München – Unverkennbar: Hier singt ein Jahrhunderttalent. Erst zart, dann selbstbewusst und fordernd breitet sich Whitney Houstons mächtige Soulstimme über Pianoakkorden aus – bis ein schmatzender Beat den Gospel in mitreißendes Diskothekenfutter verwandelt. Das Lied „Higher Love“ war eine kleine Sensation, als es im Sommer erschien. Eine Sensation, die die Sängerin nicht mehr erlebte. Denn Houston war da schon sieben Jahre tot, der Song bereits 1991 eingesungen und nur in kleiner Auflage in Japan veröffentlicht worden. Der Remix des norwegischen DJs Kygo wurde dennoch ein Hit – oder: gerade deswegen.
Wer sich das Lied auf der Plattform Youtube anhört, findet in der Kommentarleiste unzählige Liebesschwüre: „Fühlt sich an, als hätte sie uns nie verlassen“, schreibt ein User. „Das ist ein verdammt gutes Gefühl.“ Und ein anderer konstatiert: „Sogar im Tod ist Whitney besser als die meisten Künstler von 2019.“
Es scheint, als berührten uns die Stimmen aus dem Jenseits ganz besonders – als werde beim Wiederhören der für immer verstummt geglaubten Sängerin sogar regelrechte Trauerarbeit geleistet. Warum ist das so?
Manuel Menke hat eine Erklärung. Der Kommunikationswissenschaftler an der LMU beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Mediennostalgie. „Die Beziehung zu einem Star ist logischerweise keine, die auf direktem Kontakt beruht, sie ist medienvermittelt“, sagt er. Diese sogenannte parasoziale Beziehung ändere freilich nichts an der Gefühlsintensität. „Die Direktheit, mit der Musik Menschen berührt und Erinnerungen auslöst, ist vielleicht sonst nur mit der von Gerüchen und Geschmäcken zu vergleichen – man erinnert sich an den Song, der beim ersten Kuss lief. Die musikalische Prägung trägt durchs ganze Leben.“ Wenn der Mensch sterbe, der uns in der Jugend vom Poster an der Wand entgegenlächelte, sei das eben auch ein Verlust, den man bewältigen müsse, so Menke. „Und wenn die Stimme wieder auftaucht, wird die Erinnerung wachgerufen.“
Mitunter läuft es aber auch genau andersherum: Als am Dienstag der Tod von „Roxette“-Sängerin Marie Fredriksson bekannt wurde, wurde die Erinnerung an ihre Musik wieder ins kollektive Gedächtnis katapultiert, fluteten Trauerbekundungen die sozialen Netzwerke. Die Bildzeitung titelte stellvertretend für eine ganze Generation: „Ohne Roxette hätten wir alle nur halb so viel geknutscht.“
Wir hören von den Toten auch deshalb viel Neues, weil sie selbst dafür gesorgt haben. Der Liedermacher Leonard Cohen etwa hinterließ 2016 im vollem Bewusstsein seines nahen Ablebens Songs, die sein Sohn Adam fertigstellen sollte. Gerade ist die LP „Thanks for the Dance“ erschienen – die begeisterten Kritiker empfingen das Vermächtnis des alten Mystikers wie Manna vom Himmel. Ähnlich machte es Freddie Mercury, der sich im Wissen um seinen bevorstehenden Aids-Tod 1990 mit erstaunlicher Verve in neue Aufnahmen stürzte, die dann fast zeitgleich mit seinem Dahinscheiden 1991 als das Album „Innuendo“ erschienen. Auch David Bowies Schwanengesang „Blackstar“ erschien Anfang 2016 nur zwei Tage vor dem Tod des Künstlers. Die meisten Fans hörten das Album wie einen Gruß aus dem Jenseits – und sollten das wohl auch.
So selbstbestimmt wie in diesen Fällen läuft es nicht immer ab. Denn spätestens mit dem Tod wird der Künstler zur Marke. Die Musikindustrie macht sich das zunutze – und mit dem Nachlass der Stars Kasse. Elvis Presley verkaufte 2018 – vier Jahrzehnte nach seinem Tod – noch etwa eine Million Alben. Seit dem Tod von Frank Zappa 1993 sind unter seinem Namen 52 Platten erschienen – die Neuste, „Hot Rats Sessions“, kommt pünktlich zum Weihnachtsgeschäft raus. Ob der Kontrollfreak Zappa das gewollt hätte, darf bezweifelt werden. In der vergleichsweise kurzen Zeit seit David Bowies Tod hat das Label gut 40 Tonträger des Sängers wiederveröffentlicht.
Immerhin sind die Archiv-Alben heute zumeist hochwertig. Als Österreichs Goldjunge Falco im Februar 1998 in der Dominikanischen Republik gestorben war, warf man die CD, an der er gerade gearbeitet hatte, auf den Markt, aufgemotzt mit Songs, die zum Teil einige Jahre alt waren. Es folgten diverse lieblos aufgemachte Best-ofs. Und auch aus Amy Winehouses schmalem Oeuvre wird nach dem Tod der tragischen Diva herausgequetscht, was geht.
„Jede Art von Kulturindustrie plagt sich mit dem Problem der Unsicherheit“, erklärt Benjamin Krämer, wie Menke am Institut für Kommunikationswissenschaften der LMU. „Es müssen unglaublich viele Bücher, Filme, Alben auf den Markt kommen, damit einige davon ein Publikumserfolg werden.“ Dabei seien die Unternehmen auf Strategien angewiesen, Erfolg planbarer zu machen. Eine dieser Strategien sei eben, auf tote Stars zu setzen. „Durch die technische Entwicklung wird es auch wahrscheinlicher, dass noch verwertbares Material vorliegt, und das kann für neue Produkte genutzt werden. Warum sollte man es also verkommen lassen?“
Welche Dimension das Geschäft mit der Nostalgie hat, sieht man an Jamie Salter. Der Chef der „Authentic Brands Group“ hält ganz oder teilweise die Medienrechte an Marilyn Monroe, Elvis Presley, Muhammad Ali und Michael Jackson. Im Jahr spülen ihm die verblichenen Stars 500 Millionen Dollar in die Kasse. Salters Kollege Jeff Jampol vermarktet etwa Jim Morrison, Kurt Cobain und Janis Joplin. Was er treibe, sei popkulturelles Vermächtnis-Business, sagte er dem britischen „Guardian“. „Wenn ihr denkt, es geht hier um Musik, dann liegt ihr falsch. Mit dieser Logik könnte man auch behaupten, die Magie von James Dean sei von seiner schauspielerischen Leistung ausgegangen.“
Der zweite Aspekt, der in der Kommentarleiste zu Whitney Houstons „Comeback“ von den Toten auffällt, ist die Unzufriedenheit mit der heutigen Musik. „Sogar im Tod ist sie besser als die meisten Künstler von 2019.“ Wirklich? Tatsächlich gibt es keine Megastars wie Michael Jackson, Madonna oder Prince mehr. Die kannte in den Achtzigern sogar Oma Erna, weil sie bei „Wetten, dass…?“ auftraten oder auf Bayern 3 liefen. Heute sind „ältere“ Hörer durch die Vielfalt und den Wandel der Plattformen von den Trends zunehmend abgeschnitten. US-Rapper Drake etwa ist mit 28 Milliarden Spotify-Streams in diesem Jahrzehnt der unangefochtene Superstar – aber dass hierzulande Menschen über 45 den Mann kennen, geschweige denn ein Lied von ihm pfeifen können, ist alles andere als wahrscheinlich.
Auch die Unzufriedenheit sei Teil der Mediennostalgie, sagt Manuel Menke. Denn Nostalgie habe viel mit dem Verlust alter Sicherheiten zu tun, auf denen unsere Identität aufbaut. Musik aus der Vergangenheit sei deshalb von so großer Bedeutung, weil die Gegenwart so oft als fremd und überfordernd wahrgenommen werde. „Deswegen berühren uns die alten Stimmen so: weil sie ein Gefühl von Kontinuität herstellen.“ Daraus speist sich dann auch die Animosität gegen das Neue: Nur noch Hip-Hop überall, wo ist die gute Gitarrenmusik, wo ist der melodische Pop? Können die heute überhaupt Instrumente spielen oder drehen die nur an Knöpfen? Können die noch singen oder benutzen die nur noch die Stimmkorrektur „Autotune“? Es ist letztlich ein typischer Generationenkonflikt.
Dennoch betont Menke das kreative Potenzial von Nostalgie. „Wenn sie sich nicht erschöpft in dem Wunsch ,Wir wollen zurück in diese Zeit, weil heute alles blöd ist‘, dann hat Nostalgie ein inspirierendes, positives Element.“ Das ist der Fall, sobald man sich darauf einlässt, dass Zeit auch Wandel bringt. Dann kann man durchaus sagen: „Es ist zwar schade, dass bestimmte Dinge nicht mehr so sind, aber das inspiriert uns auch dazu, die Gegenwart und die Zukunft zu gestalten.“
In diesem Sinne können wir getrost in der Vergangenheit schwelgen. Und so traurig die Aussicht auch sein mag, der Stoff für Nostalgie wird so schnell nicht ausgehen. Wenn man sich bewusst macht, wer von den klassischen Popstars noch lebt: Mick Jagger, Paul McCartney, Stevie Wonder, Ozzy Osbourne. Tina Turner. Die Nachrufe auf die Giganten liegen womöglich schon in den Schubladen der Feuilletons. Und die Marketingmaschine ist gut geölt.
Nirgendwo sieht man das besser als an Whitney Houston: Das Jahrhunderttalent soll wieder auf Tour gehen – als Hologramm. Das hat Schwägerin und Ex-Managerin Pat Houston der „New York Times“ verraten. Das Ebenbild der Sängerin sei bereits in Entwicklung. Es soll Hits wie „I Wanna Dance With Somebody“ performen. Und ein neues Album mit unveröffentlichten Aufnahmen sei auch geplant. Selbstverständlich.