„Würde die Queen jetzt sterben, wäre das ein Drama“

von Redaktion

INTERVIEW Ein Adelsexperte erklärt die Entscheidung von Harry und Meghan – und ihre Folgen für die Royals

München – Michael Begasse, 53, ist seit fast drei Jahrzehnten der Adelsexperte der Mediengruppe RTL. Wir sprachen mit ihm über die aktuellen Ereignisse bei den Royals.

In Harrys Rede schwingt viel Enttäuschung mit. Die Hoffnung, ihre Rollen mit Stolz auszufüllen, habe sich nicht erfüllt. Warum?

Harry und Meghan hatten gehofft, dass die britischen Medien sie so weit in Ruhe lassen, dass sie ein fast normales Familienleben führen können. Aber dem war nicht so und Meghan hat zu Harry gesagt: Willst du wirklich, dass unsere kleine Familie unter dem Druck aufwächst, unter dem du selbst aufwachsen musstest? Der Druck kam definitiv nicht aus dem Königshaus. Man hat es Harry in seiner Rede auch angesehen, wie schwer es ihm fällt. Aber er hat gemerkt: Es geht so nicht weiter. Harry hat als Familienvater beschlossen, in die zweite Reihe zurückzutreten.

Wobei Meghan die treibende Kraft war …

Ja. Natürlich wusste sie, was es heißen könnte, an der Seite von Prinz Harry zu leben. Aber dass sie ihn überzeugen konnte, sich zu lösen, zeigt, wie groß der Druck vor allem auf Meghan war. Es ging weniger um das ständige in der Öffentlichkeit Stehen. Wenn aber in den Medien plötzlich private Briefe vom Vater auftauchen und man morgens regelmäßig Unwahrheiten über sich lesen muss, zermürbt das auch eine medienerfahrene Frau wie Meghan.

Harry hat in seiner Rede betont, er spreche nicht als Prinz, sondern als Mensch.

Spannend ist doch, wie die Rede aufgezeichnet wurde. Das war ja offenbar ein Vertrauter und kein offizielles Kamerateam. Harry hat nicht als Prinz gesprochen, sondern hat eine private Erklärung an alle, die ihn als Menschen kennen und lieben, abgegeben, warum er diesen Schritt gewählt hat.

Wie ist jetzt das Verhältnis zur Queen, seiner Oma?

Er ist absolut ihr Lieblingsenkel. Dieses Verhältnis wurde jetzt deutlich erschüttert, vor allem durch die Vorgehensweise. Der Rückzug wurde ja losgetreten über die sozialen Medien der Sussexes, nicht vom Buckingham Palace. Das war ein unroyaler, trotziger und fast schon bösartiger Zug. Aber Harry ist bekannt für Befreiungsschläge. Dass nun in so kurzer Zeit eine Lösung gefunden wurde, überrascht mich, weil es viel zu regeln gab – auch finanziell. Aber Harry wollte einen klaren schnellen Schnitt.

Kann der Rückzug ins Private überhaupt gelingen?

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob der mediale Druck geringer wird. Ich glaube es nicht. Aber die beiden werden nun ihre eigene Agenda setzen, nur noch die Dinge tun, die ihnen wichtig sind. Darum hat Harry seine Rede auch bei einer Organisation gehalten, die er seit Jahren tatkräftig unterstützt. Eine Organisation, die HIV-Infizierten in Afrika hilft. Daran sieht man auch, was für ein Mensch er ist: herzenswarm und mit ganz großer Energie.

Es heißt, dass das Verhältnis zu seinem Bruder William nun zerrüttet sei …

Beide haben das in einem gemeinsamen Statement dementiert. In bin überzeugt, dass zwischen die beiden kein Blatt Papier passt. Wer gemeinsam in der Weltöffentlichkeit hinter dem Sarg seiner Mutter, Prinzessin Diana, hergehen muss, den trennt niemals mehr etwas. Natürlich kann es William nicht gefallen, dass sich sein Bruder aus dem royalen Staub macht. Er hätte Harry gerne an seiner Seite, wenn er nach Charles den Thron besteigt. Aber bis es so weit ist: Vielleicht sind Harry und seine Familie dann wieder zurück. Sie wandern ja nicht aus, man wird Harry weiter in Großbritannien sehen.

Was bedeutet die Abspaltung für das Königshaus?

Das ist natürlich ein Beben. Harry ist einer der beliebtesten Royals. Aber die Monarchie wird auch das überstehen. Wer gerade eine absolut perfekte Figur macht, ist Kate, die sagt: Ich stehe bedingungslos und engagiert zur Queen und zum übernächsten König von England. Sie wird vermutlich einige Termine übernehmen, die sonst ihre Schwägerin gemacht hätte.

Also droht kein Zerfall der britischen Monarchie?

Dass eine Monarchie im Jahr 2020 moderne Strömungen verkraften muss, ist klar. Das Ansinnen von Harry und Meghan muss man respektieren, aber das Ende der Windsors auf dem Thron sehe ich nicht.

Was bedeutet den Briten das Königshaus?

Großbritannien ist spätestens seit dem Brexit in der Mitte zerrissen. Die Royals sind der einende Faktor. Die meisten Briten kennen nur die Queen auf dem Thron. Ein Land ohne sie ist für die meisten gar nicht vorstellbar.

Die Queen ist 93. Könnte Charles die Lücke füllen?

Eine spannende Frage. Die britische Monarchie braucht jetzt Kontinuität. Würde die Queen sterben, wäre das ein Drama. Prinz Charles ist auch schon 71 und steht nicht gerade für Modernität. Er wird aber nicht abdanken zugunsten von William. Charles wartet auf den Job, er ist der am längsten wartende Thronfolger der ganzen Welt.

Interview: Wolfgang Hauskrecht

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