München verbannt die Böller

von Redaktion

Immer mehr Kommunen in Deutschland verbieten das Silvester-Feuerwerk in den Innenstädten. Jetzt hat auch München reagiert: Rund um den Marienplatz sind Böller und Raketen heuer streng verboten. Stadt und Polizei sehen keinen anderen Ausweg, um die Sicherheit der Menschen zu schützen.

VON S. SESSLER, W. HAUSKRECHT UND S. KAROWSKI

München – Der kleine Flecken Erde, von dem der Polizist Norbert Radmacher erzählt, scheint so was wie ein unzivilisiertes Kriegsgebiet zu sein. Ein Ort der Extreme und des Ausnahmezustands. „Es gab zuletzt Gehörstürze, Schürfungen, Trommelfellrisse und Augenverletzungen“, sagt er. „Menschen haben sich gegenseitig beschossen.“ Und: „Einsatzkräfte wurden gezielt mit Raketen beschossen.“ 8000 Menschen haben sich beim letzten Mal auf engstem Raum getroffen, viele betrunken, manche enthemmt. Radmacher ist Münchens Polizeivizepräsident. Er sagt: „Wir können von Glück sagen, dass nicht mehr passiert ist.“ Der Tatort ist gar nicht weit weg; jeder, der diese Zeilen liest, war schon mal dort. Es ist der Marienplatz in München. Der Marienplatz an Silvester.

In den letzten zwei, drei Jahren ist die Situation so sehr eskaliert, dass Stadt und Polizei die Notbremse ziehen. In Teilen der Fußgängerzone in der Altstadt wurde zum Jahreswechsel jetzt ein komplettes Feuerwerksverbot verhängt. Betroffen sind der Marienplatz und die angrenzenden Straßen, die Kaufingerstraße und der Stachus. „Die Kombination aus enger Bebauung, dicht gedrängt stehenden Menschen, Alkohol und Pyrotechnik führte dazu, dass man sich nicht mehr sicher sein konnte, den Jahreswechsel im Herzen Münchens unbeschadet zu überstehen“, sagte Thomas Böhle, der Chef des Kreisverwaltungsreferats, gestern auf einer Pressekonferenz. Böllern und Raketen geht es gerade an den Kragen. Das ist in vielen Städten und Gemeinden in der Region so (siehe unten), aber auch in vielen Großstädten in Deutschland.

Vier Wochen vor Silvester hat auch Deutschlands zweitgrößte Stadt Hamburg wegen Sicherheitsbedenken ein Böllerverbot für wichtige Teile seiner Innenstadt angekündigt. Zuletzt hat es durch unsachgemäßen Gebrauch von Feuerwerk mehr Verletzte gegeben, die Polizei stellte zudem vermehrt aggressives Verhalten fest. Auch rund um den Stuttgarter Schlossplatz ist privates Feuerwerk aus Sicherheitsgründen verboten. „Die Gefährdungslage an Silvester im Stadtinneren nimmt seit ein paar Jahren zu“, sagte Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne). In Köln ist das Böllern in diesem Jahr wie in jedem Jahr seit 2016 rund um den Dom verboten. Die Sicherheitsmaßnahme ist eine Folge der Silvesternacht 2015, in der es neben zahlreichen sexuellen Verbrechen auch massenhaften Beschuss mit Feuerwerkskörpern in der Gegend gab. Berlin verbietet vor allem zum Schutz von Polizisten und Feuerwehrleuten, Böller und Feuerwerk neben dem Gelände der zentralen Feier am Brandenburger Tor erstmals auch auf dem Alexanderplatz.

133 Millionen Euro haben die Deutschen im vergangenen Jahr für Feuerwerk ausgegeben. Dabei jagen sie nach Angaben des Umweltbundesamts rund 4500 Tonnen Feinstaub in die Luft – das entspreche in etwa 15,5 Prozent der im Jahr durch den Straßenverkehr verursachten Feinstaubmenge oder 2,25 Prozent aller Feinstaub-Emissionen in Deutschland, schreibt die Behörde.

Dazu kommen rund 8000 Verletzte, von denen laut Umweltbundesamt ein Drittel durch Verbrennungen oder Knalltrauma bleibende Schäden an Haut, Augen oder am Gehör behalten.

Die Feuerwerksindustrie kritisierte, dass die Deutsche Umwelthilfe wie auch das Umweltbundesamt mit unseriösen Zahlen argumentiere, die lediglich auf Modellierungen und Schätzwerten beruhten. „Der reale Feinstaubausstoß von Feuerwerk – und das wird bislang verschwiegen – wurde von keiner der beiden Parteien jemals gemessen“, sagte Klaus Gotzen vom Verband der pyrotechnischen Industrie. Auch sei der von Feuerwerk freigesetzte Feinstaub wasserlöslich und werde vom Körper daher leichter aus der Lunge entfernt als etwa Rußpartikel aus Dieselmotoren.

Man muss kein Prophet sein: Diese Diskussion wird in den nächsten Jahren noch an Fahrt aufnehmen. Verbotsdiskussionen enden in Deutschland nie mit Lockerungen, sondern stets mit verschärften Regeln. Rund um den Marienplatz werden 55 Schilder mit dem Text „Feuerwerk verboten!“ aufgestellt werden. Wer in der Verbotszone trotzdem Feuerwerk abbrennt, abschießt oder auch nur mit sich trägt, dem droht eine Geldbuße von bis zu 1000 Euro.

Der Marienplatz ist das eine, aber es wird in der Landeshauptstadt aus Umweltschutzgründen noch eine Verbotszone geben. In der Umweltzone innerhalb des Mittleren Rings sind Silvesterknaller und Böller „mit ausschließlicher Knallwirkung“ am 31. Dezember und am 1. Januar verboten.

München macht Ernst – und es ist ein Thema, das die Menschen umtreibt. „Ich erhalte dazu tatsächlich das ganze Jahr über viele Zuschriften“, sagt Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). „Die meisten Menschen sprechen sich ganz generell gegen Feuerwerk und Böller aus.“ Er kann sich vorstellen, dass in Zukunft nur noch ein zentrales Feuerwerk oder eine Lasershow stattfindet. Aber nur, wenn es „dann das private Feuerwerk ersetzen würde“, sagt Reiter. „Aus ökologischer Sicht wäre es ja Wahnsinn, wenn wir als Stadt zu den privaten Böllern noch ein zusätzliches Feuerwerk veranstalten.“

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