Weihnachten im Krisengebiet

von Redaktion

2000 Soldaten sind im Camp Marmal in Afghanistan stationiert. Viele kommen aus der Region – und feiern Weihnachten fernab der Heimat. Wir haben sie besucht.

VON SABINE LUDWIG

Masar-i Scharif – Ein Sonntag vor Weihnachten. Diesiges Grau verhüllt die Hügelkette des Marmal-Gebirges. Das deutsche Feldlager an den Ausläufern trägt seinen Namen: Camp Marmal. Hier sind 1000 deutsche Soldaten stationiert, zehn Prozent davon sind Frauen. Gemeinsam mit Streitkräften weiterer 22 Nato-Mitgliedsstaaten versehen sie hier ihren Dienst. Insgesamt etwa 2000 Männer und Frauen. Auf einer Fläche so groß wie 500 Fußballfelder.

Claudia V. gehört zum deutschen Kontingent. Zuhause ist die geborene Altöttingerin in der Werdenfelser Kaserne in Murnau stationiert. Bei den Fernmeldern. Doch seit November dient sie in Afghanistan. Es ist ihr erster Auslandseinsatz. Resolute Support – so nennt sich die 2015 begonnene Nato-Ausbildungsmission. Afghanische Sicherheitskräfte sollen fit gemacht werden, um selbst ihr Land zu schützen. Gegen die Taliban, gegen Radikalislamisten und fanatische Splittergruppen.

Inspiriert wurde die 23-Jährige vom Vater, einem Offizier. Bereut hat es die Oberstabsgefreite bis heute nicht. Als Ausgleich zum Lagerleben macht sie Sport. „Wann immer es die Zeit erlaubt“, sagt sie. Denn für die Soldaten, die auf Auslandsmission sind, gilt 24/7. Das heißt: ständige Einsatzbereitschaft. Freie Tage gibt es nicht. Claudia V. vermisst die Berge von zuhause. Die gehören zu ihrem Leben dazu. Deswegen wollte sie heimatnah eingesetzt sein. „Murnau passte. Da gibt es Gebirge“, sagt sie und lacht. Gleich nach der mittleren Reife in Altötting wollte sie raus. In die Natur. „Und zugleich ins warme Büro!“

Auf dem Laufband in der kargen Sporthalle erinnert sie sich, wie oft sie in der Ausbildung schon an ihre Grenzen gekommen ist. Immer hart am Limit, lautete ihre Devise. Die langen Wald- und Wiesenmärsche in der Heimat. Mit 40-Kilo-Gepäck. Rucksack, Waffe, Helm und Schutzweste. Schießen, Marschieren, Schießen – da kommt was zusammen. Die Schinderei kommt ihr zugute. Fast jeden Abend trainiert sie.

Weihnachten. Claudia V. wird an zuhause denken. Und viel skypen. Mit der Familie in Altötting und natürlich mit dem Freund, der auch Soldat ist. Die Zukunft spielt eine große Rolle. Sie möchte Berufssoldatin werden. Und auch weiter bereit sein für Auslandseinsätze. Unbedingt. Und später Kinder bekommen, eine Soldatenfamilie gründen. Das ist ihr Traum.

Auf dem Rollfeld dröhnen die Rotoren. Daniel P. steht neben der CH-53 GS. Regelmäßig fliegt der Helikopterpilot aus dem unterfränkischen Königsberg nach Kundus. Manchmal bis nach Kabul oder ins entlegene Maimana. Es ist der schwerste Hubschrauber der Bundeswehr, GS bedeutet „German Special“. Zwei Buchstaben, die für die beiden Zusatztanks an den Flanken stehen. Der CH-53 agiert im Tiefflug. Bei Transportflügen besteht die Crew aus sieben Personen: Zwei Piloten, ein Ingenieur, ein Bordtechniker und drei Doorgunner. Letztere sichern hinter Daniel P. aus den Seitenfenstern heraus und hinten von der Rampe aus mit Maschinengewehren den Flug. Dreimal knapp 160 Kilo im Ganzen: Die M3M als neueste Version der Browning M2, dazu ein Gurt mit 300 Schuss, ein Ersatzgurt und der Magazinkasten. Dazu kommen Nachtsichtgeräte.

Der Hubschrauber steht im Hangar immer einsatzbereit zur Verfügung. „Innerhalb von 30 Minuten sind wir flugfertig“, sagt Oberstleutnant Tobias H., Leiter der Crew-Pilot zu werden sei schon immer sein Traum gewesen. „Und die Bundeswehr hat zur Erfüllung dieses Wunsches erheblich beigetragen“, sagt Daniel P.

Seit 2007 ist der 30-Jährige dabei. „Offizierslaufbahn. 2008 fing ich mit dem Studium der Elektrotechnik an der Bundeswehr-Uni in München an.“ Genau wie ein Teil seiner Crew ist er am Fliegerhorst Schönewalde in Brandenburg stationiert. Brenzlige Situationen hat er noch nicht erlebt. Im Unterschied zu Tobias H., der während eines Einsatzes unter Beschuss geriet. „Dann funktioniert man nur noch und wendet das Gelernte an. Das Rekapitulieren kommt später“, sagt der zweifache Familienvater.

„Je länger man fliegt, desto größer ist die Gefahr“, ergänzt Daniel P. Und gibt zu, dass seine Mutter immer noch Bauchschmerzen hat, wenn der Sohn in den Einsatz geht. Abends trifft sich der Franke gern neben dem Hangar im „Heli-Inn“, dem Treffpunkt der Air Wing-Crew, zu der er gehört. „Ich vermisse meine Freundin und die Freunde zuhause. Und einen guten Döner!“, sagt er lachend und nickt den Kameraden zu: „Hier funktionieren wir als eingespieltes Team, und das ist wichtig.“ An den Weihnachtsfeiertagen ist er wieder zuhause. Und dann erzählt er von dem Wunsch der Oma, die in einer Traditionsgaststätte in Königsberg mit dem Enkel und der Familie essen gehen möchte: „Klar wird der erfüllt!“

An seine Oma, die am Chiemsee lebt, denkt auch Kamerad Christian H. „Wir telefonieren einmal pro Woche. So richtig altmodisch eben, nicht wie die anderen, die skypen.“ Und solange der Enkel im Auslandseinsatz ist, schaut die 97-Jährige auch keine Nachrichten. „Das würde sie nur unnötig aufregen“, erklärt der in der Volkacher Mainfranken-Kaserne stationierte Hauptmann. „Aber sie weiß, dass ich gut auf mich aufpassen kann.“

Zu Zwischenfällen kommt es immer wieder. Anschläge, Schusswechsel, Explosionen, Granaten und Mörser. Meistens trifft es die lokalen Sicherheitskräfte und Zivilisten. Mehrere Dutzend Menschen sterben jede Woche. Draußen, jenseits der hohen Mauern, lauert der Tod. Daran hat sich nichts geändert.

Christian H. wird an Weihnachten wieder in der Heimat sein. „Erst mal Sushi essen gehen“, sagt er. Das vermisse er im Feldlager. Und am Heiligabend geht es zur Oma an den Chiemsee. „Dann macht sie für mich Käsespätzle. Die habe ich mir gewünscht!“

Dr. Nicola W. ist Oberstveterinär. Die Aufgaben der Fürstenfeldbruckerin sind vielseitig: Lebensmittelüberwachung, Hygieneberatung, die Untersuchung der Wasserqualität. Außerdem wacht sie über das Wohlbefinden von fünf Diensthunden, die zurzeit in Camp Marmal stationiert sind. Die 49-Jährige hat schon einige Auslandseinsätze hinter sich: Kosovo, Afghanistan, Mali.

„Man hat seine Einsatzfamilie. Wenn das Team passt, ist die Aufgabe sehr erfüllend“, sagt sie. „Wie jetzt!“ Seit 2006 ist sie Berufssoldatin. Natürlich, sie freut sich auf das Zuhause in Fürstenfeldbruck, auf ihren Mann, ihre Katze. „Wenn ich weg bin, leidet mein Mann mehr als ich. Denn ich bin ja abgelenkt“, sagt die frühere Amtstierärztin. Und sie hat gelernt, einiges zu schätzen, was in Deutschland selbstverständlich ist: „Zum Beispiel das sichere Trinkwasser. Außerdem gibt es keine Minen, auf die man tritt.“ Und sie schwärmt von der eigenen Dusche daheim.

Es wird Nacht im Camp. Claudia V., die junge Frau aus Altötting, hat ihr Training beendet. Gleißende Scheinwerfer erhellen die Außenmauern mit dem dichten Stacheldrahtnetz. Und da ist er! Auf dem Weg zum Schlafcontainer läuft sie an ihm vorbei. Ein wenig gebeugt steht er da, fast unscheinbar, mit verhaltener elektrischer Beleuchtung: ein Weihnachtsbaum. An seinen Zweigen glimmen ein paar Kerzen. Der Heilige Abend kann kommen, auch hier in Nordafghanistan.

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