Die Mozart-Stadt wird überrannt

von Redaktion

Salzburg zieht Touristen aus der ganzen Welt an. Nun wurde die Mozart-Stadt von einem der führenden Reiseführer als sehenswerteste Stadt 2020 ausgezeichnet. Ein Titel, der nicht jedem gefällt. Denn schon jetzt wird die Altstadt überrannt.

VON NATASCHA BERGER

Salzburg – Mit erhobenem Regenschirm steht eine Fremdenführerin in der Getreidegasse, der berühmtesten Straße Salzburgs. Während ihre Stimme im Lärm untergeht, entfernt sich eine Asiatin von der Gruppe. Sie fragt einen Mann in gebrochenem Englisch, ob er aus Salzburg komme. Als er nickt, zeigt sie ihm ein Handyfoto. Es ist das Foto einer Weißwurst. Der Salzburger lächelt. „Das ist eher eine deutsche Sache“, antwortet er auf Englisch. „Aber sie können es mal in einem Supermarkt probieren.“

In Salzburg kommen jeden Tag rund 140 Reisebusse an. Im Sommer und jetzt zur Weihnachtszeit sind es deutlich mehr. Allein eine Million Menschen besuchen den Christkindlmarkt am Dom, 70 Prozent der Besucher sind keine Salzburger. An diesem Samstag ist wieder das traditionelle Salzburger Turmblasen, am Sonntag singen Chöre und vier hübsche Christkindl ziehen über den Markt. Da klicken die Kameras.

Nun wurde Salzburg mit seinen 154 000 Einwohnern auch noch von Lonely Planet, einem der führenden Reiseführer, zum Top-Reiseziel 2020 gekürt. Eine tolle Auszeichnung, finden Stadttouristiker. Gemeinderat Markus Grüner-Musil sieht das anders.

Grüner-Musil, 47, sitzt in seinem Lieblingscafé „Bazar“ direkt an der Salzach. Hier kennt ihn jeder, der Kellner begrüßt ihn mit einem Schulterklopfen. Grüner-Musil ist Mitglied bei Österreichs Grünen und sagt: „Das hier ist die bürgerliche Seite.“ Die andere Seite liegt jenseits des Flusses. „Da drüben“, wie er es nennt, sind die Altstadt, die Getreidegasse und das Geburtshaus von Mozart. Es ist der Teil Salzburgs, der Touristen magisch anzieht.

Grüner-Musil betont, er sei kein Tourismus-Gegner. Aber er merke, wie sich die Stimmung bei den Einheimischen verändere. „Das beginnt mit der Überforderung, wenn man mit dem Fahrrad in die Arbeit muss. Da kommt man einfach nicht durch“, sagt der gebürtige Salzburger. „Ist das noch unsere Stadt oder haben wir sie als Schauobjekt abgegeben?“, fragt er und nimmt einen Schluck Espresso.

Touristen kommen wegen Mozart – und weil sie an den Drehorten des Films „Sound Of Music“ ein Foto schießen wollen. „Ein Bergpanorama, das einen vor Freude jodeln lässt“, heißt es im Lonely Planet. Neben dem 100-jährigen Jubiläum der Festspiele waren auch die barocke Altstadt und das Kulturangebot für die Auszeichnung ausschlaggebend. Salzburg erinnert an eine Märchenstadt, in der die Zeit stehen geblieben ist. „In der Altstadt wurde ja auch seit 30 Jahren nichts gemacht. Deswegen sieht es hier so schön aus“, sagt Grüner-Musil schulterzuckend.

Getan hat sich in der Altstadt trotzdem viel. Die Speisenkarten sind auf Englisch, Bildschirme zeigen Videos, was es in den Lokalen zu essen gibt. Souvenirläden und Modeketten wechseln sich ab, Gespräche werden in allen möglichen Sprachen geführt. Nur Salzburger Dialekt hört man hier kaum. 6,5 Millionen Tagestouristen kamen 2007. So die letzte offizielle Zahl. Über zehn Jahre später ist sie wahrscheinlich höher. „6,5 Millionen Tagestouristen auf 150 000 Einwohner. Die Proportion stimmt bei uns schon lange nicht mehr“, sagt Grüner-Musil.

In der Tourismus Salzburg GmbH (TSG) sorgt die Auszeichnung des Reiseführers für Jubel. Klemens Kollenz, 36, ist Marketing-Manager bei der TSG und sagt: „Das ist ein tolles Zeichen für die Qualität unserer Stadt.“ Immerhin sei Salzburg auch wegen der Festspiele ausgezeichnet worden. „Und die ziehen genau den Gast an, den wir haben wollen. Einen Qualitätsgast, der ausgabebereit ist.“

Qualitätsgast. Der Begriff geht Grüner-Musil schwer über die Lippen. „Wer in solchen Kategorien denkt, kann sich das Thema Gastfreundschaft original an den Hut stecken“, sagt er. Die Auszeichnung habe ihn sehr geärgert. Im Lonely Planet stehen fünf Seiten über Salzburg. Davon drei Seiten Fotostrecken und zwei Seiten Text. „Der Reiseführer ist ganz klar für eine junge Zielgruppe. Wo mache ich die besten Selfies? Dass die führenden Herrschaften uns das als Qualitäts-Reiseführer verklickern wollen, geht an der Realität vorbei.“

Es ist Nachmittag. Die Sonne hat sich verabschiedet, ein frischer Wind weht durch die Getreidegasse. Inmitten des Geruchs gebrannter Maroni sammeln sich immer mehr Reisegruppen vor dem Geburtshaus Mozarts. Rein geht kaum jemand. Ein Foto vor dem gelben Gebäude reicht. Ruhig sei es heute, sagt der grüne Gemeinderat. Er meint es ironisch. Ruhig heißt: Es geht zu wie in Münchens Fußgängerzone kurz vorm Heiligen Abend.

Für Klemens Kollenz hält der Tourismus die Stadt am Leben. Er wohnt in der Altstadt und weiß, dass es da schon zugehen kann. Im Salzburger Kongresshaus erzählt er von Lösungen, an denen die TSG arbeitet. Im kommenden Jahr sollen die Besucherströme untersucht werden, um Entzerrung zu schaffen. Wer kommt, wer geht, wo gibt es Ballungszentren? Eine App zeigt an: An dieser Sehenswürdigkeit ist gerade viel los, geh’ lieber woandershin. Auch an „alternativen Routen“ wird gearbeitet. Je nach Interesse wird dem Gast ein Weg abseits der bekannten Straßen angezeigt.

Grüner-Musil grinst, als er das Wort Entzerrung hört. „Salzburg ist so klein, wo sollen die Leute denn hin?“ Ginge es nach ihm, würden die Probleme anders angegangen. „Eine Strategie darf nicht alleine von jenen entwickelt werden, die finanziell immer vom Tourismus profitieren.“ Die Frage, wie Salzburg in zehn Jahren aussehen soll, müsse an den Einheimischen festgemacht werden. Lebensraum und touristisch genutzter Raum sollten wieder gleich relevant sein. Ende der 80er-Jahre, erzählt der Gemeinderat, habe es in dem Viertel Altstadt/Mülln bei der Kommunalwahl rund 35 000 Wahlberechtigte gegeben. Jetzt im März waren es knapp 1000. „Die Menschen leben dort nicht mehr“, sagt er. Sprich: Das, was die Touristen so lieben, ist im Grunde eine leere Barock-Kulisse.

Die Touristen sind trotzdem begeistert und schießen alle paar Meter ein Foto. Die Studentinnen Ainy und Dona aus Kanada, beide 26, bleiben zwei Nächte. „Salzburg hat all unsere Erwartungen übertroffen. Die Stadt ist so sauber, die Leute so freundlich“, sagt Dona. „Total entspannt im Vergleich zu Berlin.“

Das ist natürlich Geschmackssache. Hildegard R., 73, steht in der Getreidegasse und macht den Weg für einige Touristen frei. „Ich bin heute schnell in die Stadt gefahren, um einzukaufen“, sagt die Salzburger Rentnerin. Aber das artet oft in Stress aus. „Im Sommer kann ich das nicht so einfach machen. Ganze Kolonnen laufen dann hier durch die enge Gasse.“

Eng kann es auch im Frühling, im Herbst und im Winter werden. Denn ein Reisebus kommt nie alleine, schon gar nicht in Salzburg.

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