Turbinenwechsel am Innkanal

von Redaktion

1919 war der Innkanal zwischen Jettenbach und Töging die größte Baustelle Europas. 100 Jahre später läuft die Zeit der alten Turbinen und Generatoren im Landkreis Altötting ab. Neben dem Wasserschloss entsteht bis 2022 ein neues Kraftwerk. Ein Ortsbesuch.

VON WOLFGANG HASERER

Töging – Das Fußballfeld des heimischen FC hätte im Krafthaus zweimal Platz. 178 Meter sind es von der einen bis zur anderen Wand. Wenn Hubert Schuhnagel mal schnell von hier nach dort muss, nimmt er das Dienstfahrrad. Dann geht es hoch zu Ross vorbei an den 15 Generatoren und Turbinen, die alte Werksuhr am anderen Ende fest im Blick. Schuhnagel ist ein großer Typ im dunklen Blaumann, mit breiten Schultern und kräftigen Oberarmen. Von Beruf: Kraftwerker. Das passt zu ihm. Und er passt hierher. In diese hohe Halle, in der irgendwie alles eine Nummer kräftiger ist. Mancher Schraubenschlüssel hat die Größe eines Vorschlaghammers und wiegt satte 15 Kilogramm. „Ins Fitnessstudio muss hier niemand extra gehen“, scherzt Schuhnagel.

Seit fast vier Jahrzehnten hält der Kraftwerker die Maschinen am Laufen. Sein Auftrag: Das Brummen der Generatoren darf nicht verstummen. Keine Sekunde lang. Es ist nicht so laut, dass der 59-Jährige im Krafthaus brüllen muss, wenn er sich unterhalten will. Aber laut genug, um es auch draußen – weit vor dem Werkstor – zu hören. An manchen Tagen trägt der Ostwind das monotone Geräusch hinein in die Siedlung am Wasserschloss, in der auch Schuhnagel aufgewachsen ist. „Ich höre es schon gar nicht mehr“, sagt er. „Wahrscheinlich, weil es mich schon mein ganzes Leben begleitet.“

Für die Töginger ist das Brummen der Herzschlag ihrer Stadt. Oder wie Schuhnagel es formuliert: „Ohne den Kanal und ohne das Kraftwerk wäre Töging noch immer ein Bauerndorf.“ Weniger als 500 Menschen lebten hier, als 1912 die ersten Pläne für das Mammutprojekt gezeichnet wurden. Das deutsche Kaiserreich drängte mit Blick auf die Wirtschaft und Reichswehr auf eine unabhängige Aluminiumversorgung. Als idealen Standort für eine Aluminiumhütte samt Wasserkraftwerk wählten die Planer Töging aus, das Bauerndorf am grünen Inn. Um die 30 Meter hohe Geländekante zur Stromerzeugung zu nutzen, musste das Wasser bei Jettenbach aus- und bis Töging umgeleitet werden. Schon vier Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gingen die ersten Aufträge an die Baufirmen raus.

„Wenn ich einen Wunsch frei hätte“, sagt Hubert Schuhnagel, „würde ich in die Vergangenheit zurückreisen. Für eine Woche auf die wilde Baustelle von damals.“ Er wäre dann einer von 7000 Arbeitern, würde mit ihnen 20 Kilometer Kanal graben, die Wehranlage bei Jettenbach errichten und das Wasserschloss am Ende des Oberwasserkanals mauern – mit kleinen Türmchen links und rechts. Er würde mithelfen, die 15 Fallrohre hinunter zum Krafthaus zu verlegen, die 240 000 Nieten zu schlagen, die 15 Francis-Turbinen samt Generatoren zu setzen. Nur fünf Jahre hat das gedauert. Eine Meisterleistung: ohne Computer und 3D-Simulation, ohne Just-in-time-Produktion, lange vor der Erfindung der Hydraulikgetriebe. Das Energieunternehmen Verbund, das heute sämtliche Innkraftwerke betreibt, hat den Aufwand berechnen lassen. Unter dem Strich standen 38 Millionen Arbeitsstunden.

Im Winter 1924 gingen Kanal und Kraftwerk offiziell in Betrieb. Von da an brummte es in Töging – nicht nur im Krafthaus, auch wirtschaftlich. Und aus dem Bauerndorf von einst wurde eine Stadt mit fast 10 000 Einwohnern. Viele der heutigen Rentner arbeiteten früher für die Vereinigten Aluminiumwerke (VAW). Auch Hubert Schuhnagels berufliche Laufbahn begann in den heißen Ofenhäusern der VAW – als Schlosserlehrling. Seit 1981 schraubt er nun im Innwerk an den Turbinen und Generatoren herum.

Dabei hat jedes Teil seinen festen Platz. Nummerierte Unikate, seit fast einem Jahrhundert. „Nichts, was man mal schnell im Baumarkt besorgt“, sagt Schuhnagel. Auch sonst habe sich an der Technik von einst wenig verändert – mit Ausnahme der inzwischen computergesteuerten Steuerung. Die Francis-Turbinen tragen noch immer das Produktionsjahr „1923“ an der Stirnseite. Sie haben auch das plötzliche Aus für die Töginger Aluminiumproduktion im Jahr 1996 überlebt.

Doch nun sind die Tage der Maschinen gezählt. Die Verbund AG plant die Zukunft der Stromerzeugung nicht in diesem Krafthaus, sondern gleich nebenan. Dort haben bereits die Bauarbeiten für ein neues Kraftwerk begonnen, das 2022 in Betrieb gehen soll.

Von einer Besucherplattform am Oberwasserkanal aus lässt sich die junge Baugrube gut überblicken. Ein Wimmelbild mit riesigen Kränen, Seilbaggern und Drehbohrgeräten und scheinbar winzigen Bauarbeitern. „Keine Frage, das ist schon eine außergewöhnliche Baustelle“, sagt Projektleiter Bernhard Gerauer. Ein Prestigeobjekt, nirgends in Deutschland werde derzeit mehr in Sachen Wasserkraft bewegt als hier. Und für Töging? „Ist es ein historischer Moment“, sagt Gerauer. „Wir verändern ein Jahrhundertbauwerk.“

Künftig werden drei Kaplan-Turbinen 25 Prozent mehr Strom erzeugen als die heutigen Francis-Turbinen. Die Leistung steigt von 85 auf 118 Megawatt und ermöglicht eine Stromerzeugung von 700 Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Damit können rein rechnerisch 200 000 Haushalte mit Strom versorgt werden.

250 Millionen Euro lässt sich die Verbund AG das neue Kraftwerk kosten. Für Planungssicherheit sorgt eine Vereinbarung mit dem Freistaat, der die Bewilligungsdauer bis ins Jahr 2076 verlängert hat. Eine lange Zeit, doch die Effizienzsteigerung der bestehenden Anlage ist ganz im Sinn der bayerischen Energiewende. Kritik an dem Großprojekt gibt es kaum. „Der Eingriff in die Natur ist überschaubar“, sagt Werksleiter Klaus Schöler. Der Neubau entsteht auf einer Fläche, die zuvor als Notüberlauf genutzt wurde. Zudem investiert die Verbund AG in den nächsten Jahren rund 85 Millionen Euro in den Umwelt- und Gewässerschutz am Inn.

Was aus dem alten Wasserschloss und Krafthaus wird, ist offen. Ein Museum? Werksleiter Schöler zuckt mit den Schultern: „Es gibt Ideen, aber nichts Konkretes. Ziel muss es jedenfalls sein, die Gebäude weiter mit Leben zu füllen.“ Noch ist es nicht soweit, noch ist Leben im Krafthaus, noch brummen die Generatoren. Doch mit jeder weiteren Stunde auf der Werksuhr rückt ihr Ende näher.

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