Die Müllfrauen von Abobo

von Redaktion

Einheimische wie Mariam sammeln Tag für Tag den Abfall, der an die Strände geschwemmt wird

Abodo – Noch vor Sonnenaufgang treffen sich Mariam (35) und ihre Freundinnen in Abobo, einem Vorort von Abidjan in der Elfenbeinküste. Ihre Kinder schlafen noch in den einfachen Hütten und Häusern. Sie müssen sich selbst ihr Frühstück machen, bevor es in die Schule geht.

Mariam, Rosalie, Aminata und Adele arbeiten seit über zehn Jahren zusammen. Im Müllgeschäft sind sie schon seit ihrem 15. Lebensjahr, also seit 20 Jahren. Sechs Tage die Woche kommen sie zusammen, um am Strand und in den Straßen Müll zu sammeln. Das ist ihr Beruf, Müllsammlerin. Sie alle haben keinen Schulabschluss, versuchen, sich durchzuschlagen. Ihre Männer arbeiten als Taxifahrer, als Hilfskraft auf Baustellen oder sie verkaufen den Ertrag ihrer kleinen Felder auf dem Markt. Das Einkommen reicht zum Überleben. Für mehr aber nicht.

Trotzdem schauen die Frauen von Abobo optimistisch in die Zukunft. Sie hoffen auf bessere Verdienstmöglichkeiten, wenn sie ihren Müll für einen fairen Preis an „Conceptos Plasticos“ verkaufen können. Das kolumbianische Unternehmen baut derzeit in einem Industriegebiet am Rand von Abidjan seine Fabrik. 30 Mitarbeiter sollen dort künftig dafür sorgen, dass aus verschiedensten Plastikabfällen Bausteine entstehen. Und dass Mariam und ihre Kolleginnen so bezahlt werden, dass sie ihren Kindern eine gute Ausbildung finanzieren können.

„Das neue Projekt wird uns sehr helfen, da bin ich mir sicher“, sagt Mariam. Drei ihrer vier Kinder sind in der Schule. „Sie werden es vielleicht einmal schaffen, einen guten Beruf und ein schönes Zuhause zu haben.“ Noch muss Mariam ihre gesammelten Plastikabfälle auf dem Markt an Händler verkaufen, die ihr weniger als den in der Elfenbeinküste vorgeschriebenen Mindestlohn von 25 Euro in der Woche zahlen. Die meisten der Müllsammlerinnen gehen mit einem Einkommen zwischen acht und 15 Euro die Woche nach Hause. „Bei conceptos werden wir fair bezahlt werden“, ist sich die 35-Jährige sicher. Ihr Einkommen verwendet Mariam für die Schuldbildung ihrer Kinder, ein Teil kommt in eine Gemeinschaftskasse. Die Müllsammlerinnen haben ein Netzwerk gegründet. 200 Frauen gehören inzwischen zu „The Fighting Women“. Jede hilft der anderen. Zum Beispiel bei Krankheit. Kann ein Mitglied ein paar Tage nicht arbeiten, bekommt es trotzdem so viel Geld, dass die Familie nicht hungern muss. Das Krankengeld wird aus der Gemeinschaftskasse bezahlt.

Rosalie (37), Mutter von zwei Kindern, sagt: „Wir halten zusammen, beim Arbeiten und wenn eine von uns krank ist. So können wir alle ein bisschen besser leben.“ Sie kümmern sich auch um Frauen, die bislang kein Netzwerk haben. „Wir wollen Perspektiven schaffen, zeigen, dass es Möglichkeiten gibt, etwas zu ändern“, erklärt Adele (38). Ihre beiden Kinder besuchen ebenfalls die Schule. „Ich weiß, dass sie es einmal besser haben, mit dem neuen System werde ich mehr verdienen und kann ihnen eine weiterführende Schule bezahlen.“

Die Müllfrauen von Abobo hoffen, bis zu acht Euro am Tag bei Conceptos Plasticos zu verdienen. „Dann bin ich ja reicher als mein Mann“, scherzt Rosalie. „Und er wird mich künftig fragen müssen, ob ich ihm etwas geben kann.“ Adele möchte ein Haus für Straßenkinder bauen, Aminata sich ein Moped kaufen – und Mariam ein gebrauchtes Auto, damit ihr Mann als Taxifahrer arbeiten kann. „Mit diesem Projekt bekommen wir alle eine Zukunft“, sagt Rosalie. DORIT CASPARY

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