, aus der Politik auszusteigen. Hoeneß gestikuliert, schimpft, schreit. Er ist auf dem Höhepunkt seines Talkshow-Schaffens. Auch Markus Söder sitzt in der Runde, damals Generalsekretär. Ihm fährt Hoeneß ins Wort: „Herr Söder, was reden Sie da? Die CSU braucht doch diesen Schmarrn nicht.“ Helmut Dietl gehört zu den Gästen, Claudia Roth, der Chef der „Bild am Sonntag“ und eine Ex von Kanzler Schröder. Aber Hoeneß ist der Mittelpunkt der Sendung. Wie so oft – bis er sich 2014 nach seiner Verurteilung von den TV-Shows zurückzieht. In der ARD-Hoeneß-Doku sagte er gerade, Talkrunden seien inzwischen langweilig. „Weil sich keiner wirklich traut, was zu sagen.“ Das könnte sich ändern: Hoeneß hat eine Einladung von Sandra Maischberger. Er will wieder in den Ring.

9. Der Steuersünder

Es ist der Einschnitt seines Lebens. Der Schatten, der seit der Hausdurchsuchung im März 2013 auf dem Leben von Hoeneß liegt. Das Münchner Oberlandesgericht verurteilt ihn zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe wegen Steuerhinterziehung von 28,5 Millionen Euro. Er nimmt in der Haft 20 Kilo ab, die Spiele der Bayern verfolgt er per Videotext. „Man kann dort wenigen Menschen trauen“, sagt er über die Zeit in Landsberg. „Im Gefängnis hat mich meine eigentlich gute Menschenkenntnis manchmal verlassen.“ Am 29. Februar 2016 kommt er wieder frei. Bayern gegen Mainz ist das erste Spiel, das er in der Arena sieht – nach 662 Tagen Abstinenz. Bayern verliert 1:2. Eine Nebensache, ausnahmsweise.

10. Der Bald-Rentner

Johannes Bachmayr, das ist ein Name, der Hoeneß durch einige schlaflose Nächte begleitet hat. Die Brandrede des Bayern-Mitglieds aus dem Kreis Erding – angemeldet unter der Wortmeldung „Kritik an der Vereinsführung“ – hat dem Präsidenten auf der Jahreshauptversammlung im vergangenen Jahr sichtlich zugesetzt. Ist das noch sein FC Bayern? Wo ist die Dankbarkeit? Der Respekt vor seinem Lebenswerk? Bachmayrs Worte waren nicht der Ausschlag für seinen heutigen Rückzug, aber ein großer Faktor in Hoeneß’ Überlegungen. Die Zeit ist gekommen. Offiziell ist Hoeneß ab morgen Rentner, Opa und Aufsichtsratsmitglied beim FC Bayern. Inoffiziell: Macher im Hintergrund, Ratgeber, Glucke – und erster Fan. Der rot-weiße Schal bleibt an.

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