Abidjan – Man sammelt den Plastikmüll an den Stränden der Ozeane, reinigt und zerkleinert ihn, schmilzt ihn an, presst Bausteine daraus – und baut in einer Art Legosystem in wenigen Tagen nahezu unverwüstliche Häuser. Was einfach und genial klingt, gibt es tatsächlich. Das kolumbianische Ehepaar Oscar und Christina Mendez hat die Technik entwickelt – und die Konzerne der Welt stehen inzwischen Schlange, um das patentierte Konzept umsetzen zu dürfen. Aber nur ein Projekt hat Oscar und Cristina bisher überzeugt.
Aboubacar Kampo, der ehemalige Unicef-Chef der Elfenbeinküste, stieß beim Surfen im Internet auf das Sozialunternehmen „Conceptos Plasticos“ aus Bogota – und war sofort begeistert. Ein Jahr ist das her. Kampo nahm Kontakt auf und bekam erst einmal einen Korb. Aber Kampo ließ nicht locker, reiste nach Bogota und redete mit Oscar und Cristina.
„Wir waren erst skeptisch. Für uns ist es entscheidend, wie unser Gesamtkonzept umgesetzt wird“, sagt Oscar Mendez. Ihm und seiner Frau geht es nicht nur um die Verwertung des Mülls, sondern vor allem um die Menschen, die das Konzept umsetzen (siehe Artikel rechts). In der Elfenbeinküste sind es fast nur Frauen, die angeschwemmte Plastikabfälle einsammeln, sortieren und an Zwischenhändler verkaufen – für einen Hungerlohn. Mit dem neuen System ändert sich das. Die Frauen verkaufen die Abfälle direkt an die Fabrik von Unicef und erhalten eine faire Bezahlung (Artikel unten).
Es sind nur noch wenige Wochen, bis in einem Industriegelände nahe Abidjan, der wirtschaftlichen Hauptstadt der Elfenbeinküste, die erste Fabrik eröffnet wird, in der Unicef die Plastikbausteine produzieren lässt. 2,5 Millionen Euro investiert Conceptos Plasticos hier, das Gelände stellt die Regierung. Sie hofft, dass jährlich aus 9200 Tonnen Müll 1840 Klassenzimmer entstehen. Noch erreicht man das Gelände über eine Schlammpiste. Inmitten eines grünen Dschungels liegt das planierte Areal mit einer Halle in den typischen Unicef-Farben Weiß-Blau.
Die rund 1000 Frauen, die künftig den Müll liefern, werden geschult. Jede hat Säcke, die mit einem QR-Code versehen sind. Diese werden von einer Art Müllbus an Sammelstellen eingeladen und zur Fabrik gebracht. Dort arbeiten bald 35 Angestellte, sichten und säubern das Material. Ihren Lohn bekommen die Frauen auf ein Mobilgerät überwiesen, mit dem sie auch in Abidjan problemlos bezahlen können. Ein weiterer Vorteil der Methode: Zwischenhändler haben keine Chance, das System zu knacken. Ist der Müll bereit zur Weiterverarbeitung, zerkleinern Maschinen ihn in Stückchen. Die Schnipsel werden angeschmolzen und mit einem brandhemmenden Zusatz versehen. So sind die Bausteine später nicht entflammbar. Durch den niedrigen Schmelzgrad lösen sich keine Giftstoffe, die Kunststoffziegel sind frei von gesundheitsgefährdenden Substanzen. Aus der Masse werden mit Hochdruck Kunststoffsteine gepresst. Bald sollen nicht nur Kinder in Plastikschulen lernen, sondern auch Familien in Slums in Häusern, gebaut aus Plastikziegeln, wohnen können.
Die ersten Klassenzimmer stehen bereits, noch mit Steinen aus Kolumbien. Das erste Klassenzimmer musste drei Mal auf- und abgebaut werden, um die richtige Konstruktion zu finden. Inzwischen gibt es mehrere Protypen, verteilt auf verschiedene Regionen im Land – auch um zu sehen, wo das System noch an die landestypischen Bedürfnisse angepasst werden muss. Sobald die Fabrik eröffnet, soll es in großem Stil losgehen. 528 Klassenzimmer sind vorerst geplant. Für jeden der 68 Quadratmeter großen Schulräume werden fünf Tonnen Plastik benötigt. Daraus entstehen 1000 Steine und alles andere Material, das gebraucht wird. Die Kosten für einen Stein belaufen sich auf rund vier Euro. Der Preis für eine Mini-Schule liegt etwa 30 bis 40 Prozent unter dem einer traditionell gebauten Steinschule. Dass das Plastik ausgehen könnte, glaubt niemand. Allein in Abidjan fallen Tag für Tag 288 Tonnen an. Nur fünf Prozent werden recycelt.
Läuft alles glatt, dauert es nur fünf Tage, bis ein Plastik-Klassenzimmer steht. Auch alle Pfeiler und Verbindungsstücke bestehen aus recyceltem Plastik. Langfristig sollen auch Möbel, Bodenplatten und Dachkonstruktion aus Wiederverwertbarem gefertigt werden. Claudia Graus, die stellvertretende Vorsitzende von Unicef Deutschland, ist begeistert. „Das Projekt hat großes Potenzial auch für andere Länder.“
Eine Unicef-Modellschule steht in Sanguoiné. Sechs Klassenzimmer in zwei Gebäuden. 300 Kinder lernen hier in hellen Räumen, in denen man auch lesen kann, was an der Tafel steht. Die alte Schule aus Bambushütten fiel kurz nach der Eröffnung der neuen Schule in sich zusammen. Es hatte geregnet.