Unsere Zeitung zu Besuch bei Benedikt XVI.

von Redaktion

Joseph Ratzinger, 92, sieht sich am Ende seines Weges und sehnt sich nach der Heimat. Trotz körperlicher Schwäche wirkt er geistig hellwach und mit sich im Reinen. Sein Vertrauter Georg Gänswein kümmert sich aufopferungsvoll um ihn. Ein Besuch beim Pontifex Emeritus.

VON INGO-MICHAEL FETH*

Vatikanstadt – Wer den ehemaligen Papst aus Bayern besuchen will, der muss hoch hinauf. Hinter dem Petersdom steigen die Vatikanischen Gärten terrassenförmig den Hang empor. Wer nicht das Glück hat, mit dem Wagen ins Hoheitsgebiet des kleinsten Staates der Welt einfahren zu dürfen, braucht gute Puste.

Kurz vor dem höchsten Punkt biegt ein Hohlweg ab, der an einem schweren Eisentor endet. Dahinter beginnt das kleine Reich, das zum Altersruhesitz des früheren Oberhauptes der katholischen Weltkirche geworden ist: Das Kloster „Mater Ecclesiae“ – Mutter der Kirche. Ein kleiner Palazzo im römischen Stil mit Kapelle. Davor ein reicher Ziergarten mit Lauben, Brunnen, gepflegten Buchsbaumhecken und Blumenrabatten. Am Eingang wartet Erzbischof Georg Gänswein, in Doppelfunktion „Präfekt des Päpstlichen Hauses“ von Papst Franziskus sowie treuer Privatsekretär von Benedikt XVI. Auch er ist hier zu Hause.

Der Zugang zum „Papa Emeritus“ führt allein über „Don Georg“, wie die beiden im Vatikan genannt werden. Er ist, wann immer es seine offiziellen Termine als Präfekt zulassen, an der Seite seines langjährigen Mentors, der ihm zu einem zweiten Vater geworden ist. Am Tage von dessen Wahl zum Nachfolger Petri hat er ihm den Treue-Eid geschworen. „Der gilt selbstverständlich ewig, bis zum letzten Moment“, stellt Gänswein immer wieder klar, wenn über seine persönliche Karriere spekuliert wird.

Betritt man das Haus, fällt der Blick auf ein unerwartetes Detail; an der Wand hängt ein verziertes Lebkuchenherz vom Oktoberfest. Besucher haben es kürzlich mitgebracht. „Eigentlich sollte das irgendwo in die Küche“, erklärt der Erzbischof aus dem Schwarzwald. „Aber unsere Schwestern meinten, es solle für alle sichtbar sein. Denn wo ein Herz die Gäste empfange, müsse man sich geborgen fühlen.“ Mit den Schwestern meint er die italienischen Nonnen, die seit dem Einzug Benedikts in den Apostolischen Palast 2005 den päpstlichen Haushalt führen und ihm auch in den Ruhesitz gefolgt sind. Aus der Küche zieht ein verführerischer Duft nach süßen Mehlspeisen durch die Räume. „Am Anfang mussten die Schwestern lernen, auch bayerisch zu kochen“, verrät Don Georg. „Der Papa liebt besonders Süßspeisen aus seiner Heimat.“ Aber genauso habe er viel Freude an der italienischen Küche.

Wer sich umschaut, bemerkt jede Menge Erinnerungen an die altbayerische Heimat. Zahlreiche Familienfotos, eine Kopie der Patrona Bavariae, ein Bild vom Geburtshaus in Marktl am Inn, ein Palmbuschen aus dem Chiemgau im Herrgottswinkel und andere Accessoires. Es ist die Welt eines Mannes, der nach Lage der Dinge sein Heimatland nie wiedersehen wird und nur in Gedanken an die früheren Stätten seines Lebens zurückkehren kann. „Ich bin ein alter Mann am Ende meines Lebens“, antwortet Benedikt XVI. auf die Frage nach seinem Befinden. Seine Worte sind fast nur ein Flüstern, seine Stimme ist brüchig. Er sitzt, Kopf und Schultern leicht vorgebeugt, in einem grauen Lehnstuhl. Doch seine Augen sind lebhaft und hellwach. Auch seinen Sinn für Selbstironie hat er nicht verloren: „Früher hatt’ ich ein großes Mundwerk; jetzt funktioniert es nimmer“, haucht er fast entschuldigend und lächelt.

Ob er Heimweh empfinde? Es ist Don Georg, der dem gebrechlichen Papst seine Stimme leiht: „Er sagt oft: Aber ich bin ja trotzdem in Bayern, im Herzen wandere ich einfach die Heimat ab. Eine Wanderung, die unabhängig ist von seinen physischen Kräften und Einschränkungen.“ Traumreisen quasi.

Die Tage des emeritierten Papstes folgen noch immer einem fest geregelten Ablauf. Der Morgen beginnt mit der Heiligen Messe in der Klosterkapelle, gemeinsam mit der Hausgemeinschaft. Predigen kann er inzwischen nicht mehr. Auch hier steht an prominenter Stelle eine hölzerne Kopie der Muttergottes von der Münchner Mariensäule. Viel Zeit verbringt Benedikt in seinem Büro, dessen Wände ringsum mit überfüllten Bücherregalen verkleidet sind und eher an eine Bibliothek erinnern. Darunter natürlich die gesammelten Werke des Theologen Joseph Ratzinger. „Alle Stationen meines Lebens sind in diesen Büchern enthalten“, sagt Benedikt.

Ob er hier noch täglich arbeite? „Ja schon, das gehört sich.“ Auch wenn er leider nicht mehr in der Lage sei, lange Texte zu schreiben. Allen Gebrechen zum Trotz ist er mit seinen bald 93 Jahren noch genauso diszipliniert wie in seinem gesamten Priesterleben. Der kleine Spaziergang in den Vatikanischen Gärten mit dem Gebet des Rosenkranzes gehört zum Alltag. Wenn die Besuchergruppen am späten Nachmittag verschwunden sind, lässt sich der Emeritus, in Begleitung seines Vertrauten, mit einem kleinen Golfwagen zur Lourdes-Grotte bringen. Von hier aus genießt man einen Panoramablick auf die Kuppel, die sich über dem Grab Petri wölbt, das Häusermeer der Ewigen Stadt und die Sabiner Berge. Benedikt versinkt ins Gebet: Für seinen Nachfolger Franziskus, für die Kirche, für die Welt mit all ihren Krisenherden, Kriegen und Konflikten.

Noch immer ist der Emeritus bestens informiert: über Bayern, über Deutschland und die große Weltpolitik. Denn am Abend hat er ein festes Ritual vor dem Fernseher. Zuerst sieht er die „Rundschau“ im Bayerischen Fernsehen. Dann folgt gewöhnlich die „heute“-Sendung im ZDF. Später das „Telegiornale“, die Hauptnachrichtensendung im italienischen Kanal RAI 1.

Größere Gruppen werden nicht mehr zum Papst vorgelassen. Zu viele Personen irritieren ihn, da er schlecht hört. Gäste empfängt er am liebsten einzeln; besonders gern alte Freunde aus Deutschland. Dann informiert er sich ganz genau, ist neugierig, lässt sich mitgebrachte Fotos zeigen und aus der Heimat berichten.

Sein Erinnerungsvermögen sei noch immer enorm, schwärmt Gänswein. Und tatsächlich: Traunstein, der Chiemsee, die Fraueninsel, Freising – die Erwähnung seiner Lieblingsorte bringt Benedikts Augen zum Leuchten.

Viermal im Jahr kommt sein Bruder Georg aus Regensburg zu Besuch; er hat sein eigenes Zimmer im komplett barrierefreien Papstkloster. Ansonsten telefonieren die beiden täglich.

Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.: 75 Jahre hat er sich im Dienst an der Kirche aufgezehrt. Eine historische Persönlichkeit ist er schon jetzt. Ob er seinen Rücktritt je bereut habe? Die Antwort gibt Erzbischof Gänswein, der jene Tage im Februar 2013, welche die Kirche erschütterten, an seiner Seite durchlebt hat: „Nein. Der Rücktritt war eine lange, gründlich durchbetete und durchlittene Entscheidung, die er nicht bereut hat. Der Papa ist mit sich im Reinen.“

Das Licht der Abenddämmerung taucht die Ewige Stadt in Dunkelrosa. Benedikt XVI. wirkt jetzt müde. Eine Botschaft an die Heimat hat er noch: „Ich bin im Herzen stets mit Bayern verbunden und empfehle unser Land am Abend immer dem Herrn.“

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