München/Seeon – Die Fraktion der Grünen hat gestern Mittag bei ihrer Klausur in Würzburg gerade Platz genommen, da haben die beiden Vorsitzenden eine schöne Nachricht zu überbringen. Es sind nur ein paar nüchterne Zahlen, aber sie sorgen für allerbeste Laune. 25 Prozent misst der „Bayerntrend“ bei der Sonntagsfrage für die Grünen, 36 für die CSU. „Wir machen offensichtlich nicht alles falsch“, frohlockt Ludwig Hartmann, um dann die Floskeln nachzuschieben. „Umfragen sind ja immer nur Momentaufnahmen.“
Da wird kein Politologe widersprechen. Und dennoch ist dieser „Bayerntrend“, in Auftrag gegeben vom BR, keine normale Umfrage. Keine andere Erhebung fragt so genau die Bekanntheit und Beliebtheit der bayerischen Politiker ab wie Infratest dimap. Dank ihr weiß zum Beispiel der umtriebige und im Landtag sehr geschätzte FDP-Fraktionschef Martin Hagen nun, dass sich seine Mühe bislang kaum auszahlt: Nur 23 Prozent der Befragten kennen ihn. Es liege noch „viel Arbeit“ vor der Fraktion. SPD-Chefin Natascha Kohnen muss mit sinkender Beliebtheit leben – und ihr Fraktionschef Horst Arnold damit, gar nicht erst abgefragt worden zu sein. „Das letzte Jahr war gerade auf Bundesebene echt schwierig“, sagt Kohnen.
In der CSU dürften die Werte ein mittleres Erdbeben beschleunigen. Manche wollen das an Markus Söders Gesichtsausdruck ablesen, mit dem er bei der Klausur im Kloster Seeon immer wieder auf die Nachrichten in seinem Handy blickt in den Minuten, in denen der Bayerntrend die Politik erreicht. Es genügt aber schon, ihm bei seinen Worten genau zuzuhören. Bisher hatte er gern fallen lassen, in Bayern finde der Höhenflug der Grünen ja nicht so statt wie bundesweit. Jetzt, mit den grünen 25 Prozent, ein Rekordwert im Freistaat, hält das nicht mehr.
Neue Argumentationslinie: Er sieht die Schuld für die mauen CSU-Werte praktisch komplett in Berlin. Seine Staatsregierung in München habe ein wachsendes Ansehen, die Minister in Berlin nicht. Jetzt bekomme man „einen Mittelwert“ präsentiert. Deutlicher denn je kündigt Söder seinen Berliner Ministern den Rauswurf an.
Aus der internen Sitzung der Landtagsfraktion im Kloster wird er mit sehr scharfen Worten über das Maut-Debakel von Verkehrsminister Andreas Scheuer zitiert. „Die Maut droht immer mehr zur Landesbank zu werden“, sagt er, „ein Mühlstein, der uns weiter runterzieht.“ Direkt kritisiert er dort auch die Politik der CDU-Minister Peter Altmaier (Wirtschaft) und Anja Karliczek (Bildung). Später vor der Presse macht er klar, dass er vor Sommer eigene Minister in Berlin austauschen will. Es werde „personelle Ergänzungen und Verstärkungen“ geben.
Und, als alle im Raum die verheerenden persönlichen Werte Scheuers kennen (67 Prozent unzufrieden, auch die meisten CSU-Wähler), fügt er einen Satz wie einen Messerstich an: „Umfrage- und Akzeptanzwerte einzelner Personen sind ein Gradmesser für die Zukunft.“ Das klingt nach einer kurzen Zukunft. Die Landtagsabgeordneten, die vor großen Gummibärchenschalen im noblen Lambertisaal des Klosters sitzen, feixen nach Söders Abrechnung. Sie mögen erstens den forsch auftretenden Scheuer nicht, und sind zweitens ganz froh, die Schuld für schlechte Werte weit weg in Berlin zu sehen.
Überraschend klar äußert sich der Parteichef intern auch über die nächste Bundesregierung. Drei Optionen gebe es, zitieren ihn die Abgeordneten. Entweder gebe es Grün-Rot-Rot mit der Union in der Opposition, das ungünstigste Szenario. Oder „eine wenig gute Option Schwarz-Grün und eine ganz schlechte Grün-Schwarz“. Zwei von drei Szenarien bedeuten: ein grüner Kanzler. Jenen, die von einem Bündnis mit der FDP träumen oder notfalls von Jamaika, klappt da die Kinnlade runter.
Die Grünen kommen in all diesen Szenarien vor – das macht sie natürlich nur noch stärker. „Sie haben bundesweit das höchste Sachvertrauen beim Thema Nummer eins, dem Klima, – und das schlägt auch in Bayern durch“, sagt Andreas Bachmann, Redaktionsleiter von „Kontrovers“, der die Studie in Auftrag gegeben hat.
Fraktionschef Ludwig Hartmann, dessen Hauptproblem Bekanntheit sich nur langsam bessert, macht darüber hinaus sogar konservative Werte für den grünen Höhenflug verantwortlich. Bei Terminen am Land höre er immer wieder, dass man Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit von der Politik erwarte. „Und wenn man uns Grünen eines sicher nicht vorwerfen kann, dann: dass wir dauernd unsere Meinung ändern.“
Für Verlässlichkeit steht auch Hubert Aiwanger. Der gibt sich zufrieden – obwohl 36 Prozent der Freie-Wähler-Anhänger mit der Regierungsarbeit unzufrieden sind und die Partei auf zehn Prozent fällt. Aiwanger: „Wir waren bei Wahlen immer besser als in Umfragen, damit sind wir momentan sicher so stark wie bei der Landtagswahl und haben unter der Regierungsbeteiligung nicht gelitten.“