„Die Gefahr für Bayern ist sehr begrenzt“

von Redaktion

INTERVIEW Clemens Wendtner leitet die einzige Spezialeinheit für hochansteckende Infektionen im Freistaat

Wie gefährlich ist das neuartige Coronavirus? Könnten Reisende es bald nach Bayern tragen? Antworten gibt Prof. Clemens Wendtner, Leiter der Abteilung für Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing, wo Bayerns einzige Spezialeinheit für hochansteckende Infektionen untergebracht ist.

Müssen wir uns auch in Bayern Sorgen machen?

Das Risiko für Bayern ist derzeit als gering bis sehr gering einzustufen. Es handelt sich um ein eher lokales Problem in Asien. Außerhalb von China sind nur wenige Fälle dokumentiert – und von Asien bis nach Bayern ist es ein weiter Weg. Das geht auch aus aktuellen Informationen des Robert-Koch-Instituts (RKI), der WHO und des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hervor.

Wie gefährlich ist das neue Virus?

Betroffene leiden an einer Lungenentzündung. Diese kann auch schwerer verlaufen. Aber die Sterblichkeit ist Gott sei Dank als sehr gering einzustufen – im Unterschied zu Sars oder auch zum Mers-Coronavirus.

Es rollt also kein neues Supervirus auf uns zu?

Nein! Es liegt inzwischen die Sequenz des Virusgenoms vor, also des Erbguts des Erregers. Damit können wir schnell per Gensequenzierung die Diagnose stellen. Wir haben zudem gute erste epidemiologische Daten. Daher erwarte ich hier keinen neuen Killervirus aus Asien.

Der Erreger ist von Mensch zu Mensch übertragbar. Wie schnell könnte das Virus um die Welt reisen?

Der Erreger ist nicht so hochansteckend, wie wir das von anderen Viren, Stichwort Ebolavirus, kennen. Vereinzelt gibt es Übertragungen von Mensch zu Mensch, aber sehr begrenzt. Der Hauptübertragungsweg ist von Tier zu Mensch. Das muss man bei aller kritischer Betrachtung des Geschehens berücksichtigen. Medizinisches Personal hat sich eher selten infiziert.

Was, wenn es das Virus doch zu uns schafft?

Dann gibt es gute Schutzmaßnahmen, wie man sie auch bei einer klassischen Influenza, einer Grippe, durchführt: Händedesinfektion, Mundschutz, für medizinisches Personal auch Augenschutz. Für eine Lungenspiegelung würde der Untersucher einen größeren Gesichtsschutz nehmen, denn dabei kann er stärker infektiösen Tröpfchen ausgesetzt sein. Ansonsten sind Schutzbrillen absolut ausreichend.

Eine Gesichtsmaske und ein Schutzanzug wären also nicht nötig?

Nein. Was man sich auch nicht vorstellen darf – obwohl wir das in Schwabing vorhalten –, dass wir dann einen Überdruckganzkörperanzug anlegen. Das ist nicht erforderlich.

Falls ein Patient mit verdächtigen Symptomen am Münchner Flughafen landet, kommt er zu Ihnen?

Ja. Das müsste aber per Umsteigerflug sein, denn direkte Flugverbindungen von Wuhan gibt es nur nach Paris, London und Rom. Würde ein Patient da unentdeckt durch die Kontrolle laufen und nach München kommen, wären wir bestens ausgerüstet.

Wie würde das ablaufen?

Der Patient mit Verdacht auf eine Lungenentzündung würde direkt in die infektiologische Abteilung kommen und in einem Unterdruck-Infektzimmer isoliert werden – ohne Personal und Mitpatienten zu gefährden. Ich denke, dass dies ausreicht.

Und falls nicht?

Dann haben wir in Schwabing die einzige Anlage für hochansteckende Erkrankungen in Bayern. Diese Sonderisolierstation für hochkontagiöse Krankheiten, „HoKo-Station“ genannt, werden wir für dieses neuartige Coronavirus aber nicht zwingend öffnen. Wir sind aber auf alles vorbereitet.

Weil sich das Virus auch verändern und infektiöser werden könnte?

Ja. Wir verfolgen natürlich die Mitteilungen des RKI und der WHO sehr aufmerksam. Ich bekomme wöchentlich Bulletins aus Berlin zur aktuellen Einschätzung der Lage. Gerade sind meine beiden Oberärzte am RKI, um sich noch mal Updates aus erster Hand abzuholen. Wir stehen also in engem Austausch mit deutschen und europäischen Behörden wie dem ECDC. Falls wir plötzlich doch einen „Shift“ bekommen, das Virus also hochinfektiös wird, könnten wir sofort unsere Anlagen hochfahren. Da haben wir in München eine sehr luxuriöse Position. Aber nach jetzigem Wissen gehe ich davon aus, dass das nicht nötig sein wird. Die Gefahr für Bayern ist sehr begrenzt.

Interview: Andrea Eppner

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