Die Rückkehr der Bockerlbahn

von Redaktion

Es ist eine Zeitreise der besonderen Art: Vier Männer aus der Hallertau bauen die stillgelegte Bockerlbahn originalgetreu wieder auf – im Miniaturformat. Ihr Hobby bringt auch fast vergessene Geschichten zurück ans Licht.

VON FRANZISKA KONRAD

Zolling – Schrill pfeift es und weißer Dampf steigt auf, als die große schwarze Lok der Bockerlbahn in der Bahnstation von Unterzolling einfährt. Seine Arme auf dem Rücken verschränkt, steht ein Schaffner in typisch dunkelblauer Fünfzigerjahre-Uniform vor dem Bahnhofshäuschen. Eine Frau mit rotem Kopftuch, den Koffer in der Hand, wartet am Bahnsteig. Die Szene aus vergangenen Zeiten konnte man am Wochenende in Zolling im Landkreis Freising bewundern. Allerdings etwas verkleinert, im Maßstab 1:87.

Die Hände in den Hüften steht Manfred Lohr, 48, im Zollinger Gemeindehaus. Zufrieden betrachtet er sein Werk: Eine 45 Meter lange Modelleisenbahnanlage, auf der Lohr die historische Hallertau zum Leben erweckt. Vor etwa 15 Jahren begann der Mann aus Rudelzhausen mit drei Freunden, die Gegend rund um die stillgelegte Bockerlbahnstrecke Stück für Stück nachzubauen. „So wollen wir unsere Heimat lebendig halten“, erklärt Lohr, der Vorsitzende des Vereins „Bockerl fahr zua“.

Die Bockerlbahn, erklärt Lohr, hat ihren Namen der zum Teil sehr bergigen Strecke zu verdanken. Oft führte diese steil hinauf – dort blieben die Loks nicht selten stehen, „bockerlten“ herum.

Die originale Eisenbahnroute führte erst von Rohrbach nach Mainburg. Mit einem hübsch geschmückten Bockerlzug wurde sie 1895 eingeweiht. 1909 folgte dann der zweite Abschnitt von Mainburg nach Freising. 60 Jahre später stellte die Deutsche Bahn den Personenverkehr ein, 1995 auch den Güterverkehr. „Die Leute fuhren immer öfter mit ihrem Wagen. Es hat sich einfach nicht mehr rentiert“, sagt Lohr, der Entwickler bei BMW ist.

Seit vielen Jahren basteln Lohr und seine Spezln Modellbahnanlagen, präsentieren sie auf Ausstellungen. Eines Tages scharten sich die Leute um den Nachbau eines Hallertauer Bahnhofs. „Die sind drumherum gestanden, begannen, über ihre Kindheit zu reden und sich auszutauschen“, sagt Lohr. Viele von ihnen waren früher mit dem Bockerl gefahren, einige jeden Tag in die Schule. Groß war die Verlockung, während der Fahrt die kleinen Gesichter aus den Fenstern zu strecken – dann kamen die Schüler verrußt am Schulhaus an.

All diese Erinnerungen bekräftigten Lohr, die Hallertauer Bockerlstrecke wieder zum Leben zu erwecken. Als Vorlagen brauchten die Eisenbahnfreunde alte Fotografien. „Überall sprachen wir Menschen an und fragten nach“, erzählt Lohrs Mitstreiter Günter Schreiner, 52. Eines Tages hörte Schreiner von einem Hamburger namens Lorenz. Der besäße angeblich viele Bockerlfotos. Schreiner schnappte sich das Telefonbuch, telefonierte alle „Lorenz“ durch – bis er den Gesuchten an der Leitung hatte. Der Lohn: viele viele Fotos der alten Bockerlbahn.

Immer mehr Material kam zusammen. Tausende Fotos – und Erinnerungen von etwa einhundert Zeitzeugen. Ein Ehepaar lernte sich bei einer Zugfahrt kennen. „Ohne das Bockerl hätte es mich nicht gegeben“, erzählte der Sohn. Eine andere Zeitzeugin berichtete von den Zupfern, die im Sommer als Helfer zur Hopfenernte mit dem Bockerl anreisten und von neugierigen Kindern am Bahnhof empfangen wurden.

Auch dramatische Geschichten sind überliefert: Einmal setzte sich eine Zweijährige aufs Gleis. Plötzlich näherte sich ein Bockerl. Flink duckte sich das Mädel ab – der Zug rollte über sie hinweg, das Kind blieb unverletzt. Auch eine verwirrte Frau setzte sich einmal auf die Schienen – um sich auszuruhen. Im Schneckentempo kroch ein Bockerl den Berg hinauf. Der Lokführer hielt an, stieg aus, führte das Mutterl vom Gleis weg. Ihr Kommentar: „Ihr hättet ja außen herumfahren können!“

Manche Anekdote ist in die detailverliebte Modellanlage eingeflossen, etwa Szenen der Ernte im größten Hopfenanbaugebiet der Welt. Vor hohen grünen Ranken steht ein langer Tisch. Riesige Krüge und Schalen mit Essen sind darauf platziert. Mittendrin: Eine Frau mit blauer Schürze und Kopftuch, die das Essen an die Arbeiter verteilt. Lohr geht die Anlage entlang, zeigt nach links und rechts. Zu allem hat er etwas zu erzählen. Zu dem Bauernhof, der genauso in den Fünfzigerjahren in der Hallertau stand, oder zu den nur wenige Zentimeter großen braunen Hopfensäcken, welche die Eisenbahnfreunde extra anfertigen ließen.

Das Hobby der Eisenbahnfreunde ist mehr als zeitintensiv. Denn abgesehen von den Bäumen und Begrünungsanlagen basteln die vier alles selber. Allein an dem acht Meter langen Modul vom Woizacher Bahnhof hat Günter Schreiner vier Jahre gearbeitet. „Etwa 1500 Stunden stecken da drin“, erzählt er nicht ohne Stolz. Und natürlich kostet das alles viel Geld. Der Verein finanziert sich aus eigener Tasche. Ab und an wird er auch von Spendern unterstützt.

Manfred Lohr kennt die Bahn selbst aus Kindheitstagen. Als Achtjähriger stand er mit Freunden am Enzlhauser Bahnhof. „Plötzlich kam ein Schienenfahrzeug zur Streckenkontrolle hergefahren“, erzählt er. „Wir haben gleich gefragt, ob wir mitfahren dürfen.“ Der Lokführer ließ die Buben einsteigen. Lohr war auch bei der letzten Fahrt der Bockerlbahn dabei. „Die Dampflok fand ich beeindruckend. Damals wusste ich aber noch nicht, dass ich das Bockerl selbst mal nachbaue“, sagt er und grinst.

Einen Teil ihrer Modelle haben die Eisenbahnfreunde am Wochenende in Zolling aufgebaut. Darunter die Bahnhöfe Haag, Zolling, Figlsdorf – und ein altes Herrenhaus. Das stattliche Gebäude, längst abgerissen, hat Günter Schreiner rekonstruiert. Eine alte Dame, die einst gegenüber wohnte, half ihm. „Jetzt sieht es genau so aus wie auf dem Foto, da bin ich schon stolz drauf“, sagt Schreiner.

Von der Originalbahn existiert nicht mehr viel. Abgesehen von einzelnen Abschnitten sind die Schienen abgebaut. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Bockerl eines Tages in die Hallertau zurückkehren könnte, sehen die Eisenbahnfreude daher „gegen Null“. Den Lohn für ihr Hobby ernten die Hallertauer auf den Ausstellungen. „Eine alte Dame hat lange den Hopfengarten fixiert“ erzählt Schreiner. „Dann kam sie ins Erzählen von ihrer Kindheit im Hopfengarten und ihre Augen leuchteten.“ Das sei es, was sie antreibe, sagt Lohr. „Wenn wir es mit einem Modell schaffen, die Menschen in ihre Vergangenheit zurückzuversetzen, das ist ein tolles Erlebnis.“

Bald haben sie alle Bahnstationen nachgebaut. „Aber es gibt noch genug zu tun“ sagt Lohr. „Eine Brauerei geht uns zum Beispiel noch ab.“ Die Bockerlbahn ist zur Lebensaufgabe geworden. „Wir machen weiter, solange es geht“, sagt Schreiner. Dann wendet er sich wieder der Anlage zu.

Weitere Informationen

über die Bockerlbahn und den Verein gibt es im Internet unter: www.bofz.de

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