Die Isental-Rebellen geben nicht auf

von Redaktion

Auch nach der Eröffnung bleibt die Isentalautobahn ein Streitthema. Jetzt geht es um den Lärm. Aufgrund der anhaltenden Anwohnerproteste hat die Regierung von Oberbayern Lärmmessungen versprochen. Ob nachgebessert wird, ist aber offen. Ein Besuch am Ort des Getöses.

VON NINA PRAUN

Dorfen – Es klappert. Dann rumst es laut, hallt nach, und klappert weiter. „So geht es die ganze Zeit“, sagt Isolde Freundl. Sie zeigt auf das riesige Bauwerk über ihr, eine monströse Betonbrücke auf gigantischen Pfeilern, die über das idyllische Flusstal der Lappach führt. Auf der Brücke fahren seit 1. Oktober Autos und Lkw auf der A 94 – oder poltern, genau genommen. „Und das ist noch nicht einmal der Berufsverkehr“, sagt Freundl. Sie seufzt. „Wir waren im Paradies. Und jetzt? Ist nichts mehr davon übrig.“

Viele freuen sich über den neuen Abschnitt der Autobahn 94 von Pastetten nach Heldenstein – andere, die nahe dran wohnen, weniger. Eine Delegation der Gegner hat sich unter der Lappachbrücke nahe Dorfen versammelt, um zu zeigen, wo ihrer Meinung nach Fehler gemacht wurden. Denn sie alle leiden unter dem Lärm, der über ihr Tal hinweg rumpelt. „Und der nie abreißt“, wie sagt Isolde Freundl sagt. „Nie!“

Ein gutes Dutzend Anwohner ist gekommen, genervt sind noch viel mehr: 2300 Unterschriften wurden schon gesammelt. Nicht, dass sie nicht gewusst hätten, dass durch die Autobahn Schluss mit der Stille im Isental sein würde – deshalb hatten sie auch von Anfang an gegen die Trasse gekämpft. Aber dass er sich nun so anhören soll, der Verkehrslärm, Tag für Tag, Nacht für Nacht, damit hätten nicht einmal sie gerechnet. Das sei nicht normal.

Kastulus Grundner zeigt auf einen großen Einschnitt am Unterbau der Brücke. „Darüber ist eine Dehnungsfuge eingebaut“, sagt er. „Wenn ein Lkw drüberfährt, hört sich das so an, als ob man auf ein Blech haut.“ Das sind also das „Rums“ und sein Echo. Und das Geklapper? Auf eine Asphaltschicht wurden Betonplatten gelegt, darüber kam dann ein spezieller Belag, der jedoch eingeschnitten werden musste, damit er sich unter Hitze nicht aufwirft – alle fünf Meter klappert es also.

Während die Anwohner gestenreich den Brückenaufbau erklären, wirken sie aufgebracht. Und gleichzeitig erschöpft. Seit Wochen schlafen sie schlecht, seit Wochen stresst sie der Lärm, sagen sie. „Wenn ich aus dem Haus trete, meine ich, der Lkw rumpelt direkt neben mir vorbei“, schimpft Grundner. „Es hört sich an wie ein Maschinengewehr.“ Sein Haus ist etwa 200 Meter von der Brücke entfernt. „Und nachts, die Raser: Da meint man, etwas explodiert!“ Alle nicken zustimmend. „Früher hat es geheißen: Dorfen, unser geliebtes Nest“, sagt Beate Gruber. „Damit ist es jetzt vorbei.“

Seit 1977 hatten sie gegen die umstrittenste Trasse Deutschlands gekämpft, gegen diese Trasse „Dorfen“, die kilometerlang durch Naturschutzgebiet führt. Und nun steht dort ein Bauwerk, das die Protestler nicht für den neuesten Stand der Technik halten. Flüsterasphalt sei ihnen versprochen worden, sagt Grundner. „Doch das ist auf keinen Fall Flüsterasphalt!“ Oder die Schallschutzwände. Hier an der Lappachbrücke gibt es zumindest Glaswände, die stehen nicht überall, doch: „Die sind vielleicht gerade mal zwei Meter hoch“, sagt Beate Gruber. „Die Lkw, die vorbeifahren, sind viel höher!“ „Diese Wände sind einfach nur Spritzschutz, mehr nicht“, fügt Ehemann Günther an. Der Vorwurf, der überall mitschwingt, ist, dass seitens der Isentalautobahn GmbH, die für Bau und Betrieb der Strecke verantwortlich ist, offenbar kein überbordendes Interesse an einem wirksamen Lärmschutz bestanden habe.

Gesetzlich gibt es recht wenig Vorgaben. Die Trasse führt durch den Außenbereich, hier gelten tagsüber 64 Dezibel und nachts 54 Dezibel als Lärmgrenze, im Durchschnittswert, wohlgemerkt – und der wird errechnet. „Dieses Gesetz macht den Lärm legal! Das muss unbedingt verschärft werden, auch wenn es für uns jetzt nichts mehr hilft“, schimpft Heiner Müller-Ermann.

Weil es aber Lösungen gibt, um den Lärm zu mindern, wollen die Anwohner nicht lockerlassen. Sie sammeln Unterschriften, wenden sich an Politiker, stellen Forderungen. „An der Landsberger Autobahn gibt es ein Tempolimit von 80 km/h für Pkw und 60 für Lkw. Warum denn bei uns nicht?“, fragt Gerhard Kressirer aus Hain. „An der Garmischer Autobahn stehen meterhohe Lärmschutzwände“, sagt Isolde Freundl. Sie zeigt auf Fotos auf ihrem Handy. „Warum bekommen wir die nicht? Das wäre doch das Mindeste.“ Das Mindeste, nach 40 Jahren Widerstand.

„Die größte Unverschämtheit ist, wenn es heißt, dass wir erst jetzt aufwachen“, sagt Heiner Müller-Ermann. Er war von Anfang an dabei, seit 1977, hat schon mit den Eltern und Schwiegereltern der meisten hier demonstriert. „Wir haben so viel Lebenszeit reingesteckt, so viel Nerven, so viel Geduld“, sagt Isolde Freundl. „Leider hat es nichts gebracht.“

Beim Bau der Autobahn nicht – in die Lärmfrage aber ist Bewegung gekommen. Landkreispolitiker haben den Protest in die Regierung von Oberbayern getragen – und Regierungspräsidentin Maria Els hat reagiert. Anfang der Woche erklärte sie auf Anfrage unserer Zeitung, dass die Lärmbelastung geprüft werden soll (wir berichteten). Und dieses Mal soll richtig vor Ort gemessen werden, nicht am Schreibtisch gerechnet. Sollte das neue Teilstück nicht dem Planfeststellungsbeschluss entsprechen, könnte nachgebessert werden, sagte Els. Auch ein Tempolimit wird geprüft. Ob und was am Ende wirklich passiert, ist aber völlig offen.

Übrig geblieben von 40 Jahren Widerstand sind bisher vierzehn Umzugskisten, voll mit Unterlagen. Die hat Müller-Ermann eingelagert. Wegschmeißen will er sie nicht. Er zuckt mit den Schultern und lächelt. „Vielleicht schreibt ja irgendwann einmal jemand eine Doktorarbeit darüber.“

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