München – Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ wurden schon oft verklärt, und dieser Tage ist es wieder so weit. Sie stehen als Synonym für Charleston-Partys und wilde Ausschweifungen, Dadaismus und Tanz, auch Sex, den Durchbruch von Kino, Schallplatte und Jazz – Sorgenbrechern in einer ungewissen Zeit. Deutschland erlebt, so hat der Publizist Volker Kutscher („Babylon Berlin“) gerade festgestellt, eine nostalgische Zuwendung zu einem „Jahrzehnt, das fasziniert wie kaum ein anderes“. Womöglich haben die Menschen heute ähnliche Sorgen wie ihre Vorfahren vor 100 Jahren: das Erstarken der extremen Rechten, eine schwelende Wirtschaftskrise, internationale Krisen – nur einem Weltkrieg mussten wir zum Glück nicht entrinnen.
Bei all dem wird gerne vergessen, dass sich das wilde Party-Jahrzehnt vornehmlich auf Berlin (und wenige andere Großstädte) beschränkte. In der Provinz schaute man dagegen damals grimmig auf das laszive Treiben. „Die Provinz lebt von der Abneigung gegen Berlin“, schrieb Kurt Tucholsky schon 1920 – und dieser Befund gilt ganz besonders für Bayern. Damals – und vielleicht heute wieder?
Die 1920er-Jahre in Bayern begannen mit einem kalten Staatsstreich: Während in Berlin der nach seinem Rädelsführer Wolfgang Kapp genannte Kapp-Putsch nach wenigen Tagen aufgrund des Widerstands der Gewerkschaften und der demokratischen Parteien zusammenbrach, gelang in Bayern zeitgleich der Kahr-Putsch: Am 16. März 1920 löste der bisherige Regierungspräsident von Oberbayern, Gustav von Kahr, den bisher von der SPD gestellten Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann nach unverhüllten Drohungen und mit Waffengewalt ab.
Bayern erlebte nun einen Rechtsruck. Es gab Fememorde. Es gab Massenaufmärsche paramilitärischer Verbände auf der Theresienwiese, es gab den Aufstieg der NSDAP, die schon im Februar 1920 im Hofbräuhaus ihre erste Massenversammlung mit Hauptredner Hitler abgehalten hatte. All das gehört zu den 20er-Jahren.
Um ein Haar wäre Bayern sogar schon 1923 in den braunen Sumpf marschiert. Zunächst hatte im September die bayerische Landesregierung ihre Rechte an das Generalstaatskommissariat unter Gustav von Kahr abgetreten. Eine Quasi-Diktatur drohte. Kahr, 1920/21 schon einmal Ministerpräsident, hatte weitreichende Befugnisse. Er verbot Zeitungen und setzte Verfassungsrechte außer Kraft. Wohin das beinahe geführt hätte, illustrieren Akten vom Oktober 1923, die im Hauptstaatsarchiv München zu finden sind. „Ich beabsichtige die Androhung der Todesstrafe für besonders schwere Fälle der Volksausbeutung“, hieß es in einem Schreiben von Kahrs. Dazu kam es nicht – dafür aber wies von Kahr jüdische Familien, die teils aus Furcht vor Pogromen aus Osteuropa zugewandert waren, aus.
Hitler reichte das nicht – ihm ging es um alle Juden, nicht nur die ausländischen, und er wollte eine Diktatur in ganz Deutschland, nicht nur in Bayern. Der Hitlerputsch, angelegt als Auftakt zum Marsch auf Berlin, scheiterte nach nur einem Tag.
Umso erstaunlicher war die fast schlagartige Beruhigung der innenpolitischen Lage seit 1924 mit dem neuen bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held an der Spitze. Der Regensburger BVP-Politiker führte nach der Resignation von Kahrs eine konservative Koalition aus BVP, Bayerischem Bauernbund und der Deutschnationalen Volkspartei, die in Bayern „Mittelpartei“ hieß. Die Koalition hielt bis 1930 – danach blieb Held bis zum bitteren Ende, der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus in Bayern am 9. März 1933, geschäftsführend im Amt. Mit der SPD gelang, anders als etwa in Preußen, nie eine Annäherung. Keine GroKo also in Bayern.
Nach den unruhigen Anfangsjahren klärte sich die Lage – auch in Bayern. Hoffnung und Wohlstand keimten. Wir blättern in der „Münchener Zeitung“ des Jahres 1926 und finden plötzlich Annoncen, die ein kleines Wirtschaftswunder widerspiegeln: NSU inseriert für seine Autos, der stärkste hatte 40 PS („der Wagen des Arztes und des Geschäftsmannes“). Im gleichen Jahr wird Fürth deutscher Fußballmeister – wer das Endspiel gegen Berlin nachträglich sehen will, muss ins Kino. Dort läuft auch Halbseidenes: „Verkaufte Mädchen“ (Filmpalast) oder „Das Halbweltmädchen“ (Lichtspielhaus), daneben Herzschmerz („Der Wilderer“), aber auch schon Buster Keaton und „Die Nächte einer schönen Frau“, in dem Charlie Chaplin Regie führt. Live-Orchester untermalen die Stummfilme. Ebenfalls neu: Wrigley Kau-Bonbons. Und der Bubikopf, auf den sich die Friseure spezialisieren.
Die Erholung ist nicht von langer Dauer. Heute weiß man: Deutschland fehlte zur durchgreifenden wirtschaftlichen Stabilisierung ein Leitsektor wie Kohle und Stahl, dann Elektro und Chemie in der Kaiserzeit. Der Durchbruch des Automobils kam erst in den 1950er-Jahren. Der Wirtschaftsaufschwung war so vor allem außerbayerischen Entwicklungen geschuldet – allen voran der Währungsreform, als die stabile Rentenmark das Inflationsgeld ablöste. Eine fragile Stabilität, die mit dem „Schwarzen Freitag“ 1929 zusammenbrach.
In dieser Situation trieb Bayerns Ministerpräsident Heinrich Held die Konfrontation mit „Berlin“ ein ums andere Mal auf die Spitze. Nun, auch Ministerpräsident Markus Söder stichelt ja ganz gerne mal gegen „Berliner Zentralismus“, egal ob sich dies in der Schulpolitik oder im Steuersystem Bann bricht. Damals aber ging es um fundamentale Fragen. Besonders fatal war Helds Kampf gegen die auf Ausgleich bedachte Politik des Reichsaußenministers Gustav Stresemann. Er hätte ihn am liebsten durch ein Gremium der Ministerpräsidenten kontrolliert. Sicher: Einen Bundesrat als Garanten des Föderalismus gab es damals nicht – das war ein Makel, der die Bayern zu Recht störte. Aber rechtfertigte das derartige Obstruktion? Mithilfe der BVP kam 1925 der Antidemokrat Hindenburg ins Amt des Reichspräsidenten – die katholische Volkspartei versagte dem Kandidaten des Zentrums, Wilhelm Marx, ihre Unterstützung. Vielleicht wäre Bayern mit so einem klugen BVP-Politiker wie dem Münchner OB Karl Scharnagl (von 1925 bis 1933) als Ministerpräsidenten besser gefahren.
Unter der Oberfläche wucherte in Bayern der Rechtsextremismus weiter, wurden die „Süddeutschen Monatshefte“ in München zu einem Forum der Gegenrevolution. Und im Franz-Eher-Verlag in der Thierschstraße konnte ein Hetzer wie Hermann Esser 1927 ein Buch mit dem Titel „Die jüdische Weltpest. Kann ein Jude Staatsbürger sein?“ veröffentlichen. Eigentlich ein Skandal, 1927 aber regte es niemanden auf.
Es nimmt wenig Wunder, dass Bayerns kulturelles Milieu erodierte. Der Augsburger Bert Brecht war 1921 und dauerhaft seit 1923 Berliner. Ödon von Horváth, Ernst Toller, die Maler Paul Klee, Wassily Kandinsky und Heinrich Campendonk (dessen Werke heute in Penzberg zu sehen sind) verließen Oberbayern fluchtartig.
Gewiss: Berlin lockte – aber München hatte auch wenig zu bieten. Die führenden Häuser servierten, wenn man der „Münchener Zeitung“ von 1926 folgt, durchweg traditionelle Kost: Rigoletto und Tannhäuser im Nationaltheater, Gräfin Mariza im Gärtnerplatztheater. Die freizügige Tänzerin Josephine Baker erhielt indes wegen „Verletzung des öffentlichen Anstands“ im Februar 1929 ein Auftrittsverbot fürs Deutsche Theater.
Angst vorm Bananentanz – dieses Klima merkten kritische Geister schon damals. Keiner hat es besser ausgedrückt als Lion Feuchtwanger (auch er seit 1925 in Berlin) in seinem Schlüsselroman „Erfolg“, in dem es heißt: „Früher hatte die schöne, behagliche Stadt die besten Köpfe des Reiches angezogen. Wie kam es, daß die jetzt fort waren …?“
Allerdings: Karl Valentin und Oskar Maria Graf blieben – und Thomas Mann, der sich 1922 erstmals offen für die Weimarer Demokratie ausgesprochen hatte. Er stemmte sich dem Trend entgegen und initiierte 1926 eine spektakuläre Aktion: „Rettet München“. Vergebens. Nach München zurück kam kaum einer.
Rettet München? Das muss heute keiner verkünden. Vielleicht ist die Lage doch nicht so ernst wie vor 100 Jahren.